Junge Hausärzte dringend gesucht

Ambulante Versorgung: Wo sind zu viel Ärzte? Wo werden welche benötigt? Mit dem überarbeiteten Bedarfsplan sollen in Bayern Niederlassungsmöglichkeiten und Engpässe genauer abgebildet werden. Der Plan ist jedoch nur eine Momentaufnahme.
Christian Pfeiffer
Christian Pfeiffer

In Bayern gibt es viele Ärzte, aber nicht immer dort, wo sie am meisten benötigt werden. Der überarbeitete Bedarfsplan soll eine bessere Verteilung bewirken. Für den Giebelstädter Hausarzt und unterfränkischen Vorstandsbeauftragten in der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Christian Pfeiffer, ist noch nicht alles gelöst. Der Bedarfsplan sei lediglich eine Momentaufnahme, sagt der Allgemeinmediziner, die teilweise nichts über die Realität aussagt: zum Beispiel über den drohenden Hausarztmangel auf dem Land. Finanzielle Anreize könnten dazu beitragen, dem entgegenzuwirken, ebenso, den Hausarztberuf attraktiver zu machen.

Frage: Ist der neue Bedarfsplan schon wieder veraltet?

Pfeiffer: Veraltet nicht, aber vorläufig. Denn er bildet nur den aktuellen Stand ab. Und dieser verändert sich, was die Hausarztversorgung anbelangt, sehr schnell. Grundgedanke für die Erstellung eines neuen Bedarfsplans war: Wir machen die Gebiete kleiner und erreichen so eine gerechtere Verteilung der Ärzte. Allerdings müssen die bundesweit vorgegebenen Richtlinien nun mehr regional heruntergebrochen und künftige Entwicklungen miteingeplant werden. Die zentralistischen Vorgaben aus Berlin waren nicht geeignet, die Situation vor Ort genau zu analysieren: die künftige Entwicklung, etwa bei der Bevölkerung, oder die Altersstruktur der Ärzte. Deshalb ist eine Weiterentwicklung des Bedarfsplans nötig.

Bis wann soll dies geschehen?

Pfeiffer: Die ersten regionalen Vorschläge wurden bereits nach München zur Zentrale der Kassenärztlichen Vereinigung geschickt. Die Umplanungen sollen innerhalb eines Jahres angepasst werden, das ist viel Arbeit, denn es muss ja ganz Bayern noch einmal genauer betrachtet werden. Und es müssen alle Vorschläge mit den Krankenkassen abgestimmt werden. Künftig soll es zudem alle zwei, drei Jahre eine Aktualisierung des Bedarfsplans geben.

Wie ist Ihre Einschätzung, werden die Krankenkassen mitmachen?

Pfeiffer: Ich denke schon, denn auch die Krankenkassen haben erkannt, dass es so nicht geht – gerade in den ländlichen Gebieten.

Dennoch werden auch Umplanungen allein ein Problem nicht lösen: den Hausärztemangel.

Pfeiffer: Wenn wir auf dem Land alle Hausarztpraxen an jüngere Kollegen übergeben könnten, dann wäre egal, was im Bedarfsplan steht. Nach wie vor ist es auf dem Land sehr, sehr schwierig, einen Nachfolger zu finden, nicht nur im Gebiet Main-Rhön, sondern auch in den Haßbergen und im Spessart. Deshalb arbeiten ja viele Hausärzte länger, damit die ärztliche Versorgung gewährleistet bleibt.

Das ist seit Jahren bekannt . . .

Pfeiffer: . . . und ich habe das Gefühl, wir verschlafen das Problem Jahr um Jahr – trotz aller Planungen und Diskussionen. Dabei ist wohl bekannt, dass über ein Drittel der niedergelassenen Hausärzte 60 Jahre und älter sind, dass die Zahl der Facharztanerkennungen bei der Allgemeinmedizin 2012 erneut gesunken ist, dass in Umfragen Arbeitsorte auf dem Land als unattraktiv gelten.

Ihre Gemeinschaftspraxis in Giebelstadt bildet seit Jahren auch Studenten aus. Können Sie die angehenden Mediziner nicht für den Hausarztberuf begeistern?

