WÜRZBURG

Hotelturm: Bewährungsstrafe für Strohmann S.

Peinliche Einblicke ins Innenleben der Pleite gegangenen Euro-Gruppe bot der Prozess gegen einen 63-jährigen angeblichen Geschäftsführer: Der Kaufmann hatte keinerlei Entscheidungs-Kompetenz. In dem Finanz-Imperium zog ein anderer im Hintergrund die Fäden, in der Buchhaltung herrschte Chaos.
Monument von Größenwahn und Scheitern: der Würzburger Hotelturm, Lockmittel der Euro-Gruppe für Investoren.
Monument von Größenwahn und Scheitern: der Würzburger Hotelturm, Lockmittel der Euro-Gruppe für Investoren. Foto: FOTO Schwarzott

Über Jahre hinweg spielte Kaufmann Jürgen S. nur Geschäftsführer und Vorstand in elf Firmen des Berater-Imperiums, dem Würzburg seine hässlichste Bauruine verdankt: den Hotelturm. Damit warb das Firmennetz um die Kernfirma Ibeka AG bundesweit 27 000 Geldanleger mit kleinen Einkommen. Die sollten sich (zum Teil über 30 Jahre hinweg) mit 1,2 Milliarden Euro an riskanten Projekten beteiligen. Als die Euro-Gruppe 2005 zusammenbrach, hatten Investoren bereits 117 Millionen Euro eingezahlt. 60 Millionen waren nach Beurteilung des Insolvenzverwalters nicht investiert, sondern als Provisionen verteilt worden.

Der Angeklagte hatte bereits in einem früheren Unternehmen des Firmengründers Franz Klaffenböck mitgearbeitet. Als der nach über drei Jahren Gefängnis wegen krummer Geschäfte wieder freikam und flugs zur Gründung eines ähnlichen Finanzberater-Imperiums schritt, war Jürgen S. wieder dabei – diesmal ganz an der Spitze.

Seine Arbeit: öffentlich den Geschäftsführer spielen, damit der vom Image ramponierte Firmengründer aus dem Hintergrund die Fäden ziehen konnte. Für die Strohmann-Rolle ließ sich S. fünfstellige Monatsgehälter zahlen, wie er vor Gericht einräumte. Obwohl er nicht einmal Überweisungen allein durchführen durfte, muss er nun den Kopf hinhalten für Versäumnisse, die man der Geschäftsführung in der letzten Phase bis zur Insolvenz vorhält: Teilweise gab es seit 2002 keine Bilanzen mehr, die Buchführung bestand in ungeordneten Papierhaufen. Gehälter wurden nicht bezahlt.

Der Angeklagte hielt dagegen: „Herr Klaffenböck war der alleinige Entscheidungsträger.“ Dies bestätigten der einstige EDV-Leiter, eine damalige Buchhalterin sowie Insolvenzverwalter Frank Hanselmann, der betonte: „Für mich ist S. nur ein bezahlter Handlanger gewesen.“

Dennoch musste sich S. die verschleppte Insolvenz einer Firma der Euro-Gruppe sowie zahlreiche Verstöße gegen Buchhaltungs- und Bilanzierungs-Pflichten zurechnen lassen, für die er seine Unterschrift leistete. Der Angeklagte sagte: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, außer, dass ich nicht scharf genug gegen Klaffenböck vorgegangen bin.“

Das Amtsgericht um den Vorsitzenden Jürgen Weber war nicht dieser Auffassung, sondern verurteilte S. zu einem Jahr und vier Monaten Haft zur Bewährung – sowie 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Auf die Bezichtigungen gegen Klaffenböck angesprochen, kündigte Erik Ohlenschlager, Sprecher der Staatsanwaltschaft, an: „Sollten die Zeugenaussagen neue Hinweise auf ein strafbares Verhalten des faktischen Geschäftsführers ergeben, wird die Staatsanwaltschaft dem nachgehen.“

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!