ZELL

Der Wasser-Marsch

Im Schutzgebiet: Wer in Würzburg am Hahn dreht, bekommt das kühle Nass aus Zell. Ein Spaziergang bei den Quellen.
Zum Schluss ein Schluck: Norbert Herrmann am Laurentiusbrunnen, aus dem es wieder frisch sprudelt.
Zum Schluss ein Schluck: Norbert Herrmann am Laurentiusbrunnen, aus dem es wieder frisch sprudelt. Foto: Alice NATTEr

Wie köstlich so ein Schluck kühles Wasser sein kann! Wie erfrischend. Nicht dass man Erholung – oder Entschädigung gar – dringend nötig hätte, wenn man oberhalb von Zell ein, zwei Stunden im Wasserschutzgebiet unterwegs war. Aber nach dem Marsch so ein frisches, berggekühltes Wasser – herrlich. Der Laurentiusbrunnen in der Hauptstraße der Main-Gemeinde sprudelt wieder, lässt aus der Mauernische bestes Trinkwasser fließen – auf dass der Wanderer sich daran labe.

Aber von vorn. Unsere Tour beginnt, wie soll es bei einem Wasserwanderweg anders sein, unterhalb des Wasserwerks, am Klosterbächlein. Dort, wo der Bach vom Gemüsegarten der Oberzeller Schwestern, unter dem Radweg hindurch die letzten Meter zum Main fließt, laden Stufen zum kurzen Verweilen vor dem Wandern ein. Zell liegt nicht nur am Wasser, Zell hat viel Wasser und Zell lebt auch vom Wasser, das aus seinem Berg fließt. Im Wasserwerk, wo die Tour beginnt, werden bis zu 280 Liter pro Sekunde aufbereitet – über die Hälfte des Würzburger Trinkwassers stammt aus den Zeller Quellen.

Über den Dächern des Dorfes

Genug Theorie – auf, losmarschiert! Mit Norbert Herrmann, dem Ortsgruppenvorsitzenden des Bund Naturschutz, geht es die Mainleitenstraße hinauf. Oder besser: einen Schleichweg die Mainleitenstraße entlang. „Toskana!“ Herrmann, gebürtige Zeller, blickt die Dächerlandschaft mit ihren Ecken und Winkeln, ihren Hinterhöfen, Balkönchen und Gärtchen hinunter. Ein Idyll. Der Verkehrslärm vom Tal ist gedämpft zum leichten, monotonen Brummen. Am Ende der Mainleitenstraße markiert eine Schranke den Weg ins ökologische Wasserschutzgebiet. Wer jetzt zum drei Kilometer langen Wasserlehrpfad rund um die Hochfläche der Hohen Klinge weiter will, geht rechter Hand das schmale, eingewachsene „Hurepfädle“ entlang bis zum Ortsende, bis zum alten Friedhof. Wieso des Pfädle bei den Einweihten wohl so heißt?

Von Italien in die Rhön

Nicht lange gemunkelt, wir lassen Italien hinter uns und nehmen nach der Schranke gleich den Weg steil hinauf durch den Wald. Richtung Naturlehrpfad, auf den Berg. Oder wie Norbert Herrmann sagt: in die Rhön! Ein kurzer steiler Anstieg, dann steht man mitten in der offenen Landschaft. Jetzt wird es für eine Weile trocken, auf unserem Wasser-Marsch. Auf der riesigen Freifläche, die bis vor 30 Jahren landwirtschaftlich beackert wurde, wehen heute weitläufig die Gräser ungedüngter magerer Wiesen. Feldlerchen-Männchen schrauben sich mit trillernd-jubilierendem Gesang in die Höhe und lassen sich wieder fallen. Schmetterlinge flattern, Rebhühner brüten, auf einem Pfahl überwacht ein Greifvogel die Lage. 40 Pflanzenarten von der roten Liste haben die Naturschützer hier gezählt. Sich selbst überlassen, hat die Natur im Laufe der Jahre ihr ökologisches Gleichgewicht wiederhergestellt.

