BAD KISSINGEN

Kinder im Alkoholrausch

Komasaufen: Jugendbeamte der Polizei in Bad Kissingen treffen bei Festen häufig auf betrunkene Kinder und überforderte Eltern. Oft genug werden die Polizisten von den Erwachsenen noch spöttisch als Spaßbremsen bezeichnet.
Guter Draht zur Jugend: Polizeihauptkommissar Gerold Lumpe und seine Kollegin Jennifer Heuß sind als Jugendbeamte in Bad... Foto: Susanne Wahler-Göbel

Waren Sie denn nie jung?!“ Wenn Gerold Lumpe diese provokante Frage hört, muss er schmunzeln. Freilich war der 56-jährige Polizeihauptkommissar mit dem struppigen Bart und der schwarzen Schildmütze auch mal jung. Und als Jugendbeamter der Polizeiinspektion Bad Kissingen hat er sich den Draht zu jungen Leuten bestens erhalten. „Mit Jugendlichen habe ich keine Probleme. Dennoch erleben wir oft die tollsten Dinger. Übrigens auch mit den Eltern!“

Wir, das sind Lumpe und seine 20 Jahre jüngere Kollegin Jennifer Heuß. Seit Mitte 2008 sind sie als Jugendbeamte jeden Monat zwischen 20 und 30 Stunden unterwegs im Landkreis Bad Kissingen, zusätzlich zum normalen Schichtdienst. Ihre Aufgabe ist es vor allem, Jugendschutzkontrollen durchzuführen. Stoßen sie des Nachts auf Festen auf Jugendliche, die laut Gesetz zu dieser Zeit längst zu Hause sein müssten, schalten sie sich ein.

„Wir informieren dann die Eltern, dass sie ihr Kind abholen sollen. Wenn das aus irgendeinem Grund nicht geht, fahren wir den Nachwuchs auch mal selbst nach Hause“, so Heuß. Kostenloser Taxiservice ist das allerdings nicht.

Treffen die Beamten auf die Eltern, treffen sie auch auf völlig unterschiedliche Reaktionen. „Im Fall einer rübenrunden 15-Jährigen haben wir von den Eltern den Satz gehört: Lasst sie doch auch mal feiern!“, erinnert sich Lumpe. „Ich habe ihnen geantwortet: Und wenn Ihre Tochter bewusstlos in der Hecke liegt und vergewaltigt wird, was dann?“ Mit solch drastischen Argumenten könne man unwirsche Eltern recht schnell zur Sachlichkeit zurückbringen, ist Lumpes Erfahrung.

„Es gibt aber auch völlig ahnungslose Eltern, die aus allen Wolken fallen, wenn sie von uns hören, dass ihr Sohn oder ihre Tochter betrunken ist oder etwas ausgefressen hat“, so Polizeihauptmeisterin Heuß. „Die sagen dann: Mein Sohn trinkt nicht! Oder: Meine Tochter macht so etwas nicht!“ Dann sei es die Aufgabe der Jugendbeamten, der Situation erst einmal die Dramatik zu nehmen.

„Es geht natürlich überhaupt nicht, dass Eltern überreagieren und ihren Kindern eine Ohrfeige verpassen, noch dazu vor unseren Augen“, stellt Heuß klar. Und wo die Beamten es für nötig halten oder Eltern für eine erzieherische unterstützende Maßnahme dankbar sind, schalten sie das Jugendamt ein.

„Es gibt dann die Möglichkeit, dass Eltern und Kinder zu einem Gespräch zusammenkommen mit einem Mitarbeiter der kommunalen Jugendarbeit“, erklärt Lumpe.

Heuß und Lumpe sind vor allem in den Sommermonaten draußen unterwegs, wenn es in und um Bad Kissingen herum nahezu jedes Wochenende ein anderes Fest gibt. Heuß erinnert sich an einen 15-Jährigen, der ihnen gegen ein Uhr im Bierzelt auffiel.

„Es stellte sich dann heraus, dass er zwar zunächst mit seinen Eltern heim und in sein Bett gegangen war, nach einer Weile, als die Eltern dann schliefen, aber wieder heimlich durch sein Zimmerfenster ausgebüxt war.“

Ärger bekam der Junge dennoch nicht, denn Heuß und Lumpe haben das Herz schon am richtigen Fleck. „Er hat uns felsenfest versprochen, sofort nach Hause zu gehen und sich wieder ins Bett zu legen. Das haben wir ihm abgenommen“, erzählt Lumpe.

Dennoch, hat das Flüggewerden einmal begonnen, wissen viele Eltern nicht mehr, wo sich ihre Kinder aufhalten. „Die klassische Ansage der Kids ist, beim Freund oder bei der Freundin zu übernachten. Damit geben sich zu viele Eltern einfach zufrieden“, kritisiert Lumpe.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Erziehungsauftrag, einem Formular, mit dem Eltern für eine Veranstaltung die Aufsicht über ihr Kind einer anderen volljährigen Person übertragen. „Viele Eltern unterschreiben einfach blanko, und die minderjährige Tochter wedelt dann vor dem Festzelt mit dem Blatt herum und sucht jemanden, der für den Erziehungsauftrag mal eben pro forma einspringt“, sagt Heuß. „Bei so etwas kriegen wir die Krise!“

Dass die Jugendschutzbestimmungen sinnvoll und durchdacht sind, davon sind die Beamten überzeugt. „Aber Gesetze allein können nichts bewirken, es braucht die Zusammenarbeit mit den Eltern“, wird Lumpe nicht müde zu appellieren.

Und wenn wenig erfreute Eltern ihn und seine Kollegin wieder einmal fragen, ob sie denn nichts Wichtigeres zu tun hätten als Spaßbremse zu sein, bleibt Lumpe gelassen, kratzt sich mal kurz den Bart und sagt: „Nee, haben wir nicht.“

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