„Glück wohnt nicht im Tresor“

Glücksforschung: Längst ist die Suche nach dem subjektiven Wohlbefinden zur Wissenschaft geworden. Forscher versuchen, die Ergebnisse für Politik und Wirtschaft nutzbar zu machen.
Dem Glück auf der Spur: Karlheinz Ruckriegel untersucht in seinen Studien, ob Glück und Wohlstand zusammenhängen. Foto: Wort & Bild Verlag

Zum Jahreswechsel hat das Glück Hochsaison, massenweise Kleeblätter, Marzipanschweine und Schornsteinfeger werden verschenkt. Für Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel ist der Brauch allerdings reiner Aberglaube. Der 55-Jährige muss es wissen: Er lehrt an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg neben Makro- und Psychologischer Ökonomie auch interdisziplinäre Glücksforschung. Warum wir nach Erfolg streben und wie Bhutan zum Vorbild wird – ein Gespräch über Glück.

Was ist Glück?

Ruckriegel: Lassen Sie uns zuerst den Begriff Glück etwas präzisieren. Die Glücksforschung spricht meist von subjektivem Wohlbefinden. Dabei geht es einerseits um die Gefühlslage im Moment, andererseits um den Grad der Zufriedenheit mit dem Leben an sich. Wobei immer eine Abwägung zwischen dem, was man will, und dem, was man hat, stattfindet. Glückliche Menschen sind solche, die deutlich mehr positive als negative Gefühle im Tagesdurchschnitt haben und die mit ihrem Leben in hohem Maße zufrieden sind.

Warum streben wir überhaupt nach Glück?

Ruckriegel: Glückliche oder zufriedene Menschen sind nicht nur besser drauf, sondern auch gesünder und leben länger. Nur schlagen wir manchmal den falschen Weg ein und meinen etwa, dass mehr Einkommen zu mehr Glück führen würde.

Ist das nicht so?

Ruckriegel: Natürlich braucht man ein gewisses Maß an Geld, um durch das Leben zu kommen. Sonst könnte man sich nicht mal etwas zu essen kaufen. Dann hört es aber schon auf. Niemand ist glücklich, weil er reich ist. Glück wohnt nicht im Tresor.

Sind deshalb die Bürger westlicher Gesellschaften trotz steigender Einkommen in den vergangenen 50 Jahren kaum glücklicher geworden?

Ruckriegel: Das war ja die Erkenntnis, die die Glücksforschung erst ins Rollen brachte. Der Grund hierfür ist ganz einfach: Wenn die materiellen Grundbedürfnisse erfüllt sind, was in Deutschland bereits in den 60er Jahren der Fall war, passen wir unsere materiellen Ansprüche nach oben an. Wir gewöhnen uns schnell an ein höheres Einkommen.

Welche Faktoren in unserem Leben tragen denn dann zu unserem Glück bei?

Ruckriegel: Die Glücksforschung hat eine Reihe von „Glücksfaktoren“ identifiziert. Dazu gehören zum Beispiel liebevolle soziale Beziehungen, physische und psychische Gesundheit, eine befriedigende Arbeit, aber auch persönliche Freiheit.

Studien ermitteln regelmäßig, in welchen Regionen der Welt Menschen am glücklichsten sind. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Orten und dem individuellen Glück?

Ruckriegel: Es kommt weniger auf die Orte an, sondern auf das Verhalten der Menschen. Allerdings sind die Rahmenbedingungen mal besser und mal schlechter. Objektiv, und im weltweiten Vergleich gesehen, sind bei uns die Rahmenbedingungen für ein glückliches Leben sehr gut. Wir müssen nur mehr daraus machen.

Kann denn jeder glücklich werden?

Ruckriegel: Man kann schon selbst einiges dafür tun, um glücklicher zu werden. Vor allem geht es darum, unsere innere Haltung, unsere Denkgewohnheiten zu verändern. Die Psychologie hat mittlerweile eine Reihe von Ansatzpunkten herausgearbeitet. Hilfreich ist es, sich Ziele zu setzen, Optimismus zu trainieren und Grübeleien und soziale Vergleiche zu vermeiden. Vor allem sollte man versuchen daran zu denken, im Hier und Jetzt zu leben.

Im Hier und Jetzt unserer Gesellschaft geht es oft vor allem um Erfolg – sind Glück und Erfolg gleichbedeutend?

Ruckriegel: Das kann man so nicht sagen. Allerdings ist eine befriedigende Arbeit ein wichtiger Glücksfaktor für uns und dazu gehören natürlich auch Erfolgserlebnisse.

In Bhutan hingegen hat der König die Steigerung des „Bruttonationalglücks“ als Ziel erklärt. Erstrebenswerte Tätigkeiten sind demnach Schlaf, religiöse Aktivitäten oder Beteiligung am Gemeinschaftsleben. Ein Vorbild?

Ruckriegel: Schon seit den 70er Jahren hat Bhutan auf das Bruttonationalglück und nicht auf das Bruttoinlandsprodukt gesetzt. Das ist ein grundlegend anderes Verständnis dessen, worum es im Leben wirklich geht. Es geht nicht primär um Einkommen, ums Materielle. Es geht um Glück und Zufriedenheit. Und darin liegt auch das Vorbildhafte dieses Konzepts.

Seit 2011 gibt es auch in Deutschland eine Enquete-Kommission namens Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, die einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator sucht. Wie könnte dieser Aussehen?

Ruckriegel: Die Politik sollte nicht Wirtschaftswachstum als Ziel verfolgen, sondern sich direkt auf die Felder konzentrieren, die für ein glückliches Leben die Voraussetzungen schaffen. Das wären beispielsweise Bildung oder Gesundheit. Die OECD hat hier im letzten Jahr mit ihrem „Better life index“ eine Grundlage gelegt.

Ist denn Glück überhaupt ein universell beschreibbarer Faktor oder eher ein Gefühl?

Ruckriegel: Glück oder Zufriedenheit sind subjektiv. Aber die Glücksfaktoren sind weltweit die gleichen – auch wenn die konkreten Verhaltensweisen kulturell bedingt unterschiedlich sein können.

Und ganz subjektiv gefragt: Wann sind Sie glücklich?

Ruckriegel: Zugegeben, überwältigende Glücksmomente kommen bei mir selbst eher selten vor. Aber darum geht es auch nicht. Vielmehr kommt es auf das subjektive Wohlbefinden an – und da bin ich ganz zuversichtlich für 2013.

Glücksforschung

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg. Darüber hinaus lehrt er an der Universität Würzburg und in Teheran/Iran. Er gilt als Experte auf dem Gebiet der Glücksforschung in Deutschland. Schwerpunkt seiner Forschung ist unter anderem die Umsetzung von Ergebnissen der Glücksforschung in Politik und Wirtschaft. Die Glücksforschung untersucht die Bedingungen, unter denen sich Menschen als glücklich bezeichnen. In Deutschland ist das wissenschaftliche Forschungsfeld seit den 80er Jahren stetig intensiviert worden. Der „Better Life Index“ wurde 2011 von der OECD ins Leben gerufen. Das interaktive Tool ermöglicht es, 11 Schlüsselfaktoren des menschlichen Wohlbefindens – wie beispielsweise Bildung, Einkommen, Work-Life-Balance oder Umwelt – in den OECD-Ländern zu visualisieren und zu vergleichen.

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