Der Gründer von Lichtland

Leben im eigenen Staat: Helmut Schätzlein weigert sich, Steuern zu zahlen – Das sorgt für viel Ärger
Ausgestiegen: Früher lebte er von und mit den Weintrauben. Heute sucht der frühere Geschäftsführer der Winzergemeinschaf... Foto: dpa

In einem Land, das Mord legitimiere, möchte Helmut Schätzlein nicht leben. Deutschland hält er für solch ein Land. Deswegen hat der Eibelstadter vor vier Jahren seinen eigenen Staat gegründet: den Freistaat Lichtland. Dort lebt er mit seiner Familie nach acht „universellen Gesetzen“, die den Weg zum Frieden und zur Vollendung der Seele weisen sollen. Doch Helmut Schätzlein kann nicht so friedlich leben, wie er sich das wünscht: Vom Landratsamt bis hin zum Bundesinnenministerium befassen sich verschiedene Behörden mit dem eigenwilligen Lichtländler, der auch Schusswaffen besaß.

Familie Schätzlein wohnt am Ortsrand von Eibelstadt (Lkr. Würzburg) – aber Lichtland sei eigentlich überall. Überall, wo ein Mensch sich für die Unabhängigkeit entschieden habe und nach den Gesetzen der Natur lebe. Das sagt der ehemalige Geschäftsführer der Winzergemeinschaft Franken (GWF), der seit einigen Jahren als Heilpraktiker arbeitet. Er erzählt, dass seine Idee schon in ganz Europa Anhänger gefunden habe.

Und wie viele Mitmenschen halten ihn für einen Spinner? „Vermutlich einige“, sagt der 54-Jährige. Aber die interessieren ihn nicht. Wenn sich Leute finden, die so denken wie er, freut er sich. Man könne aber niemanden zu seinem Glück zwingen, sagt Schätzlein. Er selbst hat seit 1995 die Nase voll vom deutschen Staat. Damals war die Abtreibung legitimiert worden, was der vierfache Vater unglaublich findet. „Wie kann man diesen unvorstellbaren Massenmord legitimieren?“, fragt er.

„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Markus Heuschmann, Ordnungsamtsleiter, über Helmut Schätzleins Weltanschauung

Die Philosophie von Lichtland nimmt unter anderem Anleihen bei Hildegard von Bingen und den Prophezeiungen von Papst Johannes XXIII., aber auch beim Natur- und Völkerrecht. Daraus leitet Schätzlein seine Berechtigung ab, das Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 beziehungsweise 1939 zu annektieren und treuhänderisch zu verwalten, was er seit Mai 2012 tut.

Denn seit der Diktatur des Dritten Reiches sei das deutsche Volk, das für die Gräueltaten der Nazis aufgrund fehlender Macht nicht verantwortlich sei, stets unterdrückt und ausgebeutet worden: erst von den Nazis, später von den Alliierten. Einer seiner Texte spricht unter anderem von Kriegshetze gegen das Deutsche Reich und Schuldaufrechterhaltung gegen das deutsche Volk.

Mit seiner Wortwahl könnte er den Anschein erwecken, politisch fragwürdiges rechtes Gedankengut verbreiten zu wollen. Dieser Vorwurf aber bringt Helmut Schätzlein regelrecht auf die Palme. „Lichtland ist der größte Gegner von Nazi-Faschismus, Hegemonialmachten und Globalimperialismus, den es gibt“, sagt er und verweist stolz auf seine Großeltern, die sich während des Zweiten Weltkrieges gegen die Nazis gestellt hätten. Lichtland stehe seines Wissens sogar auf einer „Index-Liste“ der Rechten.

Trotzdem unterhält Schätzlein Kontakt zu dem deutschen Journalisten und Dokumentarfilmer Michael Vogt, dem in der Vergangenheit schon einmal verfassungsfeindliche Bestrebungen vorgeworfen wurden. Schätzlein allerdings schreibt in einer E-Mail an diese Zeitung über Vogts Äußerungen, er habe weder etwas von Links, Mitte, noch von Rechts gespürt, sondern nur „Freiheitsdenken und Aufklärung“.

Als Bürger von Lichtland fühlt sich Schätzlein den deutschen Gesetzen nicht verpflichtet. Beispielsweise weigert er sich, die Grundsteuer für sein Haus in Eibelstadt zu entrichten. Damit gerät er in Konflikt mit den Gesetzen eines Landes, das sich ganz gegen seinen Willen für ihn durchaus noch zuständig fühlt.