Gemäht ist nur der Weg, den der Wanderer gehen kann. Vom ersten Rastplatz aus geht der Blick ins Tal, nach Gadheim und Thüngersheim hinüber. Etwas weiterspaziert durch die sanft geschwungene Wiesenlandschaft, auf dem nächsten Höhenrücken, öffnet sich ein völlig neuer Blick auf Würzburg – mit der Festung mal von hinten.

Wer den Blick nicht in die Ferne schweifen lässt, sieht vor sich viele bunt blühenden Stauden: Wilder Majoran, Wegwarte, schwarze Königskerze sind hier ausgesät worden, um dem „Wildwuchs“ nachzuhelfen. Ein Golfplatz sollte hier mal entstehen – gut, dass nichts daraus wurde: Die Natur dankt's. An der ein oder anderen Stelle im Wasserschutzgebiet wurde Baumschnittgut aufgeschichtet, sogenannte Benjeshecken. Wenn die Vögel, die im dem Zweigdickicht rasten und brüten, viel Gehölzsamen ausscheißen, wächst mit der Zeit eine Hecke auf.

Wege und Routen je nach Lust

Der Main? Ganz verschwunden. Der Zivilisationslärm? Verschluckt bis auf das Knattern der Flieger vom nahen Hettstadter Flugplatz. Wer mag, läuft die Wiesensenken weiter, den Rundweg entlang, zum Gutshof und der alten Feldscheune. „Den einen Weg gibt es hier nicht“, sagt Norbert Herrmann. Hier oben gibt es Wege und Routen je nach Lauflust und Zeit.

Wir biegen ab, Richtung Klingengraben. Noch ein Päuschen am Waldrand mit Blick auf die Rhön? Dann geht's hinein ins kühle Grün, wo auch der Wasserlehrpfad entlang führt. Urig wachsen hohe Bäume die steilen Hänge empor, manch tiefer Einschnitt mag ans Hochgebirge denken lassen. Zum alten Friedhof ist's jetzt nicht mehr weit. Und dann ist man auch schon zurück, in Toskana-Zell. Wer hungrig ist, läuft schnurstracks ins Gasthaus Rose mit seiner Brunnenstube. Leise plätschert dort der Wasserlauf des Rosenbrunnens. Und sonntags hat hier das Wassermuseum geöffnet, für all die, die mehr erfahren wollen über die Zellen Quellen. Wem's nicht nach Information dürstet, sondern nur nach etwas Kühlem: Beim heiligen Laurentius gibt's Erquickung. Ein Tritt aufs Pedal unten genügt – Wasser marsch!

Durchs Wasserschutzgebiet

Im ökologischen Wasserschutzgebiet Zell gibt es mehrere lohnenswerte Routen. Gut beschildert sind der Naturlehrpfad (2,8 km) und der Wasserlehrpfad (3,3 km) der Trinkwasserversorgung Würzburg GmbH (TWV). Unser Weg startet am Wasserwerk beim Kloster Oberzell und führt dann ein Stück den einen, ein Stück den anderen Pfad entlang.

Sehenswürdigkeiten: Das Zeller Wassermuseum in der Brunnenstube des Gasthauses „Zur Rose“ hat bis Ende Oktober immer sonntags von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Wer zu einer anderen Zeit kommen mag: Tel. (09 31) 4 68 78-11. Dort kann man auch Führungen zu den Brunnen oder dem stillgelegten Bürgerbräustollen buchen. Norbert Herrmann vom Bund Naturschutz führt durchs Schutzgebiet, Tel. (09 31) 46 25 15.

Immer ein Abstecher wert: das Kloster Oberzell mit seinem herrlichen Klostergarten und der Basilika aus dem 12. Jahrhundert. Trinkwasserwanderung: Jedes Jahr organisiert die WVV eine Wanderung zum Thema Trinkwasser. Heuer am Samstag, 16. Juli. Infos unter www.wvv.de

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