HEIDECK

Erster Gottesdienst nach der U-Haft

Die Gebetsbücher sind längst vergriffen, als die letzten Besucher in den Gottesdienst eilen. Die Stadtpfarrkirche ist besetzt bis auf den letzten Platz. Ein Blick in die Gesichter der Menschen an diesem Samstagabend zeigt: Die Katholiken in Heideck sind durch die Bank angespannt. Wie wird der Pfarrer seiner Gemeinde im mittelfränkischen Landkreis Roth gegenübertreten? Nach all dem, was passiert ist in den vergangenen 16 Monaten. Nach dem schweren Vorwurf des Kindesmissbrauchs. Und nach den Monaten in der Untersuchungshaft. Alle sind sie gekommen, um dabei zu sein, wenn der alte und neue Pfarrer ein paar Tage vor Weihnachten in den Kreis der Gemeinde zurückkehren soll.

Darüber sprechen, wie sich das anfühlt, will vorher aber keiner. Was könne man schon sagen, wenn ein katholischer Geistlicher einen Jungen sexuell missbraucht haben soll? Die Öffentlichkeit sei allzu schnell bereit gewesen, den ungeheuerlichen Verdacht für bare Münze zu nehmen. Waren die katholischen Priester nicht genau aus diesem Grund zuletzt weltweit in die Schlagzeilen geraten? Auch in Heideck hat es Schlagzeilen gegeben. „Pfarrer hinter Gittern“ war nur eine davon.

Bischof Hanke ergreift das Wort

Dann bimmelt es im Gebälk von St. Johannis dem Täufer. Nach dem Glockenläuten nähert sich Bischof Gregor Maria Hanke dem Altar und ergreift das Wort: „Es ist meine Aufgabe als Bischof und mir ein persönliches Anliegen, alles zu tun, um den Ruf des Beschuldigten wiederherzustellen“, sagt der Eichstätter Bischof während der „Beschuldigte“ die Augen zu Boden richtet. Dem damals 48-Jährigen hatte die Staatsanwaltschaft vorgeworfen, einen minderjährigen Jungen unter 14 Jahren zwischen 1998 und 2001 in seiner alten Gemeinde in der Oberpfalz mehrfach schwer sexuell missbraucht zu haben. In den frühen Morgenstunden des 20. August 2013 war er von der Polizei verhaftet worden.

Keinen Stein haben die Ermittler auf dem anderen gelassen, um dem Tatvorwurf eines Einzelnen nachzugehen. Alle Ministranten wurden befragt, denen der Pfarrer in seinem Kirchenleben begegnet ist. Hinweise, die den Verdacht erhärteten, haben sie nicht gefunden. Der Pfarrer durfte das Gefängnis verlassen. An eine schnelle Rückkehr in sein altes Leben war jedoch nicht zu denken. Der Abschluss des Verfahrens zog sich in die Länge.

Zögerlich tritt der heute 50-Jährige nun an den Altar. „Es hat lange gedauert, bis die ungeheuren Vorwürfe entkräftet werden konnten“, sagt er mit brüchiger Stimme ins Mikrofon. Eine „Zeit der Demütigungen und Vorverurteilungen“ seien die Monate für ihn gewesen. „Mein Leben wird wohl nie mehr so sein wie früher.“ Er holt tief Luft. Durch die Anschuldigung und Verdächtigung sei er „natürlich“ beschädigt worden. Mit Beifall quittieren die Menschen die offenen Worte. Der Bischof klopft dem Pfarrer auf die Schulter, der wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Ein großer Stein vom Herzen fällt in diesem Augenblick sicher auch seinen über 80 Jahre alten Eltern und seinen Geschwistern, die auf den Bänken im Chor Platz genommen haben.

Bevor die Gemeinde das Abendmahl feiert, spricht der Bischof den Gläubigen ins Gewissen. Rücksicht sollten alle auf den Pfarrer nehmen, der noch gezeichnet und mitgenommen sei. Umso mutiger ist wohl seine Entscheidung zu werten, den Weg an seine alte Wirkungsstätte anzutreten und nicht an einem anderen Ort neu beginnen zu wollen. Eine große Bitte hat der 50-Jährige an seine Gemeinde: „Ich möchte keine Rache.“

Nach dem Gottesdienst wollen viele die Hand des Rückkehrers drücken. Vielen fällt er um den Hals. „Die Umarmungen und der Applaus haben ihm gutgetan“, sagt eine bibelfeste Frau. Eine andere Gottesdienstbesucherin erzählt, das angebliche Missbrauchsopfer sei in Wahrheit ein schlechter Mensch. Ein Mann, der anonym bleiben möchte, kritisiert die Staatsanwaltschaft. „Das war eine Machtdemonstration. Die Staatsanwaltschaft müsste sich bei unserem Pfarrer entschuldigen.“

Noch ist der Frieden nicht zurück in Heideck. Nur die Zeit wird wohl die Wunden schließen können. Aber zumindest können sie jetzt alle gemeinsam Weihnachten feiern.

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