WÜRZBURG

Gütliche Einigung: Kirche wird nicht länger behaupten, Rasche sei kein Missbrauchsopfer

Bernhard Rasche, Opfer von Missbrauch in den 70er Jahren im Internat Lebenhan (Lkr. Rhön-Grabfeld) hat sich mit der Diözese Würzburg vor dem Amtsgericht Würzburg gütlich darauf geeinigt, dass die Diözese seinen Status als Missbrauchsopfer nicht länger anzweifelt und die Behauptung, er sei kein Opfer, nicht mehr wiederholt. Die Diözese, die sich monatelang geweigert hatte, sich bei Rasche zu entschuldigen, ruderte nun vor dem Amtsgericht zurück.

Mit der öffentlichen Äußerung, Bernhard Rasche, Autor eines Gastbeitrages in dieser Zeitung vom Januar 2013, sei kein Missbrauchsopfer und solle deshalb besser anderen das Schreiben von Kommentaren zu diesem Thema überlassen, hat der Pressesprecher der Diözese Würzburg, Bernhard Schweßinger, eine Welle der Empörung ausgelöst. Denn Bernhard Rasche gehörte zu den Ersten, die 2008 ihren eigenen Missbrauch und den von anderen Kindern beim zuständigen Orden Missionare von der Heiligen Familie angezeigt hatten und damit auch an die Öffentlichkeit gegangen waren.

Der zuständige Missbrauchsbeauftragte des Ordens hatte damals keinen Zweifel an Rasches Aussagen und erkannte ihn als Missbrauchsopfer an. Bernhard Rasche, der die Übergriffe des geständigen Paters im Gegensatz zu anderen Jungen im Schlafsaal nach dem ersten Mal abwehren konnte, hatte in einem Interview darüber gesprochen, dass die, die sich nicht wehren konnten, noch Schlimmeres erleben mussten als jene, die wie er Nacht für Nacht Zeuge der Geschehnisse gewesen seien. Sie seien die Opfer.

Genau auf diese Aussage hat sich die Diözese Würzburg, bei der Rasche ab 2008 vergeblich um Beistand gebeten hatte, fortan gestützt. Bis zuletzt weigerten sich die Verantwortlichen – trotz der seit Jahren vorliegenden schriftlichen Anerkennung durch den Orden – Rasche als tatsächliches Missbrauchsopfer anzuerkennen. Immer mit dem Hinweis, er selbst habe sich ja nur als Zeuge bezeichnet.

Diözese reagierte nicht

Diese Einstellung gipfelte 2013 in die nun strittige öffentliche Äußerung von Diözesanpressesprecher Bernhard Schweßinger in dieser Zeitung, Rasche sei kein Missbrauchsopfer. Nun hat der mehrmonatige Streit um den Widerruf dieser Behauptung vor dem Amtsgericht Würzburg ein Ende gefunden. Aus der gütlichen Einigung lassen sich keine Schadenersatzansprüche ableiten. Zudem legt die Diözese Wert auf die Formulierung, dass die umstrittene öffentliche Äußerung ihrem damaligen Kenntnisstand zugrunde lag.

Der Richter hatte zuvor dem Rechtsanwalt der Diözese mit deutlichen Worten nahegelegt, es hier auf keine Gerichtsverhandlung ankommen zu lassen. Eine solche könne für die Kirche in keinem Fall positiv ausgehen. „Ich verstehe ohnehin nicht, warum die eingeforderte Entschuldigung nicht längst erfolgt ist.“ Zumal der Kläger Rasche ja nicht einmal einen öffentlichen Widerruf gefordert habe und die ganze Sache auf sehr kleiner Flamme koche.

Auf Rasches mehrfach schriftlich geäußerte Bitten an die Diözese, die öffentlich getätigte Äußerung zurückzunehmen und sich bei ihm zu entschuldigen, hatten die Verantwortlichen in der Diözese nicht reagiert. Erst als Rasche nach mehreren Monaten eine Anwältin einschaltete, um auf rechtlichem Weg einen Widerruf zu erstreiten, äußerte sich die kirchliche Seite. Sie teilte Rasches Anwältin schriftlich mit, dass die Diözese zur Kenntnis nehme, „dass sich Ihr Mandant nach seiner Einschätzung nicht (mehr) lediglich als Zeuge sexuellen Missbrauchs sieht, sondern vielmehr als Opfer eines solchen Missbrauchs“. Alle Versuche der Anwältin, eine Einigung zu erzielen, scheiterten. Auch eine Anfrage dieser Zeitung bei der Diözese Würzburg, warum man diesen Schritt der Anerkennung und Entschuldigung nicht gehen könne, blieb unbeantwortet.

„Wir sind hier in keiner Talkshow“

Für den Amtsrichter ist die Haltung der Diözese nicht nachvollziehbar. Den Einwand des Anwaltes, die Anerkennung als Opfer sei nur durch den Orden und nicht durch die Diözese Würzburg erfolgt, lässt er nicht gelten: „Der Orden ist doch kein Karnevalsverein, sondern eine ernst zu nehmende Institution!“ Da könne man doch wohl davon ausgehen, dass eine solche Feststellung auch in der gesamten Kirche Gültigkeit habe.

„Wir können das Fass hier gerne aufmachen, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das zu einem anderen Ergebnis führt. Wir sind hier in keiner Talkshow, wo man zu bestimmten Dingen verschiedener Meinung sein kann.“ Hier, so der Richter, gehe es um ein konkretes Detail. Nämlich, dass Rasche von der Diözese öffentlich abgesprochen bekommen habe, Missbrauchsopfer zu sein. Und das, nachdem die Kirche Rasche diesen Status längst zugestanden habe.

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