BULLENHEIM

Genussroute: Das Paradies der Weinkönigin

Kartenstudium: Die Fränkische Weinkönigin Kristin Langmann und Annerose Pehl-Dürr vor dem Start zum Weinparadiesweg auf dem Kapellenberg in Weigenheim. Foto: Norbert Hohler

Ihre Krone braucht Kristin Langmann zu Hause im Weinparadies nicht: Auch in Wanderkluft, mit Jeans und festem Schuhwerk, wird die 22-Jährige auf den 19 Kilometern zwischen Weigenheim und Nenzenheim immer wieder erkannt, hält manch kleinen Plausch.

„Was macht ihr denn da“, staunt Werner Kistner nicht schlecht, der Chef des Bullenheimer Weinbauvereins. Wandern für einen Zeitungsartikel, „dafür hätt' ich auch gerne mal Zeit“, macht der Winzer einen auf fränkisch-knorrig. Doch sein Lächeln verrät: Er freut sich über die unerwartete Begegnung – schnell noch ein Foto mit Königin, dann fährt er wieder mit seinem schmalen Weinbergstrecker durch den Wengert, um den Boden aufzulockern.

Es gibt so viele herrliche Wanderrouten in Franken, dass für Außenstehende der Begriff „Weinparadies“ fast ein wenig anmaßend klingt. Gut, vom Bullenheimer Berg und den Funden aus der Spätbronzezeit hat man schon mal gehört. Dass hier vor 4000 Jahren die Kelten gelebt haben, das Areal zu schätzen wussten. Und vielleicht sogar davon, dass es dort ein Lokal gibt – die Weinparadiesscheune – die genau auf der Grenze zwischen Mittel- und Unterfranken liegt.

Auf Paradies käme man vermutlich eher an der Mainschleife, zu Füßen der Vogelsburg. „Dort ist es wunderbar, ich liebe diese Gegend“, schwärmt Kristin Langmann. Und doch nennt sie gleich ein schönes Beispiel für den besonderen Charakter des Weinparadieses. „Bei Ippesheim gibt es Ecken, wo es noch nie eine Weinbergsbereinigung gegeben hat. So etwas findet man in Franken kaum noch: Das sieht nicht nur wunderbar aus, es ist ein Stück Weinbaugeschichte.“ Und tatsächlich: Es ist ungewöhnlich, nach einem kleinen Weinberg eine Wiese mit Bäumen und Sträuchern zu sehen, dann einen Acker, dann wieder einen kleinen Wengert.

Einen ersten Eindruck vom „Paradies“ bekommt man gleich am Startpunkt bei Weigenheim, vom Aussichtsplateau auf dem Kappellenberg: Der Blick schweift hinüber zum Bullenheimer Berg, weit übers Land, auch Schloss Frankenberg lässt grüßen. „Am Kapellenberg gibt es jedes Jahr ein großes Mountainbike-Rennen, der Steilhang zum Gipfel fordert den Akteuren alles ab“, erzählt Weinparadies-Geschäftsführerin Annerose Pehl-Dürr, die uns mit Karten versorgt und ein Stück des Weges begleitet.

Kaum hat sie erwähnt, dass es nach einem Kilometer einen Schafhof gibt, treffen wir die „Wollknäuel“ vor einer kleinen Anhöhe. Kristin, auf dem Land aufgewachsen, ist Feuer und Flamme, geht sofort nahe ran. Sie strahlt auf dem Foto und amüsiert sich über meinen Titelvorschlag für den Zeitungs-Bericht: „Die Weinkönigin und ihre Schafe“.

Vorbei an Greifshütte und Taubenlochhütte geht es zum Landschaftssee Frankenberg, der 1999 angelegt wurde. Kurz die Füße ins Wasser und den Blick hoch zu Schloss Frankenberg genießen. Apropos genießen: Seit 2013 ist der Weinparadiesweg in der „roten Bibel“ des Tourismusverbandes Franken („Wein.Schöner.Land“) zu finden, als „Genussroute“ zertifiziert. Dazu passt, dass 14 Winzer einen Paradieswein kreiert haben: Für den Müller-Thurgau lesen die Beteiligten ihre besten Trauben per Hand, daraus wird der feine Tropfen gewonnen, mit einem gemeinsamen Label vermarktet und verkauft.

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Das Paradies der Weinkönigin

Wie schön wäre es, jetzt auf Schloss Frankenberg eine Rast zu machen, etwas Leckeres zu essen und zu trinken mit Weitblick übers Land. Zwar werden gelegentlich Appartements in dem geschichtsträchtigen Areal vermietet, auch Familienfeiern mit Catering abgehalten – aber einen normalen Gastbetrieb gibt es schon länger nicht mehr.

