MARKTHEIDENFELD

Hilfe für Asylbewerber: Zusammen ist man weniger allein

Am Anfang waren es nur ein paar Einzelne, mittlerweile wollen viele mitmachen. Wie engagierte Dorfbewohner es schafften, Menschen aus dem Umkreis zu mobilisieren, um ihren neuen Nachbarn zu helfen.
Freunde: Die Asylbewerber Fatuma Tulu* (von links) und Haile Yifter* mit ihren Unterstützerinnen Martina Rubahn und Ursula Knahn-Grünwald vom Asyl-Netz Zimmern. Foto: Knetzger

Es war an einem bitterkalten Tag im Januar dieses Jahres, als die ersten Asylbewerber ins Dorf kamen. Der Frost lag über den Straßen, Häusern und Gärten des Marktheidenfelder Stadtteils Zimmern (Lkr. Main-Spessart). Eingemummt in ihre Mützen und Jacken stapften die Männer und Frauen mit den dunklen Gesichtern den Berg hinauf, das dünne Sträßchen entlang. Mit suchendem Blick schleppten sie ihre Tüten und Taschen hinter sich her, immer in Richtung Haus Monika, ihrem neuen Zuhause auf Zeit – eine umfunktionierte Frühstückspension, in der sie die nächsten Wochen, Monate und vielleicht sogar Jahre vor allem eines tun würden – warten.

Es war genau dieser Tag im Winter, an dem die Zimmerner zum ersten Mal ihre neuen Nachbarn beäugten. Nicht aus Sensationslust, so wie man den Löwen im Zoo von der sicheren Seite des Gitters aus angafft, sondern aus Neugier am Kennenlernen. Schon gut ein paar Wochen wussten die Dorfbewohner, dass der Ort, in dem etwas unter 500 Menschen leben, Zuwachs bekommen würde. Längst hatten sie sich überlegt, wie sie den Neuen helfen konnten. Nun war die Zeit reif.

Ursula Knahn-Grünwald, die in Zimmern neben dem Haus Monika lebt, hatte Ende November 2012 in der Zeitung gelesen, dass Asylbewerber nach Zimmern kommen sollten. Schnell rief sie Martina Rubahn an, die nur ein paar Häuser weiter die Straße entlang wohnt und sich im Pfarrgemeinderat engagiert. „Da müsste man doch was machen“, sagten sie sich gegenseitig. Irgendwie musste man den Asylbewerbern helfen. Knahn-Grünwald rief bei der Stadt Marktheidenfeld an. Sie rief beim Landratsamt an. Keine erleuchtende Auskunft. Also blieb ihr nichts anderes übrig als im Stillen zu warten, bis die Asylbewerber kamen.

„Ich denke oft darüber nach, wie es wäre, wenn ich jetzt nach Äthiopien kommen würde – mutterseelenallein. Das wäre schwierig“

Martina Rubahn

Helferin im Asyl-Netz Zimmern

Und sie kamen. Marschierten in der Eiseskälte den Berg hinauf. Acht Männer und Frauen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten. Nachdem sie im Haus Monika eingezogen waren, trauten sie sich erst einmal nicht richtig heraus. Sie standen hinter dem Fenster und lugten vorsichtig hervor. Knahn-Grünwald lief auf der Straße und winkte zu ihnen hinauf. Irgendwann winkte es hinter dem Fenster zaghaft zurück.

Auch Rubahn machte erste Annäherungsversuche. Da sie sowieso regelmäßig ins fünf Kilometer entfernte Marktheidenfeld fuhr, überlegte sie sich, den Asylbewerbern eine Mitfahrgelegenheit anzubieten, damit sie dort im Supermarkt einkaufen konnten. Busse sind schließlich teuer und kommen nicht oft nach Zimmern. Also schrieb sie einen Zettel mit ihren Abfahrtszeiten, der dann im Haus Monika aufgehängt wurde. Keine Woche später standen die ersten Asylbewerber vor dem Haus, um das Angebot anzunehmen.

Aus den anfangs acht Asylbewerbern sind inzwischen 16 geworden – Äthiopier, eine Iranerin, ein Georgier. Unter ihnen eine Familie mit drei Kindern, eine Witwe mit zwei Kindern und ein Ehepaar, das bald ein Baby erwartet. Die Zahl der Bewohner im Haus Monika wechselt immer wieder einmal.

Der Hintergrund der meisten Zimmerner Asylbewerber ist unbekannt. „Privat“, sagt einer von ihnen. Andere sprechen von „Problemen“ im Heimatland. So große Probleme, dass sie ihre zurückgebliebene Familie aus Angst vor noch größeren Schwierigkeiten nicht kontaktieren können. Sie selbst waren über alle möglichen und unmöglichen Wege nach Deutschland geflohen. Dort brachte man sie in eine zentrale Aufnahmestelle und schickte sie zum Ausharren nach Unterfranken.

