SCHWEINFURT/STADTLAURINGEN

Ein Gedicht von einem Weg

Von Schweinfurt nach Stadtlauringen: Auf den Spuren des Dichters Friedrich Rückert
Ein Gedicht von einem Weg

Er schaut uns nach. Und mit ihm zwei Damen. Die beiden sind allegorische Figuren aus Stein. Die eine versinnbildlicht Liebes- und Vaterlandsdichtung und wird „Lyrik“ genannt, die andere, als „Forschung“ bezeichnet, liest ein großes Blatt Papier. Beide beschreiben Werk, Wissenschaft und Wonnen des Friedrich Rückert. Dieser 1788 im Fichtel‘schen Haus in Schweinfurt geborene Mann ist in die Geschichte eingegangen als über die Maßen fleißiger Dichter und anerkannter Wissenschaftler, dem seine Geburtsstadt Schweinfurt 1890 auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet hat. Bis heute sitzt die Steingestalt bei Wind und Wetter auf einem breiten Sessel, der auf einem einfachen Postament aufgestellt ist, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Knie und den leicht geneigten Kopf in die Rechte gelegt.

Inmitten des Marktgeschäftes, schräg gegenüber vom prächtigen Renaissance-Rathaus beginnt ein Wanderweg, der vor gut 20 Jahren aus Anlass des 200. Geburtstages von Friedrich Rückert angelegt wurde, dessen Namen trägt und auf 143 Kilometern die Stationen eines Forscher- und Poetenlebens berührt. Denkmäler hier und da und Tafeln an mancher Hauswand erinnern unterwegs an Lieblings- und Wirkungsstätten des Mannes, von dem man sagt, er habe nicht nur gedichtet, sondern auch an die 50 Sprachen gesprochen und den Orient erforscht. Ein kleines schwarzes Profilbrustbild, einem Scherenschnitt gleich, geleitet Wanderer und/oder Reimfreaks hinunter zum Main, durch dichte Wälder, über fette, von Stromleitungen überzogene Wiesen, auf denen sich ein paar Vögelchen zusammengerottet haben. Der Friedrich-Rückert-Wanderweg führt über die Haßberge bis nach Neuses bei Coburg, den Ort, an dem Rückert 1866 verstorben ist.

„Fuhren wir herab den Main/Still und frohgemut/Lag des Abends heller Schein/Vor uns auf der Flut“, reimte er seinerzeit. So idyllisch wie zu Zeiten des Dichters ist der Fluss heute nicht mehr. Doch er glitzert immer noch in der Morgensonne, blubbert sich hier und da zu kleinen Wasserkreisen auf und gibt glitzernden Libellen und anderem Getier Lebensraum. Der Scherenschnitt-Rückert führt uns vorbei an einem Denkmal der Industriegeschichte, einem fahrbaren Kran mit Greiferdreharm von 1926. Kurz nach dem sandsteinernen Hauptzollamt geht es Richtung Peterstirn, früherer Klostersitz der Benediktiner und Burgenstandort, steil vorbei an einem breiten Tor, auf dem ein Schweinfurter Reichsadler prangt. Wilhelm Sattler, Erfinder des berühmt-berüchtigten Schweinfurter Grün, und seine Vorfahren haben sich hier verewigt.

Der nun folgende Weg zeigt Main- wie Weinfranken von seiner verführerischen Seite, erfreut Augen und Herz so sehr, das der Schritt fester, die Entspannung spürbarer wird und die Natur sich voll im Gemüt breitmacht. Unten im Tal der graugrüne Fluss, ein weiter, freier Blick über Obstbaumfelder und Wiesengrün. Dazu knorrige Rebenreihen, deren Trauben Rückert so geliebt haben muss, dass er sie sich angeblich bis ins hohe Alter hat nachsenden lassen.

Der Bergfried der Mainburg, im 13. Jahrhundert Besitz derer von Wildberg, weist darauf hin, dass ein erstes Teilziel erreicht ist. In dem alten Gemäuer hängt noch immer der Geist einer wechselhaften Geschichte, und illustre Gäste wie der Märchendichter Ludwig Bechstein, der junge König Ludwig I., Viktor von Scheffel (Dichter des Frankenliedes), Otto von Bismarck, Graf Zeppelin und nicht zuletzt Friedrich Rückert hinterließen ihre Spuren.

Als der in einem Gedicht von einem „Teppich für meine Sohlen“ spricht, mag er den nun kommenden Meerbach- oder auch den folgenden Ottenhäuser Grund unter den Füßen wahrgenommen, das dichte Moos gespürt und sein Empfinden in einen seiner vielen Reime gepackt haben. Hier herrscht zwar rechte Düsternis, doch schimmert der Waldsaum im Frühling noch lindgrün, mancher Nistkasten ist bevölkert, und weit und breit, auf und ab ist nichts ist zu hören außer dem Gewisper der Natur. Später wird‘s schon ein bisschen lauter. Links am Weg liegt die ehemalige Ottenhäuser Mühle. Die Tannberger Hütte in der Nähe ist nicht immer bewirtschaftet. Danach nähern wir uns dem Ellertshäuser See, einem vom Sauerquellenbach gespeisten Freizeit- und Badegewässer. Enten gibt es genügend, die Karpfen, Schleien, Hechte und Zander tummeln sich unter krausen Wasserwellchen. Einladend sieht es aus, Liegewiesen, Bootshafen, Bootsverleih, Campingplatz und Segelschule sind für Ausflügler gerüstet, und die Seegaststätte lädt zur Rast ein am mit zirka 33 Hektar größten Stausee Unterfrankens. Wer hineinspringen möchte, muss in dem bis zu 14 Meter tiefen Gewässer mit kühleren Temperaturen rechnen, mehr als 22 Grad sind auch im Hochsommer nicht drin.