Da macht sich bezahlt, dass wir eine Königin dabei haben: Von der Schloss-Terrasse ist die Aussicht zum Ausgangspunkt am Kapellenberg herrlich, dazu gibt es Getränke und frisches Obst – genau das Richtige für den Weg Richtung Ippesheim unten im Tal. Ab jetzt gehen wir zu zweit – und nur ein einziges Mal sind Kristin und ich uns kurz uneinig über die Richtung: „Ich dachte, du kennst dich aus“, beliebt die Königin zu lästern.

Der Weg im Tal ist verwinkelt, und ehe es über die Straße zwischen Ippesheim und Frankenberg geht, bietet ein Aussichtspunkt noch einmal herrliche Ausblicke auf Dörfer und Flur. Auf der anderen Straßenseite macht mich die Weinkönigin auf eine Reihe hochgewachsener Säulenpappeln aufmerksam. „Das ist unsere Toskana.“ Die Baumreihe im Naturschutzgebiet Holzöd erinnert tatsächlich an Italien, fürs Toskana-Feeling könnte es aber etwas wärmer sein.

Jetzt geht es ein Stück bergauf, kurz mit Blick zum Aussichtsturm „Oberding“ am Bullenheimer Berg. Ein Stück verläuft der Weg durch den Wald bis an die obere Kante der Weinberge. Von da an gibt es wieder paradiesische Fernsicht über das Land. Auf einer Bank packt Kristin ein Käsebrot aus, reicht mir das zweite. Nirgendwo schmeckt eine Stulle besser als jetzt, geteilte Freude ist doppelte Freude. Kurz vor der Weinparadiesscheune zeigt mir die 22-Jährige, wo es über viele Stufen hinauf zum Aussichtsturm (456 Meter) geht. Den Schlüssel gibts bei der Weinparadiesscheune – wer ohne läuft, verpasst den Panorama-Weitblick.

Jeder Ort wird mittels einer Infotafel detailliert beschrieben: Vor „ihrer“ in Bullenheim deutet Kristin ins Tal. Zeigt, wo ein Baum für sie gepflanzt wurde und ihr Vater seinen Silvaner-Weinberg hat. Danach genießen wir die Mittagsrast an der Weinparadies-Scheune: Die Spinatknödel mit Buttersoße und der Silvaner mögen lauf- und kalorientechnisch suboptimal sein: Verzicht jedoch wäre töricht.

Danach geht es auf unterfränkischer Seite weiter, vorbei an der Wanderhütte Wildmannkammer, mit Blick hinüber zum Schwanberg. Ein Abstecher auf den Tannenberg wäre reizvoll, aber zu schweißtreibend. Ein andermal, vielleicht – und weiter geht's an der 8-Dörfer-Eiche vorbei zum Ziel, den Wanderparkplatz an der Straße Richtung Nenzenheim. Wie gut, dass Annerose Pehl-Dürr uns dort abholt. Bei der Rückfahrt kann ich ihr eins versichern: Der Name Weinparadies, der trifft zu. Mit Königin erst recht!

Der Weinparadiesweg

Das Weinparadies verdankt seinen Namen der Bullenheimer Weinlage Paradies. Die seit 2002 existierende Arbeitsgemeinschaft (AG) der sieben Orte brachte u. a. den Bau der Wein- paradiesscheune voran, kümmerte sich um Beschilderung, Infotafeln sowie die GPS-Karte. Auch Einkehrmöglichkeiten direkt am Wanderweg waren für die Zertifizierung als Genussroute (2013) nötig: Neben der Weinparadiesscheune gibt es derzeit Taubenloch-Hütte (Reusch) und Greifs-Hütte (Weigenheim).

Für die Anfahrt bieten sich der Kirchenburgexpress (von Iphofen) oder der Bocksbeutelexpress an, der zwischen Markt Bibart und Uffenheim (Sa+So, bis 11.11.) verkehrt. Mit dem Bahnticket ist die Fahrt in die Weinparadies-Dörfer kostenlos; Infos: www.vgn.de

Für Radler sind Mountainbikes zu empfehlen.

Broschüre und weitere Infos: Weinparadies Franken, Schlossplatz 1, 9 72 58 Ippesheim, Tel. (0 93 39) 99 15 65, info@weinparadies-franken.de oder www.weinparadies-franken.de

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