BAD KÖNIGSHOFEN

Kultur auf Schritt und Tritt

Wandern: Unterwegs auf einem Rundwanderweg des Rhönklub-Zweigvereins Bad Königshofen
Wegbegleiter: Nicht ungewöhnlich sind bei einer Wanderung auf dem Kulturwanderweg Begegnungen mit Schafen.
Wegbegleiter: Nicht ungewöhnlich sind bei einer Wanderung auf dem Kulturwanderweg Begegnungen mit Schafen. Foto: ALFRED KORDWIG

Bei Ihnen ist die Welt wirklich noch in Ordnung! Der Kurgast aus Berlin, den wir bei unserer Wanderung auf dem Kulturrundwanderweg des Rhönklubs zwischen Bad Königshofen und Merkershausen treffen, meint das tatsächlich so, wie er es sagt – und er hat ja auch recht: intakte Natur, soweit das Auge reicht, und etliche Kleinode am Wegesrand, die von der bewegten Geschichte der Gegend zeugen – Wandererherz, was willst du mehr.

Passionierten Wanderfreunden mag der Kulturrundwanderweg mit seinen gerade mal zwölf Kilometern Länge vielleicht etwas zu kurz geraten sein. Und es mag Wanderstrecken geben, die landschaftlich gesehen Spektakuläreres zu bieten haben. Zu empfehlen ist der Kulturrundwanderweg trotzdem, vor allem für kunstgeschichtlich interessierte Zeitgenossen, begegnet ihnen doch zwischen der Badestadt und den Ausläufern der Haßberge „Kultur auf Schritt und Schritt“. Nicht umsonst hat der Rhönklub-Zweigverein Bad Königshofen dem schon vor Jahren ausgezeichneten Wanderweg dieses Motto mit auf den Weg gegeben.


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Das mit der Kultur fängt schon kurz nach dem Start an der Tuchbleiche an, dem zentralen Busbahnhof und Parkplatz der Stadt Bad Königshofen. Der Wanderweg führt zunächst entlang der Fränkischen Saale an hübschen, kleinen Gartenlauben und Schrebergärten vorbei in Richtung Merkershausen. Eine Figur der heiligen Elisabeth von Thüringen, 1986 geschaffen von Peter Vollert aus Üchtelhausen, grüßt vom Wegesrand. Nur einige Schritte weiter steht auf einem Sockel eine Pieta, die den Weg durch eine schöne Wiesenlandschaft zur Schutzmantelkapelle weist. Sie erinnert an ein Gelöbnis der Bevölkerung, eine Feldkapelle zu bauen, falls sie von einem 1866 drohenden Aufeinandertreffen der bayerischen und preußischen Armee verschont bleiben sollte. Später stattete der Würzburger Maler Eulogius Böhler sie mit Decken- und Wandgemälden aus.

Schneller als erwartet taucht das Ortsschild von Merkershausen auf. Kurz vor dem Dorf steht ein ganz besonderes Kunstwerk: ein Bildstock von Jakob Bindrim, einem Sohn des Bad Königshöfer Stadtteils. Nur wenige Schritte sind es von diesem kleinen Juwel zum nächsten: der Pfarrkirche St. Martin im Ortskern, die man bei der Wanderung auf keinen Fall links liegen lassen sollte, denn sie hat ein sehenswertes „Innenleben“: Das Gotteshaus ist ausgestattet mit Werken des Königshöfer Barockbildhauers Johann Josef Kessler. Das beeindruckende Deckengemälde schuf der bekannte Kirchenmaler Johann Peter Herrlein, das Altarbild Georg Anton Urlaub. Im Pfarrhof neben der Kirche sollte man sich unbedingt noch eine mittelalterliche Marienfigur anschauen, vor der Kirche steht ein nicht minder sehenswerter Bildstock von Jakob Bindrim aus dem Jahr 1727.

Beim Verlassen des 600-Seelen-Orts in Richtung Südwesten führt der sich sanft schlängelnde Weg schnurstracks auf die Haßberge zu. Nach wenigen Kilometern stößt man auf einer kleinen Anhöhe auf einen über 400 Jahre alten Bildstock, dessen Wappen Julius Echter zugeordnet werden kann. Folgt man dem früheren „Geleitweg“ weiter und dreht sich um, bevor man den Merkershäuser Wald betritt, bietet sich ein herrlicher Blick über das Grabfeld bis hin zu den Gleichbergen in Thüringen.

