UNTERFRANKEN

Immer mehr Messies in unterfränkischen Wohnungen

Harter Job: In Messie-Wohnungen ist Hygienekontrolleur Ulrich Thomas mit Mundschutz im Einsatz.
Harter Job: In Messie-Wohnungen ist Hygienekontrolleur Ulrich Thomas mit Mundschutz im Einsatz. Foto: Pat Christ

Sie sammeln planlos, alles was ihnen in die Hände kommt. Nichts wird weggeworfen. Immer mehr Menschen leben in ihren Wohnungen inmitten von Müll. Auch die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Fachdienstes des Gesundheitsamtes in Würzburg haben es nahezu täglich in irgendeiner Weise mit „Messies“ aus Stadt oder Kreis Würzburg zu tun. Bayernweit steigen die Zahlen. „Bei uns nimmt die Problematik ebenfalls zu“, bestätigt das Landratsamt Miltenberg.

Dass Menschen mit dem Gesundheitsamt Kontakt aufnehmen, weil sie einen Messie in ihrer Nachbarschaft vermuten, hat allerdings auch damit zu tun, dass Bürger heute sehr auf Hygiene achten. Die Angst vor Seuchen oder vor Brandgefahr ist hoch. Darum wird rasch Meldung gemacht. „Die Hilfsmöglichkeiten sind in diesen Fällen allerdings begrenzt, unter anderem wegen des Mieterschutzes“, erläutert Miltenbergs Pressesprecher Gerhard Rüth. Der Soziale Dienst im Miltenberger Gesundheitsamt kann nur die familiäre Lebenssituation prüfen, Betroffene auf Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen verweisen und in schweren Fällen eine Betreuung anregen.

Dass ihre Nachbarn das Gesundheitsamt benachrichtigen, stößt bei den Messies selbst nicht eben auf positive Resonanz. Viele von ihnen empfinden das Chaos nicht als Chaos, sie „brauchen“ vielmehr den Müll um sich herum. Wie Wibke Schmidt vom Sozialpsychiatrischen Fachdienst des Würzburger Gesundheitsamts erklärt, stecken oft Suchterkrankungen oder psychische Störungen wie Zwänge oder schwere Depressionen hinter dem Vermüllungssyndrom.

Weil die Betroffenen äußerst heikel sind, sei es sehr wichtig, mit Augenmaß vorzugehen, Verständnis aufzubringen und Wertschätzung zu zeigen. Was Schmidt am Beispiel einer zwangskranken jungen Frau erläutert: „Sie konnte einfach nichts wegwerfen. Sie war überzeugt davon, dass sonst etwas ganz Schlimmes passieren würde.“ Mühsam musste sich die Frau von diesem „magischen“ Denken befreien: „Was in solchen Fällen nur mit therapeutischer Begleitung gelingt.“

Verdreckte Kinder saßen im Müll

Fatal ist es, wenn Kinder inmitten von gehortetem Schund und Müll aufwachsen müssen. Dies hatte Paul Justice, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Zweckverbände für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung in Bayern, einmal erlebt. „Wir kamen in eine Wohnung voller Gerümpel, um einen Mann zu reanimieren“, erzählt der Würzburger Rettungssanitäter. „Plötzlich hörten wir in einem Zimmer, von dem wir dachten, da sei ebenfalls nur Müll gelagert, ein leises Jammern.“ Was sie schließlich sahen, verschlug den Rettungssanitätern die Sprache. Justice und seine Kollegen entdeckten zwei kleine Kinder: „Wir waren absolut schockiert. Beide saßen inmitten einer Müllhalde und waren total verdreckt.“

Das, was da wahllos zusammengetragen wurde, gibt Messies Schutz und Geborgenheit. Will man sie davon trennen, kann es zu heftigen Szenen bis hin zu Gewaltausbrüchen kommen. Andererseits gebe es Betroffene, die dankbar sind, endlich aus ihrer unhaltbaren Lage befreit zu werden, erklärt der Würzburger Hygienekontrolleur Ulrich Thomas. Er erinnert sich an einen Einsatz aufgrund einer Meldung von Nachbarn, die angaben, sie hätten eine ältere Frau seit mehr als 14 Tagen nicht mehr gesehen. Vor Ort stellte sich heraus, dass sie hilflos inmitten von Abfallbergen hockte und sich zu nichts mehr aufraffen konnte.

Stephan Roth, Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Kitzingen bestätigt, dass Messies oft psychische Probleme haben. Anders als in anderen Kommunen Unterfrankens erkennen die Ärzte, Hygienekontrolleure und Sozialpädagogen in Kitzingen aktuell jedoch keinen Anstieg der Fallzahlen: „Wobei wir genaue Zahlen nicht erfassen.“

Insgesamt scheinen Gesundheitsbehörden in ländlichen Regionen weniger von der Problematik betroffen zu sein. „Bei uns sind maximal vier bis fünf Fälle im Jahr zu verzeichnen“, erklärt Dr. Horst Zeindl vom Landratsamt Deggendorf. Weil die Problematik vor allem in Ballungszentren auftritt, gibt es hier auch die meiste Hilfe.

Messies, die es nicht mehr schaffen, das Geschirr zu spülen, zu staubsaugen, Wäsche zu wachen und zu putzen, werden zum Beispiel seit 22 Jahren von den Sozialarbeitern des Münchner Vereins „H-Team“ unterstützt. Die Ambulante Wohnungshilfe der Organisation kümmert sich jährlich um rund 100 Messies.

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