WÜRZBURG

Doktorfabrik beschäftigt die Justiz

20 zweifelhafte Arbeiten, vier davon unter Plagiatsverdacht - die Universität Würzburg bemüht sich um Klarheit im Titelskandal am Institut für Medizingeschichte.

Offiziell ist es ruhig geworden im Fall um angeblich gekaufte Doktorarbeiten am Institut für Medizingeschichte der Universität Würzburg. Doch diversen Juristen macht der Fall weiter Arbeit.

2009 hatte die Staatsanwaltschaft Würzburg gegen den fleißigen Doktorvater – der nach eigenen Angaben über 200 Dissertationen betreut hatte – einen Strafbefehl erlassen. Die Staatsanwaltschaft hielt es für bewiesen, dass zumindest in sechs Fällen Geld (teilweise als Darlehen für Forschungsvorhaben des Professors) geflossen war.

Der Anwalt des in Ruhestand gegangenen Professors betont: Der Strafbefehl wegen Vorteilsnahme erging unabhängig davon, ob ein Zusammenhang mit den Doktorarbeiten bestand. Dies belegt auch der Wortlaut des Strafbefehls, der unserer Redaktion vorliegt (wir berichteten).

Im Frühjahr 2011 sorgte der Fall aber erneut für Wirbel – durch ein Dossier, das ein oder mehrere anonyme Insider an Justiz und Medien schickten. Auf 40 Seiten werden dubiose Vorgänge um die Entstehung von Doktorarbeiten an diesem Institut geschildert, die Universitätsleitung kommt dabei denkbar schlecht weg. Der anonyme Verfasser listete Fakten, Zitate aus internen Schreiben sowie Aktenzeichen auf und behauptete: Der Professor habe Doktortitel verschachert.

Das beschäftigte erneut die Staatsanwaltschaft. Sie eröffnete wieder das Ermittlungsverfahren gegen den Professor, fand aber keine Belege für neue Straftaten. Das Verfahren sei im Mai eingestellt worden, sagt der Anwalt des Gelehrten. Von den Behauptungen sei nichts übrig geblieben. „Jetzt haben wir schriftlich, dass sich mein Mandant in der Hinsicht nicht strafbar gemacht hat.“

Dafür hat die Staatsanwaltschaft aber – zwei Jahre nach dem Professor – auch jenem Mittelsmann einen Strafbefehl geschickt, der in dem Dossier erwähnt war. Er hatte Kontakte zu Personen hergestellt, die an einem Doktortitel interessiert waren und dem Professor Geld gezahlt. Auf Anfrage bestätigte die Staatsanwaltschaft: Der 58-Jährige habe 2005 und 2006 in drei Fällen je 1000 Euro gezahlt, um sich erkenntlich zu zeigen, den Professor zu motivieren und ihn bei der Umsetzung von Forschungsvorhaben zu unterstützen. Beide Strafbefehle sind rechtskräftig.

Daneben ließ die Universität – aufgerüttelt vom Dossier und den Schlagzeilen darum – durch Gutachter monatelang Doktorarbeiten prüfen, die unter Obhut des Professors entstanden waren. 20 Arbeiten haben Anlass zu Zweifeln geliefert. Laut Uni-Pressesprecher Dr. Georg Kaiser haben die Prüfer vier Doktorarbeiten herausgefiltert, bei denen Plagiats-Verdacht besteht.

Die Mängel sind – wie der Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Matthias Frosch, versichert – so massiv, dass die wissenschaftlichen Arbeiten „nicht einmal Mindeststandard erfüllen“. Die Uni hat sich entschlossen, in diesen vier Fällen den Doktortitel nachträglich abzuerkennen. Uni-Sprecher Kaiser sagt: Alle vier Doktoren wollen juristisch gegen den Verlust des Doktortitels vorgehen. Damit steht ein Streit bevor, der auf Jahre Gerichte beschäftigen dürfte.

Einer der Vier reagierte extrem ungehalten auf die Nachfrage, ob...


...gegen vier- bis fünfstellige Zahlungen Doktortitel verschachert wurden. Dies ließ nämlich eine Liste mit abgekürzten Namen und Beträgen vermuten, die der Universität Würzburg bei ihren Nachforschungen in die Hände gefallen war.

