UNTERFRANKEN

Interview mit Schulpsychologe Herbert Kimmel aus Schweinfurt

Wut und Trauer in der Schule: Gerade hat ein Zwölfjähriger in Essen einen Mitschüler mitten auf dem Pausenhof mit einem Messer schwer verletzt. In solchen Fällen sind Kriseninterventionsteams zur Stelle. In Unterfranken sind diese Teams eng vernetzt.
Ein Fall für Schulpsychologen: Wenn Schüler Opfer werden, ist professionelle Aufarbeitung nötig. Foto: Illustration: Mona Lisa Friedrich

Herbert Kimmel aus Schweinfurt ist rund um die Uhr erreichbar. Der Schulpsychologe ist mit Krisen in Schulen vertraut. Ein Fall wie in Essen ist in Unterfranken noch nicht passiert, doch müssen die Kriseninterventionsteams auf alles gefasst sein. Ob Schulbusunfälle, Suizid eines Schülers oder angedrohte Amokläufe – Kimmel koordiniert bayernweit die Einsätze des Kriseninterventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (KIBBS). Wir haben ihn bei einer Fortbildungsveranstaltung der Krisenseelsorge im Schulbereich (KiS) und der Notfallseelsorge in Schulen (NOSIS) sowie von KIBBS in Marktheidenfeld getroffen.

Frage: Wie viele Schulen in Unterfranken betreuen Sie? Herbert Kimmel:

Wir sind im Prinzip für alle Schulen in Unterfranken zuständig. Bei KIBBS arbeiten momentan sieben Schulpsychologen. In Krisensituationen wie etwa dem tödlichen Schulwegunfall in Würzburg, bei dem eine 13-Jährige starb, arbeiten wir eng mit den kirchlichen Teams von KiS und NOSIS zusammen.

Handelt es sich bei Ihren Einsätzen vorwiegend um Todesfälle von Schülern – oder werden Sie auch bei Todesfällen im Familienkreis von Schülern tätig? Kimmel:

Es sind nicht nur Todesfälle von Schülern, die unsere Hilfe notwendig machen. Bei Todesfällen im Familienkreis geht es aber in erster Linie um die betroffenen Schüler, weniger um deren familiäres Umfeld, um das sich zumeist die Notfallseelsorge kümmert. Seit Amokläufen wie in Erfurt werden wir zunehmend auch gerufen, wenn es um eine konkrete Bedrohung der Schule geht oder wenn das Verhalten von Schülern Anlass zur Sorge gibt. Zu solchen Krisen gehören auch Suizid oder Suizid-Drohungen, Schulbusunfälle, sexuelle Gewalt oder auch Disco-Unfälle, wenn Schüler betroffen sind.

Wie belastend ist die Teilnahme an solchen Kriseninterventionsteams – ist da grundsätzlich jeder geeignet? Kimmel:

In einem Kriseninterventionsteam ist die Zahl der benötigten Mitglieder überschaubar. Man braucht aber schon physische und psychische Stabilität. Wenn man etwa von 7 Uhr bis 19 Uhr pausenlos im Einsatz ist, dann ist das eine hohe Belastung. Vor allem, wenn es um Kinder und Jugendliche geht, deren Tod besonders schwer zu akzeptieren ist. Das erfordert eine gute Ausbildung und die verlässliche Zusammenarbeit im Team und mit den Teams von KiS und NOSIS. Auch Supervision, in der die Teammitglieder die eigene psychische Belastung durch Gespräche wieder ein Stück weit abgeben können, sind dann unabdingbar.

Sollte dennoch jede Lehrkraft eine Fortbildung in diesem Bereich absolvieren? Kimmel:

Jede Schule sollte ein gutes Kriseninterventionsteam haben – sicher ist aber nicht jeder Lehrer dafür geeignet. Wichtig ist, grundsätzlich über Erleben und Verhalten von Menschen in Krisensituationen Bescheid zu wissen, um einschätzen zu können, welche Unterstützung Betroffene brauchen. Sonst vergrößert man womöglich aus Unwissenheit seelische Wunden noch.

Ist es sinnvoll, in einem Todesfall Lehrkräfte einzusetzen, die dem verstorbenen Schüler besonders nah standen?

