WÜRZBURG/SCHWEINFURT

In der Rentenlücke

Altersvorsorge: Frauen bekommen weniger Rente als Männer. Schuld daran sind oft Familienpausen und Teilzeitarbeit. Benachteiligt unser Rentensystem gerade Familien? Sorgen Frauen zu wenig für ihre Rente vor? Es gibt Reformmodelle.
Kinder und Beruf: Weil Frauen für die Kindererziehung ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder Teilzeit arbeiten, haben sie geringere Rentenansprüche. Foto: Felix Kästle, DPA

Frauen erhalten heute einer OECD-Studie zufolge im Schnitt 22 Prozent weniger Lohn als Männer, auch wenn sie Vollzeit arbeiten. „Gender Gap“ wird diese Lücke mit Folgen genannt. Denn dadurch sammeln sie gut ein Viertel weniger Rentenansprüche als Männer. Sie erreichen im Durchschnitt – durch Geburten und Teilzeitarbeit – sogar 15 Versicherungsjahre weniger, leben aber gleichzeitig vier Jahre länger. Und: Frauen sorgen weit weniger fürs Alter vor als Männer.

Frauen managen Haushalt, Beruf und Kinder und zahlen deshalb deutlich weniger in die Rentenkasse ein als Männer. Diese Familienpolitik spiegelt sich auch in den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung wider. Männer aus dem Westen erhalten derzeit im Schnitt 1005 Euro Rente im Monat, Frauen 508 Euro. Männer aus dem Osten beziehen durchschnittlich 1073 Euro, Frauen 730 Euro. „Doch die Frauenerwerbsquote steigt, und die Qualifikationsunterschiede zwischen den Geschlechtern haben sich verändert“, erklärt Hans Fehr, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Würzburg. Die „Gender Gap“ ist geringer geworden. In Zukunft wird der Unterschied bei den Renten wohl nicht mehr so dramatisch sein. Das bestätigt auch Claudia Weidig, Pressesprecherin der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. „In der Generation der heute Mitte 30- bis Mitte 40-Jährigen bleiben auch Männer zu Hause oder arbeiten nach der Geburt eines Kindes Teilzeit.“

„Die Rente ist sicher, solange wir genug arbeiten, zusätzlich privat vorsorgen und es genügend Kinder gibt“, hat Ursula von der Leyen 2012 gesagt, als sie noch Arbeitsministerin war. Dennoch warnen Politiker aller Parteien vor Altersarmut. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung kümmern sich Frauen viel zu wenig um das Thema Rente und Altersvorsorge. Mehr als 60 Prozent der Frauen würde die jährliche Renten-Information nicht lesen, jede dritte Frau sorgt gar nicht fürs Alter vor, die restlichen nur unzureichend. Laut einer Versicherungsstudie investieren etwa 40 Prozent der Frauen weniger als 50 Euro monatlich in ihre private Rente, 20 Prozent von ihnen gar nichts.

„Unser Rentensystem benachteiligt Familien – ausgerechnet diejenigen, die das System am Leben erhalten“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Kinder finanzieren in ihrem späteren Erwerbsleben mit ihren Einzahlungen in die Rentenkasse nicht nur die Altersversorgung ihrer eigenen Eltern, sondern auch die der Kinderlosen aus ihrer Elterngeneration. Weil die Menschen immer älter werden und zugleich immer weniger Kinder geboren werden, werden die Rentenbeiträge bereits ab 2030 ihre gesetzliche Obergrenze von dann 22 Prozent überschreiten, und auch das Rentenniveau wird unter die gesetzliche Untergrenze fallen, hat Martin Werding berechnet, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bochum.

„Der Gesetzgeber hat schon viel für Frauen getan“, sagt Claudia Weidig, Pressesprecherin der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. Die jährliche Renten-Information ist ein wichtiges Instrument, um sich über den Istzustand des Rentenkontos zu informieren. „Noch wichtiger ist es, die gespeicherten Versicherungszeiten zu prüfen“, rät Weidig. Oft sind die Einträge bei Frauen lückenhaft. Zur Kontoklärung kann man in eine Sprechstunde der Rentenversicherung kommen. Für Kindererziehungszeiten werden Frauen Pflichtbeiträge angerechnet. Für ab 1992 geborene Kinder gibt es drei Jahre Beitragszeiten auf Basis des Durchschnittseinkommens gutgeschrieben. Das entspricht derzeit einem Jahresbruttoverdienst von rund 34 800 Euro, also 2900 Euro brutto monatlich. Das ergibt für die Rentenberechnung drei Entgeltpunkte. Für alle vor 1992 geborenen Kinder, erhalten Frauen oder Männer ein Jahr Pflichtbeiträge, das entspricht einem Entgeltpunkt. Die geplante Mütterrente soll diese Anrechnung verdoppeln, also auf zwei Jahre anheben und somit zwei Entgeltpunkte zugrunde legen. Ein Entgeltpunkt ergibt derzeit eine monatliche Rente von 28,14 Euro (West, Ost: 25,74 Euro). Auch Schule, Studium und Ausbildung werden bei der Rentenversicherung anerkannt.

