UNTERSPIESHEIM

Gardetänzer aus Mainfranken sahnen bei Bayerischer Meisterschaft ab

Matthias Krödel, Vorsitzender des Bayerischen Verbandes für Garde- und Schautanzsport (GSV), ist seiner Zeit augenscheinlich einen Schritt voraus. Zunächst heißt er Aktive und Zuschauer zur Deutschen Meisterschaft willkommen, einige Stunden später will er den Deutschen Meistern zu ihren Trophäen gratulieren. Beide Male kriegt er im letzten Moment unter allgemeinem Gelächter gerade noch so die Kurve.

Denn das, was in Unterspiesheim (Lkr. Schweinfurt) an diesem Wochenende über die Bühne geht, sind zunächst einmal die Landesmeisterschaften. Die „Deutsche“ findet erst am kommenden Wochenende in Essenbach bei Landshut statt. Nimmt man aber die in der DJK-Halle gezeigten Leistungen als Maßstab, darf man getrost darauf spekulieren, dass auch beim Wettbewerb auf Bundesebene einige der Akteure aus Franken, Ober- und Niederbayern ganz oben auf dem Treppchen stehen werden.

Die Hessen entscheiden

Wer sich letztlich Bayerischer Meister nennen darf, entscheiden – witzigerweise – die Hessen. Sämtliche Wertungsrichter, die auf dem Podium Platz nehmen und über Wohl und Wehe entscheiden, kommen aus dem Nachbarbundesland. Mit ei

 

ner Ausnahme: Liane Fleck wohnt in Grafing bei München. Doch auch sie hat hessische Wurzeln.

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Bayerische Meisterschaft in Garde- & Showtanz

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Bayerische Garde-Meisterschaft

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Warum bis auf Fleck keine Bayern werten, erklärt Heike Müller, die Juryvorsitzende: „Kein Juror darf die Tänze seines eigenen Vereins bewerten.“ Doch auch die Wertungsrichter stammen zumeist aus den Hochburgen des bayerischen und fränkischen Garde- und Schautanzes. Die Jury müsste also stetig durcheinandergewürfelt werden. Also behilft man sich mit Unparteiischen aus anderen Landesverbänden. Liane Fleck darf dabei sein, weil es ihre Grafinger Tänzer nicht sind.

Der Kandidat hat 100 Punkte. Das ist zumindest die Idealpunktzahl, die sich die Aktiven ertanzen können. Penibel wachen sechs Augenpaare über das, was sich auf der Bühne abspielt. Von ihrem erhöhten Podium aus behalten sie quer über den Zuschauerraum hinweg den nötigen Überblick. Sind die Fußspitzen gestreckt? Werfen die Tänzerinnen ihre Beine synchron in die Luft? Wie teilen sich die Gruppen und Solisten den Platz auf der Bühne ein? Fügen sich Musik, Kostüme und Gestik beim Schautanz Charakter zu einer stimmigen Geschichte zusammen?

Doch die Preisrichter achten auch auf vermeintliche Nebensächlichkeiten. Die Kostüme sollen freilich einheitlich, aber auch ordentlich und sauber sein. Die Rocklänge muss bei jeder Tänzerin einer Garde gleich lang sein. Die Musik darf nicht kratzig aus dem Lautsprecher kommen. Auch für solche Mängel gäbe es Punktabzüge von den fünf Wertungsrichtern. Eine sechste Kollegin ist beim Schautanz Modern oder den Gardedisziplinen Hüterin des Schwierigkeitsgrades (SKG). Denn bestimmte Elemente sind den Tänzern vorgegeben. Lassen sie eines davon aus oder tanzen es extrem schlecht, wird der SKG nach unten korrigiert und die Idealpunktzahl ist passé.

„Natürlich kann man mal etwas übersehen“, gibt Liane Fleck zu: „Wir sind auch nur Menschen.“ Doch um Fehler zu minimieren, sind die Juroren bestens geschult. Ein Jahr dauert die Ausbildung zum Wertungsrichter. „Und auch nach bestandener Prüfung werden wir nicht gleich auf die Tänzer losgelassen“, sagt Heike Müller und lacht. Bevor man alleine werten darf, muss man zunächst erfahrenen Kollegen als Aspirant über die Schulter schauen. Außerdem sind jährliche Nachschulungen Pflicht.

Die Zeit der Wertungstafeln ist übrigens vorbei. Jedes Jurymitglied hat heute einen PC vor sich stehen. Da hinein tippt jeder seine Bewertung, der Computer errechnet dann die entsprechende Platzziffer. „Wir tippen uns blind auch Notizen zu den Tänzen in den PC“, erklärt Müller. Das ist wichtig, um vor allem bei größeren Konkurrenzen nochmals Quervergleiche ziehen zu können. Mancher hat auch – altmodisch zwar, aber bewährt – noch einen Notizblock vor sich liegen.

Diskutiert wird selten

Gegenseitige Konsultationen gibt es auf dem Wertungsrichterpult nicht: „Jeder muss für sich alleine entscheiden“, stellt Müller klar. Liegt man bei den Entscheidungen weit auseinander, wird schon einmal darüber diskutiert: „Aber erst in einer Pause oder nach dem Turnier.“

In Unterspiesheim ist sich das Gremium zumeist einig. In den Gardedisziplinen Polka, Marsch und Solo erfährt das ewig junge Duell zwischen Dettelbach und Volkach eine Neuauflage – diesmal hat Dettelbach meist das bessere Ende auf seiner Seite. In den Schautanzdisziplinen Solo und Duo führt kein Weg an den Tänzerinnen aus Wiesentheid vorbei. Die Titel in den Schautanzwettbewerben Modern und Freestyle nehmen größtenteils die Teams aus Taufkirchen und Ottobrunn mit in ihre oberbayerische Heimat. Von den fränkischen Teilnehmern schaffen es auch noch die Kürnacher und die gastgebenden Unterspiesheimer aufs Treppchen.

Gänzlich ohne regionale Beteiligung ist die spektakulärste Konkurrenz des Abends: der Schautanz mit Hebefiguren. Hier werden menschliche Pyramiden gebaut und zierliche Tänzerinnen durch die Luft katapultiert, um schließlich wieder sicher in den Armen ihrer kräftigen Untermänner zu landen. Wegen des hohen Niveaus und der vorbildlichen Organisation ist GSV-Vorsitzender Krödel mit den weiß-blauen Titelkämpfen äußerst zufrieden. „Alles hat ohne größere Pannen funktioniert. Die Publikumsresonanz war gut. Die Stimmung auch“, fasst er das Wochenende zusammen – und darf jetzt das Augenmerk getrost auf die Deutsche Meisterschaft am kommenden Wochenende legen.

Bayerische Gardemeisterschaft

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