WÜRZBURG

Der Weg in die tödliche Verzweiflung

Ein Bild aus guten Tagen: Mohammad Rahsepar im Spätsommer 2011 bei einem Besuch im Würzburger Hofgarten. Foto: privat

Vier Tage nach dem Suizid des iranischen Asylbewerbers Mohammad Rahsepar in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Würzburg herrscht Fassungslosigkeit, wie der 29-Jährige in eine derart verzweifelte Lage kommen konnte. Dabei, das zeigen Recherchen unserer Zeitung, gab es vor Monaten bereits Warnsignale. Ein von dem Iraner ersehnter Umzug zur Schwester in Köln wurde nicht bewilligt. Er sei, darin sind sich seine Begleiter einig, am Kasernencharakter der GU und seiner ungewissen Asylperspektive zerbrochen.

Rahsepar war im Iran im Polizeidienst. Nachdem er dort, wie Freunde berichten, Befehle verweigerte, habe man ihn gefoltert. Schließlich floh er – wie seine Schwester Azar ein knappes Jahr zuvor – nach Deutschland. Die 40-Jährige, das berichtet sie im Gespräch, durfte nach einer kurzen Zeit im Auffanglager Trier schnell in eine Privatwohnung wechseln. Schon nach drei Monaten sei sie als politisch Verfolgte anerkannt worden, zog mit ihrer Tochter (8) nach Köln um.

Ihr Bruder Mohammad erlebte in Bayern anderes. Mitte Juni 2011 wurde er nach der Landung in die Zentrale Erstaufnahme in Zirndorf gebracht. Schon dort wies ein Allgemeinarzt auf seinen problematischen Gesundheitszustand hin. Das Attest dazu liegt dieser Zeitung vor, es wurde von seiner Schwester freigegeben. Danach hatte Rahsepar nur noch eine Niere. Es bestehe ein erhöhtes Risiko, u.a. für Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen und psychische Belastung.

Der Iraner galt als traumatisiert. Aufgrund seiner Leidensgeschichte und deren Folgen sei aus ärztlicher Sicht ein Transfer des Patienten zu seiner Schwester nach Köln oder in deren Umgebung „dringend angeraten“, schrieb der Arzt vor sieben Monaten. Doch Mohammad Rahsepar musste in Bayern bleiben, wo Asylbewerber grundsätzlich in Sammelquartiere eingewiesen werden. Nach Köln durfte er nicht, die in Nordrhein-Westfalen zuständige Bezirksregierung lehnte Mitte August ab. So wurde er zum 1. September in die GU nach Würzburg geschickt.

Hier bezog er mit einem Flüchtling aus dem Iran ein Doppelzimmer. Bilder aus den ersten Tagen zeigen einen fröhlichen, geselligen jungen Mann – im Würzburger Hofgarten, auf einem Ausflugsschiff, gemeinsam mit Freunden. Doch über die Monate muss sich seine Welt gewaltig verdunkelt haben. Er wurde immer depressiver.

Anfang Dezember begab er sich für zwölf Tage in stationäre Behandlung der Uni-Psychiatrie. Dort, so steht es in einer ärztlichen Bescheinigung vom 19. Dezember, habe er Suizidgedanken geäußert, die im Würzburger Asylbewerberheim durch die Trennung von Familienangehörigen und die belastende „kasernenähnliche“ Umgebung aufgetreten seien.

Seine Schwester zitiert aus dem Befund, der dieser Zeitung vorliegt: „Ein vom Patienten gewünschter Transfer vom Asylbewerberheim in Würzburg in die Gegend von Köln, wo die Schwester des Patienten wohnt, wird von uns unbedingt befürwortet.“ Weil die Entscheidung darüber ausstehe, sei aus ärztlicher Sicht zumindest ein mehrwöchiger Besuch Rahsepars bei seiner Schwester sinnvoll. Tatsächlich genehmigte die zuständige Behörde – die bei der Regierung von Mittelfranken angesiedelte Zentrale Rückführungsstelle Nordbayern – zwei zehntägige Aufenthalte bei der Schwester in Köln. Kosten für die Erlaubnis: jeweils zehn Euro. Ein genereller Umzug blieb ihm verwehrt. Die neuen ärztlichen Gutachten, teilt die Regierung von Mittelfranken auf Anfrage mit, habe man an den Landesbeauftragten in Zirndorf und von dort nach Nordrhein-Westfalen weitergereicht – im Nachgang zum bereits abgelehnten Umzugsantrag.

Hätte Mohammad Rahsepar nicht das Bundesland wechseln, sondern nur aus der Würzburger GU in eine Privatwohnung ziehen wollen – dann wiederum wäre die Regierung von Unterfranken zuständig gewesen. „Ein Antrag dafür lag nicht vor“, sagt Regierungssprecher Johannes Hardenacke. Ein bürokratisches Geflecht, das für Betroffene kaum zu durchschauen ist. Fakt ist laut Anwälten: Nur äußerst selten wird ein Auszug aus der GU aus gesundheitlichen Gründen bewilligt. Argumentiert wird mit der ausreichenden medizinischen Versorgung. Als Mohammad Rahsepar am Samstag mit Schmerzen in die Würzburger Kopfklinik eingeliefert und wenige Stunden später wieder entlassen wurde, konnte er seine Beschwerden nicht erklären: Es gab keinen Dolmetscher. Noch am gleichen Tag, dem des Suizids, schrieb die Uniklinik für Rahsepar die Rechnung: zehn Euro Praxisgebühr.

Was für eine Diskrepanz: Dort die Schwester, die nach wenigen Wochen in einer Privatwohnung leben darf und als politisch Verfolgte mit Aufenthalts- und Arbeitsrecht anerkannt ist. Hier der Bruder, der nach sieben Monaten auf politisches Asyl wartet, zusammengepfercht mit 450 Flüchtlingen in einer Ex-Kaserne, zur Untätigkeit gezwungen. „Sind die Menschenrechte in Deutschland nicht für alle gleich?“ fragt Azar Rahsepar anklagend. Sie hat am Mittwoch in der Aussegnungshalle Abschied von ihrem Bruder genommen. Sein Leichnam soll in den kommenden Tagen in den Iran überführt werden.

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