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Kriminalitätsstatistik: Jugend besser als ihr Ruf

Kriminalität: Verglichen mit früher werden immer weniger junge Menschen straffällig. Und wenn doch: Hilft der Warnschussarrest?
Einmal kriminell, immer kriminell? Wer als junger Mensch straffällig wird, hat als Erwachsener nicht automatisch eine kr... Foto: Visum

Die Bilder aus Berlin haben im vergangenen Jahr ganz Deutschland entsetzt: Ein 18-Jähriger tritt am U-Bahnhof Friedrichstraße mit großer Brutalität mehrere Male auf den Kopf eines am Boden Liegenden. Immer wieder werden solche Vorfälle bekannt und erwecken bei vielen den Eindruck, dass „die Jugend von heute“ immer brutaler und krimineller wird. Für Professor Klaus Laubenthal, Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Strafrecht an der Universität Würzburg, ist es hingegen ein Mythos, dass die Jugend immer krimineller werde. Den sogenannten Warnschussarrest für junge Gewalttäter, den die Bundesregierung jetzt beschlossen hat, sieht er außerdem kritisch.

Eine Fachtagung des Würzburger Vereins „Aktionsgemeinschaft Sozialisation“ (AGS) drehte sich um das Thema Jugendkriminalität und die Frage, wie man mit jugendlichen Straftätern umgeht. Rund 100 Therapeuten, Sozialarbeiter, Jugendrichter, Mitarbeiter von Jugendämtern und Professoren kamen zusammen. „Die Jugend ist heute genauso gut oder böse wie früher“, sagte Laubenthal dort. Eine Verschlimmerung lasse sich anhand von Statistiken der letzten Jahrzehnte nicht nachweisen. Seit Jahren gehe die Gesamtzahl junger Tatverdächtiger zurück. Es gebe zwar immer weniger junge Menschen, aber auch in Bezug auf die Gesamtbevölkerung würden weniger junge Straftäter gezählt: 2011 waren in Bayern 24,3 Prozent aller Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt, 2002 waren es noch 26,2 Prozent. Je rund ein Drittel der Taten junger Menschen sind Sachbeschädigungen, Eigentumsdelikte und Körperverletzungen.

Zwar gibt es immer mehr Fälle von Körperverletzung durch junge Täter, aber auch hierfür hat Laubenthal Erklärungen, die das Bild von immer gewalttätigeren Jugendlichen relativieren. So würden heutzutage Körperverletzungen viel häufiger angezeigt als früher. Auch seien Gewalttaten beispielsweise durch Kameras in U-Bahnen heute viel wahrnehmbarer geworden. Und dass jeder zweite Tatverdächtige bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung ein Jugendlicher oder Heranwachsender war, komme auch daher, dass man, unabhängig von den Verletzungen, bereits von gefährlicher Körperverletzung spricht, wenn mehrere zuschlagen – und Jugendliche bewegten sich eben oft in Gruppen.

In Würzburg gibt es etwa zehn bis zwölf jugendliche intensive Gewalttäter. Diese haben Gewalt häufig selbst erlebt, oft zu Hause. Der renommierte rechtspsychologische Sachverständige Heinz Kindler (München) unterstrich die Bedeutung der Eltern und der Erziehung. Wenn Kinder immer ihren Kopf durchsetzen könnten und sie nicht gefordert oder unzureichend angeleitet und beaufsichtigt würden, könne dies schon früh den Keim zu einer späteren kriminellen Karriere, insbesondere zu Gewalttaten legen. So neigten so erzogene Kinder eher zu einer aggressiven Eskalation, wenn es nicht nach ihrem Willen geht, hätten eine schwach ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkontrolle, ein hohes Misstrauen gegenüber Erwachsenen und ein geringes Selbstwertgefühl – alles zugleich Merkmale wiederholt gewalttätiger Jugendlicher. Hier müsste deshalb schon früh eine gut geschulte Familienhilfe eingreifen, so Kindler. Dies fordert auch der Würzburger Jugendrichter Peter Wohlfahrt: „Jugendämter müssen viel stärker in Familien eingreifen. Kinder müssen viel häufiger in Heime.“

Und wie soll man mit Jugendlichen umgehen, die straffällig werden? Das von der Berliner Richterin Kirsten Heysig entwickelte „Neuköllner Modell“ sieht eine schnelle Verurteilung von jungen Straftätern vor. Heysig wurde 2010, vier Wochen nach ihrem Tod, durch ihr Buch „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ berühmt. Richter Wohlfahrt hält nichts davon. Für Bayern sei das Modell „völliger Quatsch“, da es hier die „geeigneten Täter dafür“ gar nicht gebe und dabei häufig nur die Jugendgerichtshilfe umgangen werde.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat den Warnschussarrest für junge Gewalttäter am gestrigen Montag begrüßt. In internationalen Studien komme dieses Abschreckungsmittel jedoch nicht gut weg, legte Psychologe Kindler dar. Angeblich erhöhe dies sogar die Rückfallwahrscheinlichkeit gegenüber normalen Strafverfahren um zwei Prozent. Sogenannte Bootcamps, also Disziplinierungslager, schneiden in Studien noch schlechter ab. Überhaupt, so Professor Laubenthal, sei die Rückfallquote nach einer Haft höher als nach anderen Maßnahmen. Er hält deshalb nichts von Forderungen nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts.

Was straffälligen Jugendlichen hilft, sind offenbar Antigewalttraining und der Aufbau sozialer, schulischer und beruflicher Fähigkeiten, auch Drogenkurse. In Würzburg nehmen im Jahr bis zu zwölf Jugendliche an einem Antigewalttraining der AGS teil. Viele Jugendliche müssten eher psychologisch behandelt als bestraft werden, so Richter Wohlfahrt. Dass Jugendliche kriminell sind, heißt aber nicht, dass sie das auch als Erwachsene sein werden. Laubenthal nennt kriminelles Verhalten bei Jugendlichen „vorübergehend“ – dies treffe sogar auf Intensivtäter zu. Noch sei aber nicht klar, warum manche den Absprung schaffen und andere nicht.

Die komplette über 60-seitige Statistik können Sie hier als PDF abrufen:

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