KRONACH

Radfahren, wo Deutschland geteilt war

Radfahren im Frankenwald: Viele Jahre trennten Mauer und Stacheldraht Thüringen und Bayern. Heute lässt sich entlang der früheren Grenze die herbstliche Landschaft mit dem Drahtesel erfahren.
Fast überall ist die ehemalige Grenze zugewachsen. Hinter Heinersdorf im Landkreis Sonneberg aber steht sie noch, die Mauer – oder zumindest ein Stück von ihr. Foto: Michael Czygan

Nebelig ist es an diesem Herbstmorgen. Und mehr als sieben, acht Grad hat es auch nicht. Radfahren ist nicht die erste Idee, auf die man an solchen Tagen kommt. Aber gebucht ist gebucht. Ein Dutzend Frauen und Männer trifft sich am Bahnhof in Kronach. „Haben Sie alle Regenjacken dabei?“ Optimismus geht anders. Michael Kestel aber kennt kein Pardon. Regelmäßig führt der Kronacher Kreisvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Touren durch den Frankenwald, häufig entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Mit klassischen Rädern genauso wie mit E-Bikes. Wir haben Glück – und dürfen heute mal die Drahtesel mit dem dezenten Hilfsmotor ausprobieren.

Die erste Etappe, rund 30 Kilometer, legen wir im Regionalzug zurück: von Kronach nach Steinbach am Wald (Lkr. Kronach). Hier am Bahnhof hängen die Wolken noch tiefer, die Temperaturen sind es auch. Nach kurzer Instruktion in die drei Stufen der E-Bike-Welt (ohne Motor, leichte Unterstützung, starke Unterstützung), geht's los – auf den Rennsteig, einen der bekanntesten deutschen (Rad-)Wanderwege. Eigentlich in Thüringen gelegen, führen knapp 15 Kilometer durch Bayern, touristisch vermarktet über den Naturpark Frankenwald.

Wo Mangos und Papayas wachsen

Es ist ein angenehmes Fortkommen auf dem gut ausgebauten Radweg entlang der Straße. Elektrounterstützung braucht's trotz der hügeligen Landschaft kaum. Das In-die-Pedale-Treten hat ja auch den Vorteil, dass es wärmt. Nach einer guten halben Stunde verlassen wir den Rennsteig Richtung Tettau. Im Ortsteil Kleintettau begrüßt ein riesiges Gewächshaus die Besucher. „Tropenhaus Klein Eden.“ Eine spinnerte Idee, um die oberfränkische Provinz zu beleben? Von wegen! Mit der Abwärme der nahen Glashütte betreiben Unternehmen, Gemeinden und Landkreis eine Gärtnerei, in der exotische Früchte und tropische Speisefische in Bioqualität gezüchtet und dann auch vermarktet werden.

„So selbstverständlich Papaya, Mango oder Maracuja mittlerweile das ganze Jahr unseren Speiseplan bereichern, so ökologisch bedenklich ist der energetische Aufwand, der betrieben werden muss, solche Früchte aus den Tropen nach Europa zu transportieren“, sagt der Geschäftsführer der Tropenhaus GmbH, Ralf Schmitt. Mit seinem Team baut der Gärtnermeister die Früchte in fast geschlossenen Kreisläufen energieeffizient an. Das Beste: Dieses Obst aus dem Frankenwald ist vitaminreicher und schmeckt besser als Importware. Einer der Hauptabnehmer ist der oberfränkische Sternekoch Alexander Herrmann.

Ein Gedicht sind die geräucherten Tilapia-Filets, die es im Tropenhaus zu kaufen gibt. Die tropischen Fische werden in Bassins großgezogen, ihre Exkremente sind der beste Dünger für die Tropenpflanzen. Noch wird im Gewächshaus mit wissenschaftlicher Beratung viel experimentiert. Eines Tages aber soll sich das Tropenhaus (www.tropenhaus-klein-eden.eu) mit Bananen, Lulos und Kakao aus dem Frankenwald wirtschaftlich selbst tragen.

Mittagstisch mit Thüringer Klößen

Nach dem Abstecher nach Klein-Eden reißt plötzlich der Himmel auf. Sogar die Sonne lugt ein wenig raus. Wer hätte das am Morgen gedacht? Die ersten Regenjacken wandern in die Rucksäcke. Fast schade, dass nur ein paar Kilometer weiter schon Mittagspause ist. Statt Exotik jetzt fränkische Küche im „Anno Domino“ in Tettau: Braten mit Thüringer Klößen.

