Gewinne nur auf dem Papier

Ehemaliger

Anlageberater finanzierte mit dem Geld von Privatanlegern und Banken sein Luxusleben.

Lachen für die Kameras: Helmut Kiener (rechts) zeigt das Buch „Gauner muss man Gauner nennen“, ein Geschenk unseres Redakteurs Manfred Schweidler. Verteidiger Peter Mökesch (links) fand es amüsant.
Lachen für die Kameras: Helmut Kiener (rechts) zeigt das Buch „Gauner muss man Gauner nennen“, ein Geschenk unseres Redakteurs Manfred Schweidler. Verteidiger Peter Mökesch (links) fand es amüsant. Foto: Thomas Obermeier

Noch einmal genoss Helmut Kiener am Freitag das rauschhafte Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen: Lächelnd, fast in Trance, badete der hochgewachsene Angeklagte in der Menge der Journalisten, die zum Urteil gegen ihn in den Gerichtssaal in Würzburg strömten. Er drängte hinaus, dann wieder hinein, spreizte mit rätselhaftem Lächeln Zeige- und Mittelfinger zum V und erklärte: „Ich muss jetzt büßen, um von der Hölle zurück ins Fegefeuer zu kommen.“

Als das Gericht kurz nach zehn Uhr den Saal 017 des Landgerichts betrat und es still wurde, rammte der hochgewachsene 52-Jährige mit dem Spitzbart trotzig seine Hände in die Hosentaschen. „Zehn Jahre und acht Monate Haft“ verkündete der Vorsitzende Richter Volker Zimmermann – eines der härtesten Urteile, die es bei Anlagebetrug vor einem deutschen Gericht je gab.

Kiener, der eben noch lächelnd das Buch „Gauner muss man Gauner nennen“ in die Kameras gehoben hatte, schien geschockt. Er, der im selben Golfclub Charity Eagles wie Schauspieler Elmar Wepper und Rosi Mittermeier gespielt hatte, der im Firmenjet Oliver Kahn zum Golfen nach Portugal mitnahm, der 2008 noch beim Papst zur Audienz war, schien plötzlich ganz unten gelandet: Künftig wird er eher mit verurteilten Mördern und Drogenhändlern seine Freizeit teilen.

Damit endet – zumindest vorläufig – ein Fall, der vier Jahre zuvor mit einer Geheimoperation des FBI begonnen hatte: In deren Visier war 2007 der deutsche Geschäftsmann Stefan S. geraten. Angeblich half er US-Bürgern dabei, Schwarzgeld außer Landes zu schaffen – in Steueroasen wie die Britischen Jungferninseln.

Doch dann ging er einem Undercover-Agenten des FBI auf den Leim und wurde 2008 wegen „Verschwörung zur Geldwäsche“ festgenommen. Laut Anklageschrift der US-Staatsanwaltschaft am Bezirksgericht von Pennsylvania gab S. zu, für Klienten wie Kiener Firmen gegründet, Konten eröffnet und eine Fassade geschaffen zu haben, die ihnen als Tarnung diente.

S. plauderte über den Reichtum des Aschaffenburgers, über Hunderte von Millionen, die der Anlage-Guru Banken wie Barclays und BNP Paribas sowie Privatanlegern abgeluchst habe, um ein Luxusleben zu finanzieren: Ein Jet vom Typ Global Express, ein Hubschrauber und eine Villa in Palm Beach. Manche sagen, dies sei der Anfang der Ermittlungen gegen Kiener gewesen.

Andere datieren ihn auf das Jahr 2001. Verbissen kämpfte schon damals die deutsche Finanzaufsicht darum, dem dubiosen Anlageberater aus Aschaffenburg die Tätigkeit als Fondsmanager zu verbieten. Der wich dem Druck aus, verlegte seine Geschäftstätigkeit offiziell in die Karibik und spannte ein Netz von verflochtenen Firmen.