Sind Kinder da, arbeiten viele Frauen Teilzeit oder in einem Minijob, weil sie sich um die Familie kümmern wollen. Doch wer Teilzeit arbeitet, zahlt zwangsläufig auch weniger Beiträge in die Rentenkasse. Die wenigsten Frauen wissen, dass es die Möglichkeit gibt, sich mit einem kleinen Beitrag eine zusätzliche Altersversorgung aufzubauen. Viel zu wenig Frauen nutzen die Möglichkeit, die Firmen per Betriebsrente bieten oder die staatlich geförderte Altersvorsorge. Weil sie glauben, dass bei geringem Verdienst kein Anspruch besteht oder es sich nicht lohnt. Doch einen Riestervertrag könne man auch mit einem Teilzeit- oder versicherungspflichtigen Minijob abschließen.

Professor Werding berechnet in seiner Studie zwei mögliche Reformmodelle, die Eltern in der aktiven Familienphase besserstellen würden. Das eine Modell sieht vor, Kinderfreibeträge ins gesetzliche Rentensystem einzuführen, wie es sie im Steuersystem bereits gibt. Dadurch würden Eltern weniger Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen. Das zweite Modell einer „Kinderrente“, bei dem Eltern als Rentner für jedes Kind einen bestimmten Betrag bekommen, würde einen umfassenderen Umbau des Rentensystems bedeuten. „In beiden Fällen bessern sich die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen“, sagt Martin Werding.

Die Deutsche Rentenversicherung hält die Vorschläge in der aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung für „unrealistische Gedankenspiele“. Das Rentensystem für Familienpolitik einzusetzen, hält der Würzburger Finanzexperte Hans Fehr für falsch. Auch mit der Finanzierung der Mütterrente ist er nicht glücklich: „Es ist falsch, die Mütterrente über Beiträge zu finanzieren“, sagt Fehr. „Richtig wäre es, sie aus Steuermitteln zu bezahlen.“ Wenn die Leistungen der Rentenkasse immer wieder aufgestockt werden, werde das Problem der Altersvorsorge nicht gelöst.

Frauen und Rente

In den letzten Jahrzehnten gab es viele Änderungen im Rentenrecht, die meist für Frauen eine positive Auswirkung hatten.

Hier nur einige Beispiele:

Am 1. Januar 1957 kam die Altersrente (Altersruhegeld) für Frauen. Vorher galten für sie dieselben Altersgrenzen wir für Männer. Durch die Gesetzesänderung konnten Frauen, bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen, früher in Rente gehen. Für Frauen ab Jahrgang 1952 ist eine vorzeitige Frauenaltersrente nicht mehr möglich.

Am 1. Januar 1977 wurde der Versorgungsausgleich eingeführt. Seitdem werden Rentenanwartschaften, die während einer Ehe erworben wurden, bei Scheidung zu gleichen Teilen aufgeteilt. Er wird vom Familiengericht im Rahmen des Ehescheidungsprozesses durchgeführt.

Am 1. Januar 1986 wurden die Kindererziehungszeiten eingeführt. Seitdem werden während der Kindererziehungszeit zwölf Monate Pflichtbeiträge angerechnet.

Ab 1. Januar 1992 werden für Kindererziehungszeiten für Kinder, die nach dem 31.12.91 geboren sind, 36 Monate Pflichtbeiträge angerechnet. Dazu gibt es neben der Kindererziehungszeit eine Kinderberücksichtigungszeit bis zum zehnten Lebensjahr der Kinder, unabhängig vom Zeitpunkt der Geburt. Diese Zeit ist zwar keine Beitragszeit, wirkt sich aber trotzdem auf verschiedenen Wegen positiv auf die Rente aus.

Vom 1. Januar 1992 bis 31. März 1995 wurde die Zeit der Pflege eines Angehörigen als Berücksichtigungszeit angerechnet. Das bedeutet, in dieser Zeit wurden zwar keine Beiträge eingezahlt, aber es entstand auch keine Lücke.

Seit 1. April 1995 werden unter bestimmten Voraussetzungen Pflichtbeiträge durch die Pflegekasse in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt, wenn ein Angehöriger gepflegt wird.

Seit 1. April 1999 können auch für einen Minijob Pflichtbeiträge entrichtet werden, die sich auf den Rentenanspruch auswirken.

Am 1. Januar 2002 wurde die Riesterrente mit Zulagen für Kinder eingeführt. Am 1. Januar 2008 wurden die Zulagen für Kinder bei der Riesterrente erhöht. Für Geburten ab 1. Januar 2008 gibt es jährlich 300 Euro Zulage vom Staat.

Die „Mütterrente“ ist noch im Gesetzgebungsverfahren. Text: DRV

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