Pfeiffer: Die Studenten sind durchaus begeistert von der Vielfalt des Hausarztberufes. Viele sagen, es sei das schönste Praktikum ihres Studiums. Aber letztlich holen wir sie zu spät ab. Wenn sie ihr Praktikum bei uns oder woanders absolvieren, haben sie ihre Entscheidung meist schon getroffen. Die wenigsten wollen Hausarzt werden.

An der Würzburger Universität soll es bald einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin geben.

Pfeiffer: Ein eigener Lehrstuhl für Allgemeinmedizin ist sehr wichtig, weil Studenten dann schon früh damit in Berührung kommen – und weil die innerärztliche Anerkennung steigen würde. Der Hausarztberuf ist nach wie vor unter Studenten nicht hoch angesehen. Zusätzlich fordern wir vom Hausärzteverband, dass das praktische Jahr für alle Medizinstudenten anders aufgeteilt wird. Momentan besteht es aus jeweils vier Monaten in der Inneren Medizin und Chirurgie und in einem frei wählbaren Fachgebiet. Wir möchten jedoch, dass alles auf drei Monate verkürzt wird und so drei Monate übrig bleiben, in denen die Studenten verpflichtend die Allgemeinmedizin kennenlernen.

Wann wird der Lehrstuhl kommen?

Pfeiffer: Ich denke, es wird noch bis Mitte 2014 dauern. Auch in Erlangen gab es Verzögerungen, dort sollte es den Lehrstuhl schon geben. Auch in München soll noch ein zweiter Lehrstuhl eingerichtet werden, dann gibt es vier in Bayern. Wünschenswert wäre auch, wenn die Unis Auswahlgespräche führen würden. Nicht nur und nicht jeder Einser-Abiturient ist geeignet für den Arztberuf – auch nicht für den Hausarztberuf.

Gabriele Hörl, Ministerialdirigentin im Bayerischen Gesundheitsministerium, hat auf der Konferenz in Würzburg gefordert, dass das Image des Hausarztes verbessert werden muss.

Pfeiffer: Auch finanzielle Anreize können dazu beitragen, den Hausarztberuf attraktiver zu machen und dem drohenden Mangel entgegenzuwirken. In unterversorgten Gebieten können Haus- und Fachärzte mit je 60 000 Euro gefördert werden. Darüber hinaus sind Zuschüsse möglich, etwa wenn ein niedergelassener Mediziner einen Arzt oder eine Ärztin einstellen oder seine Vertragsarztpraxis über das 63. Lebensjahr hinaus fortführen möchte.

Immer mehr Frauen studieren Medizin. Wird sich das ebenfalls auf die Entwicklung im Hausarztbereich auswirken?

Pfeiffer: Der Frauenanteil bei den nachkommenden Medizinern beträgt fast 70 Prozent. Viele dieser Kolleginnen haben vor, eine Familie zu gründen und haben daher Bedenken vor einer Selbstständigkeit und Niederlassung in einer eigenen Praxis. Auch Dienste, die das Familienleben beeinträchtigen, schrecken vielleicht ab. Wir müssen daher Kooperationsmöglichkeiten und Teilzeitstellen bieten. Ich meine damit nicht die Versorgungszentren. Dort fehlt, was den niedergelassenen Hausarzt ausmacht: der persönliche Bezug zum Patienten.

Bedarfsplanung

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) hat sich gemeinsam mit den bayerischen Krankenkassen Mitte Juni auf einen neuen Bedarfsplan für die ambulante ärztliche Versorgung im Freistaat geeinigt. Dieser legt laut KVB fest, wie viele Vertragsärzte und -psychotherapeuten sich jeweils in einer Region niederlassen dürfen. Anlass für die neue Erhebung waren die Bedarfsplanungsrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Sie wurden im Dezember 2012 neu gefasst und traten am 1. Januar 2013 in Kraft.

Hausärztliche Versorgung: Künftig ist die hausärztliche Versorgung (Allgemeinärzte, praktische Ärzte und hausärztliche Internisten) kleinräumiger. Bayernweit gibt es statt bisher 79 nun 138 Planungs- beziehungsweise Mittelbereiche; in Unterfranken sind es 18.