Durch die wurden große Teile des Geldes, das ihm gutgläubige Anleger anvertrauten, durchgeschleust. Kiener verriet keine Einzelheiten darüber, wie sein angeblich narrensicheres Anlagesystem funktionierte. Aber das Vermögen der K1-Fonds schien ständig zu wachsen – ganz gleich, ob die Weltwirtschaft unter Dampf stand oder in die Krise rutschte. „Dabei war auch Kiener klar, dass die Gewinnchancen gleich null waren, weil das Ganze gar nicht auf eine Wertschöpfung angelegt war“, betonte der Vorsitzende Volker Zimmermann am Freitag im Urteil. „Das System konnte nur so lange funktionieren, wie neue Anlegergelder flossen.“

Was die 5000 Investoren nicht wussten, die Kiener Hunderte von Millionen in die Hand drückten: Gewinne gab es nur auf dem Papier. Briefe oder telefonische Nachfragen, die in der Firmenzentrale auf den Britischen Jungferninseln landeten, wurden nach Mallorca umgeleitet. Dort hatte Kiener einen Bruder im Geiste gefunden: Dieter Frerichs, früher Wirt in der Schickeria-Szene in München, nun Lebemann mit legendärem Ruf, der Geld brauchte. Frerichs richtete Bankkonten in München, Hamburg, Zürich und Salzburg ein, trat offiziell als Geschäftsführer auf, während Kiener im Hintergrund blieb.

Selbst seriöse Banken wie die britische Barclays oder die französische BNP Paribas ließen sich von der Goldgräberstimmung anstecken und investierten fast ungeprüft in Kieners Versprechen. Aber als in der Finanzkrise immer mehr Kunden ihr Geld forderten, geriet das System ins Rutschen: Immer schlechter konnte Kiener die tarnende Fassade wahren. Anleger stellten Fragen, Ermittler wurden eingeschaltet.

Deren Nachforschungen quer über den Erdball brachten schließlich Gewissheit: 5000 Anleger und drei Großbanken waren einer Luftnummer aufgesessen: Das Geld der Anleger war verteilt auf eine Handvoll Komplizen, verprasst in Luxusgüter, verschwunden im Finanzdschungel.

Nun wurde Kiener der Prozess gemacht – ohne seinen Komplizen Frerichs. Als den die Polizei im Sommer 2010 auf Mallorca verhaften wollte, um ihn nach Würzburg auszuliefern, erschoss er sich vor ihren Augen.

In einem fünfmonatigen Prozess – einem der größten um Anlagebetrug in Deutschland – resignierte Helmut Kiener unter der Wucht der Beweise: Urkunden, gefälschte Abrechnungen, entlarvende E-Mails präsentierte Oberstaatsanwalt Martin Gallhoff in Hülle und Fülle. Schließlich gestand Kiener den Betrug, willigte sofort in die Haftstrafe ein.

Selbst im Knast versucht übrigens jeder jeden zu betrügen: Ein Mithäftling bot Kiener dort dringend benötigtes Bargeld an. Im Gegenzug forderte er provozierend einen Beweis dafür, dass Kiener es zurückzahlen könne. Der schrieb ihm eine Liste mit Konten, auf denen angeblich Millionen versteckt waren. Doch der angebliche Freund lief damit zum Staatsanwalt, um sich Vorteile zu erkaufen. Blöd bloß, dass sich Kieners Ankündigung – auch hier – als leeres Versprechen erwies: Geld wurde keines gefunden.

Fluchtversuch auf Mallorca: Dieter Frerichs erschoss sich, als ihn die Polizei im vorigen Jahr als Komplizen des Betrügers Helmut Kiener festnehmen wollte.
Fluchtversuch auf Mallorca: Dieter Frerichs erschoss sich, als ihn die Polizei im vorigen Jahr als Komplizen des Betrügers Helmut Kiener festnehmen wollte. Foto: Ultimahora

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