WÜRZBURG

Flug über die Kurische Nehrung

Franz Schubert (links) und Michael Arz bei Vorbereitungen auf dem Flugplatz Hettstadt.
Franz Schubert (links) und Michael Arz bei Vorbereitungen auf dem Flugplatz Hettstadt. Foto: G. Reinwarth

Als der 18-jährige deutsche Privatpilot Mathias Rust vor 25 Jahren mit einer Cessna in den sowjetischen Luftraum einflog, scherte er sich nicht um behördliche Verbote und Vorschriften. Mit viel Glück landete er unbeschadet auf einer Brücke in Moskau. Ein solches Husarenstück hatten der Würzburger Sportflieger Franz Schubert und sein Pilotenfreund Michael Arz, der auf dem Flugplatz Hettstadt eine Cessna 172 stehen hat, nicht im Sinn. Sie versuchten mit ausdauernder Hartnäckigkeit, eine Erlaubnis für den Einflug in den russischen Luftraum zu bekommen. Gerade mal 24 Stunden vor ihrem Baltikum-Abenteuer schafften sie es, den russischen Behörden ein Okay zu entlocken.

Monate vor dem Take-off hatte der 64-jährige Oberstudienrat Schubert mit den zuständigen deutschen Behörden Kontakt aufgenommen – aber nur ein müdes Lächeln geerntet. Verkehrs- und Geschäftsflugzeuge sind nach Instrumentenflugregeln unterwegs. Die Chance, nach Sichtflugbedingungen den russischen Luftraum zu benutzen, sei ohne einen russischen Navigator an Bord gleich null, bedeutete man ihm. So zumindest verlange es die russische AIP (Aeronautical Information Publication), ein standardisiertes Nachschlagewerk für alle luftfahrtrelevanten Themen und Vorschriften. Die Flugberatung der Deutschen Flugsicherung in Frankfurt (AIS) zitierte gegenüber dieser Zeitung das russische Flughandbuch, in dem steht, dass Flüge nach Russland außerhalb der veröffentlichen internationalen Flugrouten nur mit einem Escort-Service möglich sind.

Ein russischer Lotse beziehungsweise Navigator war nur für mindestens 300 Euro pro Tag zu haben, plus Übernachtungskosten und weiteren Gebühren. Ein dritter Mann im engen Cessna-Cockpit hätte zudem Probleme verursacht.

Da müsste doch sonst noch was gehen, dachten der Würzburger Pilot und sein gleichaltriger Fliegerkollege Michael Arz, der in Würzburg ein Ingenieurbüro betreibt. Ein Flug aufs Geratewohl kam für die beiden nicht infrage. Schubert, der bislang 2500 Stunden zwischen Himmel und Erde in allen fünf Kontinenten unterwegs war und eine Fluglehrerlizenz besitzt, bohrte weiter.

Am Tag vor dem Start in Hettstadt kam das Plazet aus Moskau – und zwar schriftlich, nachdem Schubert noch mit der zuständigen Sachbearbeiterin telefoniert und ihr erklärt hatte, dass sein „Aus-Flug“ nur touristische Aspekte hatte. Schon lange hatte er den Wunsch gehegt, einmal die einzigartige Küstenlandschaft der Kurischen Nehrung – aufgrund der konstanten Hangaufwinde über den Dünen eine Wiege des Segelflugs – aus der Vogelperspektive erleben zu dürfen. Das „Abenteuer Baltikum“ konnte also starten.

Schubert und Arz flogen von Hettstadt nach Usedom und dann entlang der Ostseeküste nach Danzig. Von hier aus durften die beiden Würzburger mit ihrer Cessna in niedriger Flughöhe und nach Sicht entlang der Frischen Nehrung fliegen. Quer über die Frische Nehrung verläuft die Grenze zwischen Polen (Woiwodschaft Pommern) und Russland (Oblast Kaliningrad – das früher einmal Königsberg hieß).

Die beiden Sportflieger aus Franken waren richtig happy. Mit einem „dobre djin“ (russisch: Guten Tag) und einem Dankeschön für den Einflug in den russischen Luftraum hatte Schubert den Towerlotsen flugs „auf seiner Seite“. Der Mann erlaubte den beiden Deutschen sogar, abweichend von der genehmigten Route über das Kurische Haff direkt über der Stadt Kaliningrad (Königsberg) an die Kurische Nehrung zu fliegen. In gerade mal 150 Meter Flughöhe flog das Duo Schubert-Arz bis zur Hohen Düne. Die beiden Würzburger erhielten grünes Licht für den Weiterflug über die Grenze nach Litauen.

Franz Schubert hatte sich bei seinen Flugvorbereitungen auch ein paar russische Redewendungen angeeignet, zudem konnte er mit seinem Handy auf ein russisches Wörterbuch zurückgreifen. Artig bedankte er sich für die problemlose Kooperation bei dem Mann der Königsberger Flugsicherung mit einem „ßpaßibo“ (Dankeschön) und verabschiedete sich mit einem „do ßwidanja“ – Auf Wiedersehen – das der Kontroller dann auf Deutsch hinauf in das Cessna-Cockpit schickte. Die Benutzung des russischen Luftraums ohne Lotsen nach Sichtflugbedingungen werten die beiden Würzburger als echte Premiere.

Fensterplatz am Himmel mit Blick auf die Kurische Nehrung: Die beiden Würzburger Franz Schubert und Michael Arz genossen diesen Ausblick.
Fensterplatz am Himmel mit Blick auf die Kurische Nehrung: Die beiden Würzburger Franz Schubert und Michael Arz genossen diesen Ausblick. Foto: Franz Schubert

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