Kimmel: Wer persönlich sehr betroffen ist, und von seinen Gefühlen überwältigt wird, benötigt womöglich selbst Unterstützung und ist nicht der richtige Partner, um Hilfe leisten zu können. Wer persönlich betroffen ist, ist nicht der richtige Partner, um Hilfe zu leisten. Lehrkräfte sind aber als Unterstützer wichtig, weil ihnen die Schüler vertrauen. Deshalb sehen wir uns von außen besonders in der Rolle, Lehrer zu beraten, ob und wie sie diese Aufgabe übernehmen können.

Gehen Sie nach all den Jahren routiniert an einen Krisenfall heran – oder müssen Sie die Situation immer wieder neu bewerten?

Routine ist in diesem Bereich sehr hilfreich, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Man hat die Fragen, die notwendig sind, um schnell und richtig agieren zu können, schon im Hinterkopf. Betroffenheit ist immer dabei, dennoch ist es gut, Distanz zu wahren, sich bewusst von außen einer kritischen Situation zu nähern.

Was passiert genau, wenn Sie Information vom Tod eines Schülers oder eines Lehrers erhalten? Kimmel:

In der Regel werden wir von der Schulleitung oder der Schulaufsicht angerufen. Wir beraten dann gemeinsam, wie Mitschüler und Lehrkräfte am besten informiert und unterstützt werden können. Besonderes Augenmerk ist auf Schüler und Lehrer zu richten, die mit dem oder der Verstorbenen eng verbunden waren. Ihnen werden Einzelgespräche angeboten.

Sind Sie rund um die Uhr erreichbar? Kimmel:

Ja, die Zeit drängt – und da spielt auch der Umgang mit den Medien eine große Rolle. Es gab schon Fälle, da wurden Schulen frühmorgens schon von Fernsehteams belagert. Für uns ist wichtig zu erfahren, wer unmittelbar betroffen ist von einer Todesnachricht oder einem schweren Unfall. Geschwister, Angehörige, Freunde. Aber auch Augenzeugen sind oft schwer belastet. Wir bilden dann Gesprächsgruppen je nach Grad der Betroffenheit.

Wie gehen Sie in Suizid-Fällen vor, wenn zur Trauerbewältigung auch noch die akute Gefahr der Nachahmung hinzukommt? Kimmel

: Hier ist schnelles Handeln gefragt, denn hier steht nicht nur die Gefahr der Nachahmung, sondern auch die Schuldfrage im Raum. Gerade bei Suizid und den Gerüchten, die sich heute rasend schnell via Internet und Facebook verbreiten, ist es für uns sehr wichtig gegenzusteuern. Insofern machen uns Schocknachrichten aus dem schulischen Umfeld, die von Schülern ungefiltert aufgenommen werden, Sorgen. Es ist besser, die Schüler werden unmittelbar nach einer solchen Nachricht professionell betreut und nicht erst einmal damit alleine gelassen.

Welche Reaktionen sind bei Schülern üblich – welche bedürfen besonderer Aufmerksamkeit auf längere Sicht gesehen?

KImmel: Da gibt es ein ganzes Spektrum an Reaktionen. Deshalb sagen wir den Schülern, dass es keine richtigen oder falschen Reaktionen gibt. Verwirrung, Trauer, Wut, Angst, Schuldgefühle sind übliche Reaktionen, genauso wie Schlafstörungen in den ersten Tagen nach einem tragischem Vorfall. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht lässt viele zunächst förmlich erstarren. Eine Maßnahme von uns ist deshalb, die Schülerinnen und Schüler aus dieser Starre herauszuholen, indem man beispielsweise einen Spaziergang macht. Vertraute Lehrkräfte sind wichtige Begleiter.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Kimmel: Eine ganz wichtige Rolle, denn sie kennen ihr Kind am besten, sehen, wenn sich Schlafstörungen oder Angstattacken verfestigen – oder immer wieder kommen. Dann ist es an ihnen, sich um weitergehende therapeutische Unterstützung zu kümmern. Wichtig ist, über das Geschehene altersgerecht zu sprechen und für das Kind da zu sein.

Für trauernde Kinder

Beratungsstelle für Menschen in Trauer, Christian Presl-Stiftung, Bad Kissingen: Gruppentreffen für Mädchen und Jungen von 6 bis 16 Jahren (Anmeldung und Vorgespräch erforderlich)

Information: Tel. (09 71) 699 19 07-0

ONLINE-TIPP

Die von der Christian Presl-Stiftung empfohlenen Webseiten für Kinder in Trauer finden Sie unter: www.mainpost.de/online-tipp

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