Die Akte Lichtland füllt im Büro des Eibelstadter Bürgermeisters Heinz Koch ganze Ordner. „Ich bekomme jede Woche Post von Herrn Schätzlein“, sagt Koch. Der Lichtland-Gründer habe ihn wegen „Zwangs- und Gewaltaktionen“ sogar zu einer Geldstrafe von einer Million Euro in Gold verurteilt, berichtet Koch.

Zur Sicherung der Steuerschulden hat der Bürgermeister schon vor Jahren für die Stadt eine Sicherungsgrundschuld auf das Haus des Heilpraktikers eintragen lassen. Davon hat die Gemeinde allerdings nicht viel, solange sie sich nicht entschließt, wegen der stetig wachsenden unbezahlten Rechnungen das Grundstück zwangsversteigern zu lassen. Heinz Koch lässt sich deshalb gerade beraten, wie er vorgehen soll. Präzedenzfälle, an denen sich der Bürgermeister orientieren könnte, sind rar.

Auch das Landratsamt Würzburg müsse sich seit 2008 immer wieder mit Lichtland beschäftigen, sagt Markus Heuschmann, Leiter des Kommunal- und Ordnungsamtes. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“, so Heuschmann über die Weltanschauung des Helmut Schätzlein.

Die Staatsgründung hält er für rechtlich unbedeutend. Diese Ansicht bestätigt das Bundesinnenministerium, das der Bürgermeister um eine rechtliche Bewertung gebeten hatte. Für die Herauslösung eines Privatgrundstückes aus Staatsgebiet und Hoheitsgewalt der Bundesrepublik gebe es keine Rechtsgrundlage, heißt es von dort. Lichtland sei ein „Fantasiestaat“.

Dessen Gründer bekennt sich zwar zu einem friedvollen Leben, besaß aber Schusswaffen. Aus gut unterrichteten Kreisen war zu erfahren, dass die Polizei auf Antrag des Landratsamtes die Waffen sichergestellt habe, nachdem Helmut Schätzlein die ihm gesetzte Frist zur Abgabe hatte verstreichen lassen. Die Waffen, die Schätzlein legal besaß, werden bis zur endgültigen Klärung des Falles im Landratsamt verwahrt.

Die acht universellen Prinzipien für die Seelen dieser Welt

Helmut Schätzlein lebt nach den acht universellen oder auch göttlichen beziehungsweise kosmischen Prinzipien für die Seelen dieser Welt, die er auch auf seiner Homepage lichtland.org veröffentlich hat. Sieben davon leitet der Lichtland-Gründer aus schon in der Antike entwickelten Prinzipien ab, das achte hat er selbst angefügt.

1. Alles Materielle ist vom Geiste geschaffen: Demnach regelt ein göttlicher Schöpfergeist alles vom Werden bis zum Verfallen.

2. Das Prinzip von Ursache und Wirkung (Karma): Jedes Tun erzeugt eine Energie, die zum Urheber zurückkehrt. Dies gilt für Gedanken ebenso wie für Handeln.

3. Das Prinzip von Rhythmus und Schwingung: Alles ist in Bewegung und schwingt. Der Mensch soll diesen kosmischen Rhythmus annehmen.

4. Das Prinzip der Harmonie oder des Ausgleichs: Erfüllung gibt es nur in der Harmonie.

5. Das Prinzip von Resonanz oder Anziehung: Gutes wie Schlechtes zieht sich an, deshalb soll der Mensch im Licht handeln und denken.

6. Das Prinzip der Entsprechung oder Analogien: Das Innere bestimmt das Äußere; alles, was der Mensch tut, wird gespeichert. Daher soll der Mensch ein gutes Beispiel geben.

7. Das Prinzip des Geschlechts und der Polarität: Das Männliche und das Weibliche sind verschieden, ergänzen sich aber zu einem Ganzen und haben daher jeder seine Berechtigung.

8. Das Prinzip der Vollendung von Seele und Geist in Liebe und Licht: Alles findet in Liebe und Licht seine Rückbindung an Gott. „Wir sind Seelen und haben einen Menschen“, sagt Helmut Schätzlein. TEXT:csc

Leben in Liebe und Licht: Das will Helmut Schätzlein in seinem Freistaat Lichtland – Steuern zahlen will er nicht. Auf s... Foto: repro: MP

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