Würzburg

Letzter Helvag-Prozess ist zu Ende

Mit der Verurteilung des 53-jährigen Würzburger Gastronomen Gerd E. ging eines der größten Wirtschafts-Strafverfahren vor dem Würzburger Landgericht zu Ende.
Eine Überraschung war es nicht, als Dr. Irene Singer, die Vorsitzende der Fünften Strafkammer des Würzburger Landgerichts, am späten Nachmittag das Urteil verkündete: vier Jahre und fünf Monate Freiheitsstrafe für Gerd E. wegen gemeinschaftlichen Betrugs. Von der Verfolgung der urprünglich ebenfalls angeklagten "Bildung einer kriminellen Vereinigung" sah das Gericht ab.

Dem Urteil war, wie bereits berichtet, eine "verfahrensverkürzende Absprache", auch Deal genannt, vorausgegangen: Der Angeklagte hatte am 28. Verhandlungstag ein Geständnis abgelegt, im Gegenzug hatte das Gericht ihm die jetzt verhängte Freiheitsstrafe garantiert.

Ohne E. sei der Anlagebetrug des verschachtelten Helvag-Firmenkonsortiums nicht möglich gewesen, betonte die Vorsitzende Richterin. Als renommierter Gastronom sei er "das Aushängeschild" gewesen, mit ihm und seinem guten Ruf habe man sowohl die amerikanischen Geber der Franchise-Rechte überzeugt, als auch Anleger in ganz Europa geworben. "Auf Sie konnte man nicht verzichten", sagte die Richterin mit Blick auf E., "wären sie ausgestiegen, hätte das ganze Konzept nicht mehr funktioniert".

Und das sah vor, Deutschland mit einer Kette von 60 bis 80 "Outback"-Steakhäusern zu überziehen. Dass die deutschen Helvag-Verantwortlichen von den amerikanischen Inhabern dieser Systemgastronomie gerade mal drei Lizenz-Rechte erworben hatten und diese nicht mal bezahlen konnte, wurde den Anlegern verschwiegen. Dafür garantierte die Helvag ihnen in schicken Prospekten eine Rendite von neun Prozent. Zum Schluss waren 20 Millionen Euro futsch; allein in Deutschland gibt es über 700 Geschädigte. "Es tut mir alles unendlich leid", sagte Gerd E. in seinem letzten Wort, "vor allem die armen Leute, die ihr Geld verloren haben".

Mit der Verurteilung des Gastronomen, der den Richterspruch noch im Sitzungssaal annahm, ist das Kapitel Helvag für die Würzburger Strafjustiz zunächst erledigt. Es wird erwartet, dass noch einige Verfahren wegen Steuerhinterziehung folgen. Bis heute hat der Anlagebetrug Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte drei Jahre lang beschäftigt.

Der erste so genannte Helvag-Prozess wurde nach langen Ermittlungen im In- und Ausland gegen einen Würzburger Betriebswirt geführt und begann im August 2002, der letzte, in dem die Führungsriege des verschachtelten Konsortiums, unter anderem auch Gerd E., angeklagt war, startete im März 2003.

Insgesamt wurde gegen neun Angeklagte öffentlich verhandelt. Zählt man ihre Freiheitsstrafen zusammen, kommt man auf fast 37 Jahre. Eine Bewährungschance bekamen nur zwei eher unbedeutende Mitarbeiter des Vertriebs. Alle anderen Angeklagten mussten hinter Gitter. Der Würzburger Betriebswirt nicht nur wegen seiner betrügerischen Machenschaften bei der Helvag, sondern auch wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Hätten die Angeklagten nicht alle ihre Taten eingeräumt, wären die Freiheitsstrafen deutlich höher ausgefallen. Allerdings schwindet der strafmindernde Wert eines Geständnisses mit jedem Prozesstag. Das bekam insbesondere Gerd E. zu spüren, der seine Schuld erst nach siebenmonatiger Verhandlung zugegeben hat.

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