Über den „Jegersteig“ geht es jetzt steil bergauf zum Annabild., das am Gipfelpunkt des Kulturwanderwegs steht und ideal geeignet ist für eine kleine Rast – nicht nur der grandiosen Aussicht wegen, die sich nach Osten hin über das Grabfeld bietet. Auch mit dem Annabild selbst hat es eine ganz besondere Bewandtnis: Als die Schweden im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges 1631 in Merkershausen und Großeibstadt brannten, mordeten und sengten, flohen die Bewohner beider Orte in die Haßberge. Dort, wo heute das Annabild steht, hat die Familie Scheffer aus Großeibstadt in der Not gelobt, der Mutter Anna ein Standbild zu errichten, wenn ihre Habe daheim verschont bleibt. Ihr Flehen wurde erhört und das Annabild errichtet. Eine andere Sage berichtet abweichend davon, dass dort ein Schäfer mit seiner Frau Annemarie einmal seine Herde hütete. Plötzlich wurden sie von Wildschweinen angegriffen. Die einzige Rettung war, sich auf die Bäume zu flüchten. Hier versprachen sie, als die Tiere auch noch unter ihrem Baum das Wühlen begannen, ein Standbild der Mutter Anna zu errichten, wenn sie mit dem Leben davonkämen.

Wer nach der Rast am Annabild Lust und Laune dazu hat, kann jetzt etwas vom Kulturwanderweg abschweifen und zum eineinhalb Kilometer entfernten Judenhügel laufen, wo sich einer der ältesten und größten Judenfriedhöfe Bayerns befindet. Ebenfalls eineineinhalb Kilometer sind es nach Sulzfeld, wo sich eine Einkehr im Gasthaus zum Hirschen lohnt.

Schöner Ausblick

Vom Annabild aus führt der „offizielle Rundwanderweg“ des Rhönklubs am Fuße der Haßberge etwa zwei Kilometer weiter ostwärts. Immer wieder bieten sich schöne Ausblicke über weite, sanft geschwungene Äcker und Wiesen. Vögel zwitschern, und mit etwas Glück bekommt der Wanderer sogar ein Reh oder einen Fuchs zu sehen.

Der Rückweg nach Merkershausen und Bad Königshofen führt dann an einer ehemaligen Weinberganlage vorbei. In einigen davor liegenden Feldern wurden immer wieder steinzeitliche Funde gemacht. Kurz vor der Badestadt dann noch ein letzter geschichtsträchtiger Ort, der an Zeiten erinnert, in denen es nicht so ruhig und beschaulich zuging wie bei einer Wanderung auf dem Kulturwanderweg: In den Oktobertagen 1631 soll hier unweit der Bad Königshöfer Stadtgrenze eine erbitterte Schlacht zwischen schwedischen Reitern und bewaffneten Bauern stattgefunden haben.

Der Kulturrundwanderweg

Charakter: leichte Tour, Rundweg

Länge: etwa zwölf Kilometer

Ausgangspunkt/Endpunkt: Parkplatz Tuchbleiche in Bad Königshofen

Einkehrmöglichkeiten: Haßbergblick in Merkershausen (sehr einfache Wirtschaft/Biergarten mit unregelmäßigen Öffnungszeiten, deshalb vor Besuch anrufen, ob offen ist), vor oder nach der Wanderung in den Gaststätten in Bad Königshofen (z.B. Schlundhaus, Hotel/Restaurant Vier Jahreszeiten, Gasthaus Mock)

Aussichtspunkt: Vom Annabild aus hat man einen Panoramablick über das Grabfeld bis nach Thüringen

Sehenswürdigkeiten: Kirche in Merkershausen, Annabild und die vielen am Wegesrand stehenden Bildstöcke.

Barock: Decke der Merkershäuser Kirche.
Barock: Decke der Merkershäuser Kirche.
An der Saale: Weg nach Merkershausen.
An der Saale: Weg nach Merkershausen.
Herrlicher Blick: Vom Aussichtspunkt Annabild über das Grabfeld bis hin zu den Gleichbergen in Thüringen.
Herrlicher Blick: Vom Aussichtspunkt Annabild über das Grabfeld bis hin zu den Gleichbergen in Thüringen. Foto: alfred Kordwig

Rückblick

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