Lecker, aber irgendwie nicht so die leichte Radlerkost. Da sind wir dann doch froh über den Elektromodus, der uns, als wäre Rückenwind, über wenig befahrene Straßen durch das Tettau- und das Haßlachtal weiterträgt. „Hier stand einst der innerdeutsche Zaun.“ Michael Kestel zeigt in Richtung eines kleinen Waldstücks. 27 Jahre nach dem Mauerfall ist der Grenzverlauf, der heute Bayern und Thüringen trennt, meist nicht mit bloßem Auge auszumachen. Die Wunden der Teilung sind zugewachsen. Und selbst die Dörfer lassen sich auf den ersten Blick nicht mehr so ganz eindeutig dem Osten oder dem Westen, Thüringen oder Bayern, zuordnen.

Erinnerung an den „Passierschein“

Plötzlich, hinter Heinersdorf (Lkr. Sonneberg), aber steht sie noch, die Mauer oder zumindest stattliche 300 Meter von ihr. Als Mahnmal, dass Deutschland bis 1989, an dieser Stelle bis zum 19. November 1989 um 15.08 Uhr, geteilt war. Den knapp drei Meter hohen Betonwall hatten die DDR-Behörden erst 1982 als Ersatz für den doppelten Metallgitterzaun hochgezogen, um zu verhindern, dass die Ostdeutschen gen Westen blicken konnten, auch wenn das fränkische Dörfchen Welitsch (Lkr. Kronach) noch einen Kilometer entfernt liegt.

Eine kleine Gedenkstätte erinnert an bewegte Geschichte. Heinersdorf, das heute zur Gemeinde Judenbach gehört, lag direkt an der Grenze, in der engsten Schutzzone. Als der Eiserne Vorhang 1952 endgültig geschlossen wurde, haben sich dramatische Szenen abgespielt, heißt es auf einer Erinnerungstafel. Wer noch konnte, floh Richtung Bayern. Andere, die nicht als hundertprozentig zuverlässig galten, wurden einfach von einem Tag auf den anderen umgesiedelt.

Wer fortan aus der übrigen DDR nach Heinersdorf rein oder raus aus dem Dorf wollte, brauchte einen „Passierschein“, eine Sondergenehmigung der Behörden. Fast schon vergessene Zeiten. Heute, ein Vierteljahrhundert nach der Wende, sind auch in Thüringen und Franken schon zwei, drei Generationen nachgewachsen, für die die Einheit selbstverständlich ist. Gut, sich ab und an daran zu erinnern, dass das nicht immer so gewesen ist.

Gut ausgeschilderte Flurwege

Unsere Radtour geht weiter, über ein gut ausgeschildertes Flurwegenetz, noch ein wenig entlang der Grenze, dann gen Süden zurück nach Kronach. Gemütlich bei jetzt deutlich zweistelligen Temperaturen. 45 Kilometer haben wir am Ende geschafft. Am Ziel ist nicht nur der Akku am E-Bike nur noch halb voll, die gesparte Kraft reicht für einen Bummel durch die mittelalterliche Altstadt – bis hoch zur Festung Rosenberg.

Unterwegs im Frankenwald

Für Radfahrer ist der Naturpark Frankenwald ein Paradies. Sportlich ambitionierte Mountainbiker können sich dort ebenso ausleben wie radwandernde Familien oder andere Kultur- und Genussradler, egal ob sie mit dem klassischen Drahtesel oder gemütlich mit dem E-Bike unterwegs sind. Und egal auch, ob sie Ein- oder Mehrtagestouren planen. Zum Teil führen die Strecken über eigene Radwege, zum Teil über Flurwege.

Frankenwald-Tourismus gibt im Internet einen umfassenden Überblick über die Angebote für Radler, hat zudem auch gedruckte Karten und Prospekte im Angebot. Dort findet man Tourenvorschläge, Informationen zu Fahrradverleihen und E-Bike-Ladestationen, zum Fahrradbusnetz (im Sommer) oder auch zu fahrradfreundlichen Unterkünften („bett+bike“). Mehr unter: www.frankenwald-tourismus.de

Der ADFC Kronach bietet von Mai bis Oktober zwei Mal in der Woche geführte Radtouren an, an denen auch Gäste teilnehmen können. Mehr zum Angebot: www.adfc-kronach.de

Übernachten im Frankenwald: Kronach, die Lucas-Cranach-Stadt, bietet sich als Ausgangspunkt für Radtouren an.

Übernachtungsmöglichkeiten in renovierten Fachwerkhäusern bietet zum Beispiel das Stadthotel „Pfarrhof“ mit seinen Dependancen „Floßherrenhaus“ und „Am Pförtchen“. Info: www.stadthotel-pfarrhof.de micz
Vorbei an Feld und Flur: Radeln auf dem Rennsteig. Foto: Michael Czygan
Erinnerung an die deutsch-deutsche Geschichte. Foto: Michael Czygan
Tropisches in Tettau: In „Klein Eden“ tummeln sich Tilapias in Bassins. Foto: Michael Czygan

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