Jeder Mittelbereich in Bayern umfasst ein Gebiet von mindestens 30 000 Einwohnern und besitzt einen zentralen Ort als Mittelzentrum, nach dem der Bereich auch benannt ist. Die 18 Mittelbereiche für Unterfranken sind: Alzenau in Unterfranken, Aschaffenburg, Oberburg/Elsenfeld/Erlenbach, Miltenberg, Lohr am Main, Karlstadt, Marktheidenfeld, Würzburg, Kitzingen, Ochsenfurt, Bad Neustadt a. d. Saale, Bad Brückenau, Bad Kissingen, Hammelburg, Schweinfurt, Ebern, Haßfurt, Gerolzhofen. Wie viele Ärzte dort benötigt werden, wird mit Hilfe einer Verhältniszahl ermittelt, die von der Richtlinie des G-BA vorgegeben ist. Für Hausärzte beträgt die Verhältniszahl zum Beispiel 1671, das bedeutet, dass pro 1671 Einwohner ein Hausarzt vorhanden sein soll.

Auswirkungen des neuen Bedarfsplans für unterfränkische Hausärzte: Sieben der Mittelbereiche gelten als regelversorgt, elf als überversorgt. Die Anzahl der überversorgten Bereiche ist von 30 auf 61 Prozent gestiegen, die Anzahl der Zulassungsmöglichkeiten von 42,5 auf 24 Arztsitze gesunken. Massiv gestiegen ist die Anzahl der Ärzte oberhalb der Sperrgrenze: von 10,7 auf 47,5.

Kritikpunkte der KVB: Strukturelle Probleme des eklatanten Nachwuchsmangels werden in der ambulanten Versorgung durch die neue Bedarfsplanung nicht behoben. Außerdem seien in Zukunft stärker Aspekte wie etwa die Bevölkerungsentwicklung vor Ort oder die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten zu berücksichtigen.

Fachärztliche Versorgung: Dieser Bereich unterteilt sich in die allgemeine, die spezialisierte und die gesonderte fachärztliche Versorgung. In Unterfranken gibt es für die allgemeine fachärztliche Versorgung (dazu gehören u. a. Augenärzte, Frauenärzte, Orthopäden, Nervenärzte oder Psychotherapeuten) zehn Planungsbereiche. Laut Pedro Schmelz, stellvertretender Vorsitzender der KVB und Augenarzt in Bad Kissingen, ergibt sich durch die neue Bedarfsplanung nun mehr Regelversorgung und weniger Überversorgung als zuvor.

Beispiel Landkreis Haßberge: Dort besteht eine Unterversorgung bei den Haut- und HNO-Ärzten, eine Überversorgung bei Frauenärzten und Psychotherapeuten sowie eine Regelversorgung bei den Kinderärzten. Zum Vergleich: Für Würzburg weist der Bedarfsplan bei all diesen Fachärzten eine Überversorgung aus.

Die Zulassungsmöglichkeiten bei den allgemeinen Fachärzten ist unterfrankenweit von 11,5 auf 53 gestiegen. Den größten Zuwachs gibt es bei den Psychotherapeuten (jetzt 24,5). Die Anzahl der Ärzte oberhalb der Sperrgrenze ist leicht gesunken.

Auswirkungen bei der spezialisierten fachärztlichen Versorgung: Sie ist jetzt in Unterfranken in drei Planungsbereiche unterteilt, in sogenannte Raumordnungsregionen. Für Anästhesisten und Radiologen ergeben sich partielle Öffnungen (die Anzahl der Zulassungsmöglichkeiten ist von 0 auf drei gestiegen). Für Fachinternisten sowie für Kinder- und Jugendpsychiater ist ganz Unterfranken Sperrgebiet. Die Anzahl der Ärzte oberhalb der Sperrgrenze ist leicht gesunken (von 123,9 auf 117).

Zur gesonderten fachärztlichen Versorgung zählen Humangenetiker, Laborärzte, Pathologen, Neurochirurgen, Nuklearmediziner und Pathologen. Sie unterlagen bisher nicht der Bedarfsplanung und werden bayernweit betrachtet. Bei allen Fachgruppen besteht eine Überversorgung, die höchste bei den Neurochirurgen und Nuklearmedizinern.

Text: cj; Quelle: KVB; Foto: Theresa Müller

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