Die Botschaft der Steine

Judenfriedhof Wenkheim: Er gehört zu den schönsten weit und breit. Und er mahnt, nie mehr wegzusehen, wenn die Welt Menschenrechte mit Füßen tritt.
Im Wald: Die Grabsteine im neuen Teil des Judenfriedhofes von Wenkheim (Main-Tauber-Kreis) sind reich mit Ornamenten geschmückt.
Im Wald: Die Grabsteine im neuen Teil des Judenfriedhofes von Wenkheim (Main-Tauber-Kreis) sind reich mit Ornamenten geschmückt. Foto: T. Obermeier

Spurensuche ist Ziel einer Wanderung auf unbeschildertem Terrain um den 800-Seelen-Ort Wenkheim (Main-Tauber-Kreis). Nicht die Spuren anderer Wanderer gilt es zu finden – die sind so zahlreich nicht in der tauberfränkischen Enklave an der Grenze zum Landkreis Würzburg. Gemeint ist die Spur jüdischen Lebens, das im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt und 1940 ausgelöscht wurde.

Von der Bushaltestelle Dorfbrunnen gehen wir rechts die Obertorstraße entlang, biegen erst rechts in die Hindenburgstraße und dann links zum „Mühleck“ ein. Das Asphaltband steigt an und führt nach einem Kilometer in den Wald. Geradeaus weiter passieren wir Parkplatz und Kinderspielplatz, dann taucht links die Mauer auf, die den jüdischen Friedhof umgibt.

1590 wurde hier der erste Grabstein aufgestellt. Die letzte Beerdigung erfolgte 1938, zwei Jahre vor der endgültigen Auslöschung der jüdischen Gemeinde Wenkheim. In den dreieinhalb Jahrhunderten zwischen den beiden Daten wurden Tote aus der weiten Umgebung, aus Grünsfeld, Bischofsheim, Rinderfeld, Schönfeld und Oberaltertheim hier beerdigt.

Warmes Grün schimmert durch die Gräberflucht, das Moos auf den Grabsteinen leuchtet im flachen Licht der Morgensonne. Die Schlichtheit, Kargheit der Gräber vor allem im ältesten Teil des „Wenkheimer Judenbegräbnis“ verweist auf das Wesentliche. Blumen und Lichter auf den Gräbern kennt man im Judentum nicht. Für Juden gilt, dass durch Unbilden des Wetters beeinträchtigte oder beschädigte Grabsteine nicht restauriert werden. „Ein Grab darf nicht gepflegt werden. Daher kommt die Redensart: Da wächst Gras drüber“, erläutert Johannes Georg Ghiraldin, Vorsitzender des Vereins zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum.

Segnende Hände kennzeichnen Priestergräber, florale Symbolik ist auf Frauengräbern zu finden, die Kanne weist den Verstorbenen als Mitglied des Stammes der Leviten aus. Einzigartig ist die Darstellung einer Pickelhaube auf dem Grabstein eines Soldaten namens Herz, der 1866 im Deutschen Bruderkrieg an den Gefechten bei Helmstadt und Uettingen beteiligt war und seinen Verletzungen erlag. Hier wird der Versuch vieler Juden des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich, ihre Angehörigen noch im Tod als vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu präsentieren.

Am Friedhof vorbei geht es den geschotterten Weg bergab, nach rund 200 Metern halten wir uns halb links und biegen auf den Weg ein, der uns waldauswärts bringt. Bevor wir die befestigte Straße im Grund erreichen, biegen wir nach der Feldhecke rechts ab und laufen am Waldsaum weiter. Der Weg schlängelt sich zwischen Wald und Talgrund am Hang entlang, hier verläuft die Grenze zwischen dem Landkreis Würzburg und dem Main-Tauber-Kreis. Nach etwa einer halben Stunde endet der Wald, die Landschaft weitet sich und geradeaus erscheinen die Häuser von Hof Baiertal mit der in Blickrichtung rechts gelegenen, 1868 erbauten Kapelle.

Vom Talgrund aus steuern wir auf das Kirchlein zu, queren die Straße, die in die Hauptgemeinde Großrinderfeld führt. Direkt an der Kapelle grüßen imposante Grabsteine aus der Gründerzeit. Von der Kapelle geht es die Teerstraße bergan, vorbei an einem Kreuzschlepper und einem Bildstock mit reicher Ornamentik, der den 14 heiligen Nothelfern gewidmet ist.

Auf der Höhe erwartet uns bei klarem Wetter ein grandioser Blick weit über Tauber- und Welzbachtal hinaus. Am Waldrand biegen wir an einem alten, knorrigen Birnbaum rechts ab, queren die Straße nach Großrinderfeld und folgen den Schildern talwärts nach Brunntal. Wer das asphaltierte Band verlassen will, biegt rechts auf einen Waldweg ab, der gleichfalls nach Brunntal führt.

Den Ortsteil der Gemeinde Werbach erreichen wir in der Kreuzbergstraße, gehen auf der Hauptstraße Richtung Werbach, biegen am Brunnen mit dem Bachlauf rechts ab und marschieren in einem weiten Bogen im Talgrund zurück nach Wenkheim.

Nachweislich seit dem 16., vielleicht schon zwei Jahrhunderte früher siedelten Juden im Ort, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zählte die Gemeinde 188 Köpfe, man beantragte den Bau einer neuen Synagoge. Die „Judenschul“ wurde 1840 eingeweiht.

Beim Novemberpogrom 1938 hatte der Mob die Inneneinrichtung der Synagoge demoliert und die Kultgegenstände geplündert, das Gebäude aber nicht niedergebrannt, da die Nazi-Schergen ein Übergreifen der Flammen auf umliegende Gebäude befürchten mussten. Danach diente das Haus der Hitlerjugend als Schulungsraum und beherbergte belgische Kriegsgefangene.

Johannes Georg Ghiraldin, pensionierter Religionslehrer aus Tauberbischofsheim, erzählt, wie er 1980 bei einer Radtour mit Schülern nach Wenkheim kam und die hebräische Inschrift über der Türe entdeckte. „Das ist das Tor zum Herrn. Nur Gerechte treten hier ein.“ 1984 gründete der Religionslehrer mit anderen den „Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum“, bald begann die behutsame Renovierung der einstigen Synagoge. Besonders beeindruckend sind Stuckkassettendecke, Arkadengang und vergitterte Frauenempore. Dort erläutern Schautafeln jüdische Geschichte in Taubertal und Umgebung. Lehrreich auch die Erläuterungen im Keller, wo die Restauratoren die Mikwe freilegten, das Ritualbad.

Durch die Synagoge führt nach Anmeldung der ehemalige Ortsvorsteher Walter Schmidt, Hindenburgstraße 4, Tel. (0 93 49) 3 47.

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