WALDBÜTTELBRUNN

Knochenarbeit für die Wissenschaft

Schätze aus dem frühen Mittelalter: Michael Hoppe, beim Landesamt für Denkmalpflege zuständig für Bodenfunde in Unterfranken, präsentiert Scherben von Knickwandtöpfen. Archäologen fanden sie in einem Friedhof aus der Merowingerzeit in Waldbüttelbrunn.
Schätze aus dem frühen Mittelalter: Michael Hoppe, beim Landesamt für Denkmalpflege zuständig für Bodenfunde in Unterfranken, präsentiert Scherben von Knickwandtöpfen. Archäologen fanden sie in einem Friedhof aus der Merowingerzeit in Waldbüttelbrunn. Foto: Theresa Müller

Möglichst unauffällig arbeiteten Archäologen im Süden des Gewerbegebietes in Waldbüttelbrunn (Lkr. Würzburg), um eine Überraschung lange für sich zu behalten: Sie fanden einen Friedhof aus dem frühen Mittelalter, den sie nicht erwartet hatten. Dort waren Menschen begraben, die wohl das Dorf gegründet hatten, um 250 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung.

Niemand sollte von den reich ausgestatteten Gräbern erfahren, die der bräunlich-gelbe Löß verborgen hatte, bevor nicht alles gesichert war. Zwischen der Lagerhalle der Showtechnikfirma Steinigke und einer großen Feldscheune duckten sich die Folienzelte der Ausgäber. Nachdem die obere Erdschicht weggebaggert und der gewachsene Boden sichtbar geworden war, zeigten den Archäologen Schatten im Erdreich, dass es sich lohnte, per Hand weiter zu graben. Eine wahre Knochenarbeit mit Spaten, Spachtel und viel Geduld.

Neben steinzeitlichen Funden kamen zum Teil in mehreren Metern Tiefe 32 Gräber aus der Merowingerzeit zutage. Das erzählt Grabungsleiter Fabian Hopfenzitz von der Schwebheimer Ausgrabungsfirma Specht, als Skelette, Glasbecher, Keramiktöpfe, Schmuck und Waffen längst gut verpackt in Lagern des Denkmalpflegeamtes liegen. In den nächsten Monaten werden sie dort gereinigt, restauriert und auf ihre genaue Bedeutung für die Wissenschaft hin untersucht.

Die Merowinger waren die ältesten Frankenkönige. Die ersten Vertreter des Geschlechts nutzten den Niedergang des römischen Reichs, eroberten großflächig Gebiete im heutigen Frankreich und Deutschland und gründeten das Frankenreich. Sie regierten vom fünften bis ins achte Jahrhundert an der Grenze zwischen zwei Zeiten, der späten Antike und dem frühen Mittelalter. Ihren Sitz hatten sie im Rheinland.

Für die Menschen in der Würzburger Gegend waren im frühen Mittelalter allerdings wohl eher die regionalen Fürsten wichtig. Aus den Stämmen der Franken, Alamannen und Thüringer sammelten sich Ritter um den Herrschaftsmittelpunkt. Und solche Ritter waren es wohl, die auf der Höhe bei Waldbüttelbrunn im sechsten und siebten Jahrhundert beerdigt worden waren. Begeistert waren Hopfenzitz und seine Kollegen nicht nur vom Fund an sich, sondern auch von der reichen Ausstattung der Toten. Meist stahlen nämlich schon 30 Jahre nach der Bestattung Räuber die Grabbeigaben. Im Waldbüttelbrunner Lehm hatten sich die etwa 1500 Jahre alten Knochen, Gebrauchsgegenstände und Teile der Trachten erhalten.

Der Archäologe zeigt das Grab eines jungen Mannes, der offensichtlich wohlhabend war. Das war kein Bauer, sondern ein Krieger. Eine Lanzenspitze und Reste eines Schildes und zweier Schwerter, der zweischneidigen Spatha und des einschneidigen fränkischen Sax liegen im Grab. Das frühmittelalterliche Waldbüttelbrunn war wohl kein armes Dorf, vermutet Hopfenzitz.

Tönerne Kochtöpfe aus der Steinzeit können Neugierige bei der Präsentation der Grabung befühlen, ebenso Knickwandtöpfe aus der Merowingerzeit. Fränkische Sturzbecher präsentiert der zuständige Bodendenkmalpfleger Michael Hoppe später per Diashow. Die wertvollen Gläser liegen in Noppenfolien gewickelt am sicheren Ort. Im Frühmittelalter waren sie Luxusartikel, importiert aus dem Rheinland oder Italien, sagt Hoppe. Sturzbecher heißen sie, weil sie wegen ihres bauchigen Bodens nicht stehen, sondern nur ausgetrunken auf den Tisch gelegt werden können. Ein Hinweis auf die Trinksitten der alten Waldbüttelbrunner.

Für die Wissenschaftler beginnt nun erst die Arbeit an den Fundstücken. Sie müssen gesichert werden, denn ohne schützenden Lehm, arbeitet die Zeit schnell. „So ein Sax ist sonst in einem halben Jahr zerbröselt“, sagt Hoppe. Waffen, Trachtteile, goldener und gläserner Schmuck werden genau untersucht, um Erkenntnisse etwa über Religion, soziales Leben und Handel zu gewinnen. „Themen für Magister- oder Doktorarbeiten“, sagt Hoppe.

Was frühmittelalterliche Funde preisgeben können, erzählt Archäologin Eva Zahn-Biemüller vom Mainfränkischen Museum in Würzburg. Dort sind bereits untersuchte Stücke aus dem Kitzinger Raum ausgestellt. Grabbeigaben bewiesen, dass die Menschen in der Region mit dem Christentum vertraut waren, bevor Kilian auftrat. „Der Adel war schon getauft.“ Gefestigt war der neue Glaube aber noch nicht. Zahn-Biemüller erzählt von einem Langschwert mit einem Kreuz, aber auch einem anderen Symbol.

Die Grabung in Waldbüttelbrunn war eine Notgrabung. Bei Voruntersuchungen zum Bauvorhaben der Firma Steinigke hatten Archäologen Siedlungsstrukturen aus der Jungsteinzeit entdeckt. Dass in der Gegend mit Funden zu rechnen ist, war von früheren Baumaßnahmen bekannt. So sollen an der Stelle des jetzigen Waldbüttelbrunner Wertstoffhofes schon Kelten vor 8000 Jahren ihre Abfälle vergraben haben.

Als das Ausmaß der archäologischen Schätze im Grundstück klar wurde, sei er etwas erschrocken, sagt Bauherr Bernd Steinigke. Schließlich muss er die 80 000 Euro für die Grabung zahlen. Doch dann fand er die Entdeckungen auf seinem Grundstück spannend.

Etwa 1500 Jahre alt: Ausgrabungsleiter Fabian Hopfenzitz präsentiert die Gräber in Waldbüttelbrunn (Lkr. Würzburg).
Etwa 1500 Jahre alt: Ausgrabungsleiter Fabian Hopfenzitz präsentiert die Gräber in Waldbüttelbrunn (Lkr. Würzburg).
Das Skelett eines jungen Kriegers aus dem frühen Mittelalter in Waldbüttelbrunn.
Das Skelett eines jungen Kriegers aus dem frühen Mittelalter in Waldbüttelbrunn.

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