„Ich denke oft darüber nach, wie es wäre, wenn ich jetzt nach Äthiopien kommen würde – mutterseelenallein“, sagt Rubahn. „Das wäre schwierig. Vor allem auf dem Land, so wie hier.“ Ihr und Knahn-Grünwald war klar, dass die Asylbewerber mehr Hilfe brauchten. Dass sie schnell Deutsch lernen mussten, um in diesem Land eine Chance zu haben. Zusammen mit Christine Kirchner-Niemetz und Susan Christ, die beide im Pfarrgemeinderat sind, gründeten sie auf Vorschlag der Caritas das „Asyl-Netz Zimmern“ und fanden nach und nach drei gelernte Lehrer, die den Asylbewerbern ehrenamtlich Deutschunterricht geben konnten – Astrid Pauli, Horst Köhler und Wolfgang Tröster.

Für den Unterricht stellte ihnen der Zimmerner Tischtennis-Club das Vereinsheim zur Verfügung. Die Helfer organisierten Fahrdienste für die zwei Lehrer ohne Führerschein. Sie liehen vom Gymnasium in Marktheidenfeld eine Schultafel aus – und irgendjemand hatte noch Straßenkreide übrig, mit der sie an die Tafel schreiben konnten. Mehr als 100 ehrenamtliche Unterrichtsstunden sind seitdem zusammengekommen. Die Hilfe für die Asylbewerber verselbstständigte sich schnell. Die Dorfbewohner organisierten den Asylbewerbern Fahrräder, damit sie sich fortbewegen konnten. Sie brachten ihnen Kleider und Haushaltswaren vorbei. Selbst die, die sich nicht trauten, persönlich im Haus Monika vorbeizuschauen, gaben Sachen beim Asyl-Netz ab.

Im Sommer stellten die Dorfbewohner ein kleines Fest auf die Beine. Sie standen den Asylbewerbern bei Behördengängen und Arztbesuchen zur Seite. Sie halfen bei der mühevollen Suche nach einem Kindergartenplatz und bei der Einschulung von zwei Kindern. Sie klapperten mit den Asylbewerbern, die eine Arbeitsgenehmigung hatten, Marktheidenfeld auf der Suche nach möglichen Arbeitgebern ab. Vergeblich. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse wollte sie niemand nehmen. Immerhin durften vier von ihnen ein paar Monate lang beim Bauhof gemeinnützig mithelfen.

„I love Zimmern people“, sagt Mamo Abera* auf Englisch – „Ich liebe die Menschen in Zimmern“. Er sitzt zusammen mit sechs seiner äthiopischen Freunde auf einer Bank im Vereinsheim des Tischtennis-Clubs. Sie alle sind gekommen, um ihre Helfer vom Asyl-Netz beim Pressetermin zu unterstützen. Während sie eng aneinandergedrängt da sitzen und vorsichtige Blicke in den abgedunkelten Raum werfen, stellen sie sich der Reihe nach auf Deutsch vor. Dann, als die Themen schwieriger werden, geht es nur noch auf Englisch. „Die Leute aus Zimmern tun viel für uns“, sagt Haile Yifter* mit Nachdruck in der Stimme. „Wenn wir sie nicht hätten, könnten wir nicht so leben. Wir müssen ihnen dankbar sein.“ Aber, seufzt er, das Leben sei schwer. Jeden Tag nur dasitzen und warten zehre an den Nerven. Viel lieber würden sie die Sprache lernen und arbeiten.

Gerade beim Deutschunterricht stoßen die Zimmerner an ihre Grenzen. Um richtig Deutsch zu lernen, müssten die Asylbewerber an fünf Tagen in der Woche unterrichtet werden, sagen sie. Dafür bräuchte man drei weitere ehrenamtliche Lehrer.

Alternativ würde sich die Teilnahme an einem Integrationskurs anbieten. Das bleibt den Zimmerner Asylbewerbern bisher aber verwehrt. Dazu kommt noch, dass der Georgier aufgrund fehlender Englischkenntnisse kaum am Deutschunterricht in Zimmern teilnehmen kann und niemand ihm dolmetschen kann.

Aufgeben werden die Zimmerner jedenfalls nicht. Unermüdlich suchen sie nach neuen Helfern für ihre Asylbewerber-Freunde. Sie sind ihnen ans Herz gewachsen – seit die ersten von ihnen im Januar durch die Kälte zum Haus Monika stapften. * Name von der Redaktion geändert

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