WÜRZBURG

Kein konkreter Verdacht

„Ich kann den Verdacht auf Raubkunst nicht an bestimmten Bildern oder Skulpturen festmachen“, sagt Muchtar Al Ghusain auf Nachfrage dieser Zeitung, „aber die Wahrscheinlichkeit ist einfach hoch, dass es Werke gibt, die in der NS-Zeit auch auf fragwürdigem Wege in die Städtische Sammlung gelangt sein könnten“. Dieser Verdacht ergibt sich nach Angaben des Kulturreferenten der Stadt Würzburg „schon allein aus der Gründung der Städtischen Galerie im Jahr 1941“. Und befeuert wurde er, als kürzlich nach Hinweisen dieser Zeitung Grafiken renommierter Künstler im Depot auftauchten – eine Schenkung von Wolfgang Gurlitt (wir berichteten) – die allerdings nicht aus Raubkunst besteht.

Gibt es Nachkommen mit Ansprüchen?

Vor gut drei Jahren startete in Würzburg der „Dialog Erinnerungskultur“. Er setzt sich anhand mehrerer Themenbereiche kritisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Die Städtische Sammlung im Museum Kulturspeicher zum Beispiel präsentierte mit der Ausstellung „Tradition & Propaganda“ im Frühjahr 2013 bereits eine erste Bestandsaufnahme: Kunstwerke, die den braunen Machthabern genehm war.

In 2014 steht nun nach Angaben Al Ghusains der nächste Schritt an: die Erforschung der Herkunft beziehungsweise Provenienz der einzelnen Werke. Dabei soll geklärt werden, ob sich im Bestand Kunst befindet, die ihren ursprünglichen Besitzern durch Raub, verfolgungsbedingt oder Beschlagnahmung abhandenkamen. Und wenn ja, ob es Nachkommen gibt, die eventuell Ansprüche haben. „In diesem Zusammenhang stellt sich dann auch die Frage, wie man sich dazu stellt – es gibt ja keinen rechtlichen Anspruch auf Rückgabe, allenfalls einen moralischen“, sagt Muchtar Al Ghusain. Deshalb müssten Positionen erarbeiten werden, „wie wir damit umgehen, für den Fall, dass Raubkunst im Depot des Kulturspeichers auftaucht“.

Der Kulturreferent betont: „Mir ist es ein nachhaltiges Anliegen, dass sich das Museum verstärkt dieser Aufgabe zuwendet und die Dinge unvoreingenommen und transparent benennt.“ Die Museumsleiterinnen Marlene Lauter und Henrike Holsing würden gerade den Antrag auf Förderung durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin vorbereiten. Stichtag für die Einreichung ist der 1. April 2014. Muchtar Al Ghusain steht zudem mit Uwe Hartmann, dem Leiter der Berliner Arbeitsstelle, in Verbindung, der ihm bereits signalisiert hätte, dass er ein solches Projekt in Würzburg unterstützen würde.

Gut in die geplante Provenienzforschung passt laut Kulturreferent Al Ghusain auch, dass durch den Gurlitt-Fund im Kulturspeicher beim Würzburger Stadtrat „das Bewusstsein schlagartig geschärft worden ist, dass eine Inventarisierung und Digitalisierung des Depotbestandes sinnvoll ist“. Wie bereits berichtet, sollen dazu Mittel in Höhe von 80 000 Euro aus dem Verwaltungshaushalt bereitgestellt werden. „Ich setze mich bereits seit mehreren Jahren dafür ein“, so Muchtar Al Ghusain.

Museum auf den Stand der Zeit bringen

Wenn die Regierung dem Würzburger Haushalt zustimmt – „erfahrungsgemäß Ende Februar“ – dann soll dieses Vorhaben sofort im März 2014 starten. Die Gelder aus dem Topf der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung werden voraussichtlich im Juni 2014 genehmigt. „Dann können wir das Museum im Kulturspeicher auf den Stand der Zeit bringen“, so Al Ghusain.

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