Der Scherenschnitt-Rückert führt uns vom Parkplatz der Gaststätte aus über einen Forstweg vorbei an einer mit Feldblumen übersäten Wiese hinein in den Wald. Betäubt von frischen Baumdüften, berührt von den Kreuzwegstationen, vorbei an Hochsitz, kurzem Gestrüpp und Baumbestand geht es bis zur Pfaffenhöhe. Wieder geht das Herz auf beim überwältigenden Ausblick über die Haßberge. Der Mittelgebirgszug des Naturparks Haßberge, beäugt von einem imposant und lautlos unter dem wolkenlosen Himmelszelt schwebenden Bussard, breitet sich aus, das neubarocke Schloss Craheim auf seinem künstlich aufgeschütteten Hügel ist milde umwachsen und grüßt herüber, links spitzt die Kapelle am Kerlachsberg hervor.

Bis Stadtlauringen ist es nicht mehr weit. Der Ort, 1484 mit den Stadtrechten ausgezeichnet, ist ein kleines Schmuckkästchen, verlockt zu einem Abstecher und belohnt stramme Wanderer mit seiner Geschlossenheit. Ein Augenblick der Besinnung in der sorgfältig modernisierten St. Johannis-Kirche mit Barockaltären und roten Gesimsen lohnt sich, der Marktplatz mit seinen alten wohl proportionierten Gebäuden, der alten Sparkasse mit dem Schopfwalmdach, mit dem fürstbischöflichen Amtshaus, der ehemaligen Zentscheune, ein paar Schritte in die gepflegten Gassen und zum Lipsenbrunnen, der Stelle, wo der Nachtwächter gerufen hat, ist ein würdiger Abschluss eines Wandertages auf dem Friedrich-Rückert-Wanderweg. Im mit Fachwerk geschmückten Marktstüble schmecken Bier und Wein. Wer weiß, wie oft der Poet und Franke Friedrich Rückert sich hier am Markt gelabt hat?

Rückert-Wanderweg

Charakter: mittelschwere Tour von insgesamt 143 Kilometern, der hier beschriebene Abschnitt ist rund 30 Kilometer lang und führt meist durch unberührte Natur. Informationen: Begleitbroschüre mit Wanderkarte bei: www.hassberge-tourismus.de

Das Buch zur Serie: „Wandern in Mainfranken“ ist zum Preis von 9,95 Euro in allen Geschäftsstellen der Mediengruppe Main-Post erhältlich.

Markant: Ein Scherenschnitt als Wegmarkierung.
Markant: Ein Scherenschnitt als Wegmarkierung.

Rückblick

  1. Unterwegs mit Seelenruhe
  2. Milseburg: Zwischen Himmel und Erde
  3. Zwischen Birken und Basalt
  4. Wein, Wein, überall Wein
  5. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  6. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  7. Auf dem letzten Weg der Toten
  8. Per Rad hinein ins Himmelreich
  9. Wilde Schönheiten jahrtausendealt
  10. Leidenschaftliche Pfadfinder
  11. Liebliches Tal im dunklen Spessart
  12. Radel-Tipp 1: Entspannter Feierabend
  13. Radel-Tipp 2: Holprig um Hofheim
  14. Radel-Tipp 3: Mit Rennrad im Spessart
  15. Radel-Tipp 4: In Würzburgs Wäldern
  16. Da geht's lang! Die besten Radwege Unterfrankens
  17. Wanderwochenende dieser Zeitung: Spaß, Flair, Spannung
  18. Ritterburgen und sagenhafte Felsen
  19. Literarische Suche nach dem Sinn des Wanderns
  20. Wallfahrer auf dem Weg
  21. Die Botschaft der Steine
  22. Wandern mit Redakteuren Ihrer Tageszeitung
  23. Ein Gedicht von einem Weg
  24. Wandern mit Hallo-Wach-Effekt
  25. Schwing die Hufe!
  26. Westumgehung: Natur in Gefahr
  27. Der Wasser-Marsch
  28. Mit dem Wanderstock über die Reichsautobahn
  29. Beweg dich wie eine Spinne
  30. Hinauf zu den Adonisröschen
  31. Hüttengaudi am Himmeldunk
  32. Auf den Pfaden der Karolinger
  33. Ein Wald für die Seele
  34. Wandersaison eröffnet
  35. Kultur auf Schritt und Tritt
  36. Trendsport Wandern lässt die Kassen klingeln
  37. Wunderbares Wanderwetter - auch auf vier Rädern
  38. Auf den Spuren Bechsteins
  39. Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen
  40. Wandern in Unterfranken
  41. Rohrleitung aus 220 Bäumen
  42. Kompetente Führer bei Rhön-Touren
  43. Wandern im hessischen Kegelspiel

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