Der Zahnarzt aus Baden-Württemberg ließ sofort über seinen Anwalt das Betreten der Praxis, die Kontaktaufnahme mit der Familie seines Mandanten und jede Berichterstattung verbieten, die ihn identifizieren könnte. Alle im Raum stehenden Vorwürfe werde man ausräumen, versichert der Anwalt.

Das bestätigt aber, dass es tatsächlich Zweifel daran gibt, wie sein Mandant zu seinem Doktortitel kam. Der Anwalt schrieb unserer Redaktion: „Es ist richtig, dass die Dissertation unseres Mandanten – wie viele andere Dissertationen, die bei der Universität Würzburg vorgelegt worden sind – Gegenstand eines Prüfverfahrens ist.“ Dann fügt er an: „Die Vorwürfe werden im Lauf des Rechtsweges widerlegt werden.“

Medizin-Dekan Professor Frosch, der die Auseinandersetzung um die angebliche Doktorfabrik vom Vorgänger geerbt hat und sich um eine saubere Klärung des Falles bemüht, hat einige der angekreideten Fehler in den Arbeiten gesehen. Er ist sich sicher: Die Uni hat ausreichend Belege, um die gerichtliche Auseinandersetzung gegen die Doktoren zu bestehen.

Auch politisch wurde der Fall durch das 40-seitige anonyme Dossier brisant. Darin wird nämlich behauptet: Bereits 2006 habe die Universität Zweifel gehabt, ob der von dieser Zeitung kontaktierte Zahnarzt seinen Doktortitel zu Recht bekomme.

Doch der sei ein Freund des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Günther Oettinger (CDU). Diese Beziehung habe er zu politischer Einflussnahme genutzt. Oettinger habe – so das anonyme Schreiben – den damaligen bayerischen Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) um Hilfe gebeten.

An dieser Version gibt es Zweifel, auch wenn sich der Zahnarzt weder über seine Freundschaft zu Oettinger noch zu einem Treffen der beiden im Sommer 2006 in einem Café in Stuttgart äußert. Thomas Goppel (CSU) klagt zwar auf Anfrage unserer Redaktion zunächst über die „inquisitorischen Fragen“. Danach bemüht er sich aber, Fakten von Fiktion zu trennen.

Tatsächlich habe sich jener Zahnarzt „seinerzeit wegen Unregelmäßigkeiten in seinem Promotionsverfahren an der Universität Würzburg schriftlich an mich gewandt“. Der Vorgang sei aber korrekt vom zuständigen Referat des Ministeriums bearbeitet worden. Er als Minister habe „zu keinem Zeitpunkt Weisungen erteilt.“ Ebenso wenig gab es eine fachliche Einflussnahme, „schon gar nicht aus dem Ministerbüro“.

Der heutige EU-Kommissar Oettinger antwortet aus Brüssel auf die Frage nach seinem Zahnarzt-Freund europäisch knapp: „Kein Kommentar!“ Doch damit ist es nicht getan. Anfang 2012 ging...


...bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige mit Beschuldigungen gegen Oettinger ein, die unserer Redaktion in Kopie vorliegt.

Von Machart und Ton ähnelt sie dem anonymen Schreiben aus dem Vorjahr über die Würzburger Doktorfabrik wie ein Zwillingsbruder dem anderen: „Missbrauch von Amtsstellungen“ und „wiederholtes Vereiteln von Straftaten bis heute“ werden dem Politiker in dem dreiseitigen Schreiben unterstellt und die Staatsanwaltschaft „um Überprüfung“ gebeten.

Claudia Krauth, Sprecherin der Ermittlungsbehörde, bestätigte damals auf Nachfrage: „Eine Strafanzeige ist Mitte Januar eingegangen.“ Jetzt teilte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft mit: Nach genauer Prüfung sei kein Ermittlungsverfahren eröffnet worden. Die anonyme Anzeige hatte nicht genug Substanz, um auch nur einen Anfangsverdacht zu rechtfertigen.

Doktorfabrik an der Uni Würzburg (Symbolbild): Mittlerweile ein verstrickter Fall für die Justiz.
Doktorfabrik an der Uni Würzburg (Symbolbild): Mittlerweile ein verstrickter Fall für die Justiz.

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