Literarische Suche nach dem Sinn des Wanderns

Poesie der Natur: Wandern kann ein einziges Gedicht sein an einem nebeligen Herbstmorgen.
Poesie der Natur: Wandern kann ein einziges Gedicht sein an einem nebeligen Herbstmorgen. Foto: Klaus Neumann

"Seltsam, im Nebel zu wandern!“ Die Stimmung an diesem Morgen auf dem Feldern bei Waldbüttelbrunn (Lkr. Würzburg) ist wie im Hesse-Gedicht.

Es verunsichert, dass ich lange Zeit nur das Stück Erde direkt vor den Füßen sehe. Und auch das: Ich bin losgelaufen ohne feste Route, mit dem einzigen Ziel, irgendwann an diesem Tag wieder zu Hause anzukommen. Im Rucksack habe ich wenig – Wasser, ein paar Äpfel, Gedichte und Texte über das Wandern und Reisen, die Hinweise geben sollen: Warum wandert der Mensch?

Als ich der Familie von dem Plan erzählte, nahmen sie die Idee mit Eifer auf: „Wenn du früh losläufst und nicht zu lange Pause machst, schaffst du es bis zum Abend über Karlstadt nach Gemünden, dann könntest du den letzten Zug nach Würzburg...“ Halt, halt. Es geht nicht um Leistung, nicht darum, Stationen abzuhaken, nicht ums Abhetzen. Es geht um den Weg unter den Füßen, den Wind um die Ohren, den Wald in der Nase und die Welt vor Augen.

Noch sind die Wahrnehmungen gedämpft. Ich wandere im Nebel und erlebe Hermann Hesses Worte: „Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein.“ Der Nebel schluckt die markanten Punkte im Gelände, die Geräusche, die Zeit. Wenn ich jetzt den Weg verlasse, verliere ich die Orientierung. Dann bleibt nur noch die Hoffnung. Wandern deshalb Menschen: Wollen sie auf den Grund ihrer Seele gehen, sich als Fremde in der Chaos-Welt erkennen, um gelöst Freiheit zu erleben und gleichzeitig auf Sicherheit zu hoffen?

Die beiden Hunde, die mich begleiten, kümmert der Zustand der Welt nicht. Sie recken die Nasen in die feuchte Luft, stellen die Klappohren, so gut es geht, und preschen über das Stoppelfeld, das allmählich sichtbar wird. Sie kommen zurück zum Weg und genießen das Glück, sich im taunassen, kühlen Gras zu wälzen. Das ist die schiere Freude am Dasein, an Mutter Natur.

Nach Menschenart versuche ich, es den Tieren nachzutun. Ich genieße die Schattierungen der Landschaft, die sich jetzt in der Sonne weitet. Zwischen Grün- und Brauntönen leuchten gelbe Blätter, Rot flammt auf. Darüber der wilde Wolkenhimmel. Der Wind fährt ins Haar. Letzte Nebelschleier hinterlassen feine Tröpfchen im Gesicht. Sie machen Spinnenweben zwischen den Grashalmen zu Perlenschmuck. So einfach fühlt sich Glück an. Und es liegt nicht nach anstrengender Tour auf hohem Gipfel, sondern gleich hinter dem Dorf. Es liegt in jedem Augenblick, in dem der Mensch aufmerksam innehält. Ist also das der Sinn des Wanderns: Nicht rastlos fortschreiten, sondern jeden Moment als Ziel und Start betrachten?

Die Bank an der Wegkreuzung lädt zum Rasten und Lesen ein. „Mir ist es einerlei, ob ich mit einem Tambour eine Brotrinde von der Trommel oder sechzehn Gerichte von Silber esse; ich habe beides getan und mich bei beiden gleich wohl gefühlt“, schreibt der leidenschaftliche Wanderer Johann Gottfried Seume, der Anfang des 19. Jahrhunderts in acht Monaten von Leipzig nach Syrakus auf Sizilien spazierte.

Ich hole einen Apfel aus dem Rucksack und beiße hinein. Die Hunde setzen sich artig und warten auf ihre Anteile vom Butzen. Vielleicht wandert der Mensch auch einfach deshalb: Er liebt die wunderbare Leichtigkeit des Seins unterwegs. Jetzt schmeckt der Apfel und später gibt es ein üppiges Mahl in einer Wirtschaft – oder auch nicht. Auf einer Tagestour ist noch niemand verhungert.

Bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir die Höhe bei Eisingen. Die Sicht in den Spessart ist frei. Bis zum Horizont dehnt sich Wald, kultiviertes und bebautes Land. Hier geht es um Besitz. „Wieviel Erde braucht der Mensch?“, fragte Leo Tolstoi vor gut 130 Jahren. Er erzählte die Geschichte vom Bauern Pachom, für den Glück materiell ist. Ein Baschkirenstamm bietet ihm soviel Land an, wie er an einem Tag umrunden kann.

Pachom wandert und gönnt sich keine Rast. Er ist erschöpft, will sich aber keine Blöße geben und abbrechen. Er gönnt es sich nicht, ein gutes Stück Land links liegen zu lassen. Die Leute könnten ihn einen Narren nennen. Er hetzt sich ab in der Hoffnung auf ein Leben in Reichtum. Und er bricht bei Sonnenuntergang am Ziel schließlich tot zusammen. „Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen – und scharrte ihn ein.“ So endet die Geschichte. Wandern wir also, um Strecke zu machen, Anerkennung für Leistung zu bekommen? Ist Wandern Arbeit?

Wir laufen weiter über den Eulenspiegelhof nach Waldbrunn. Am Friedhof rasten wir. Ich hole eine Gießkanne voll Wasser für die Tiere vor das Tor. Dort, wo für Menschen die Wanderung zu Ende ist, dürfen sie nicht mit hinein. Zwischen drei Bäumen steht eine Bank. Der richtige Ort für Hermann Hesses „Stufen“: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...“ Müssen wir wandern, weil wir erst mit den Füßen begreifen können, dass das Leben stetiger Aufbruch ist, ständiges Unterwegs-Sein?

Am Aalbach geht es zurück nach Waldbüttelbrunn. Am Ortseingang machen wir einen kleinen Abstecher über die B8-Brücke Richtung Hettstadt. Die Sonne versinkt inzwischen unter einem glühenden Himmel am Horizont. Das Schauspiel will ich noch genießen. Als wir schließlich langsam die Hauptstraße hinauf heimgehen, ist das ganze Dorf in pastelliges Licht getaucht. „Ach, vergeblich das Fahren! Spät erst erfahren Sie sich: bleiben und stille bewahren, das sich umgrenzende Ich“, schreibt Gottfried Benn in seinem Gedicht „Reisen“. Wandern also als vergebliche Flucht vor sich selbst und am Ende stilles, ein wenig resigniertes Bleiben?

Noch eine Geschichte fällt mir ein, eine für Kinder von Janosch: Tiger und Bär sind unzufrieden und suchen nach dem Paradies in Panama. Sie kennen den Weg nicht, wandern im Kreis und kommen am Abend wieder auf ihrem Sofa an. Sie vermuten sich im Land ihrer Träume und seufzen glücklich: „Oh wie schön ist Panama.“

Ist das also der eigentliche Sinn des Wanderns: Nach Hause gehen?

Wegweiser

Tourlänge: soweit die Füße tragen.

Wanderzeit: unbegrenzt

Ausgangspunkt: vor der Haustür

Endpunkt: zu Hause

Gehrichtung: der Sonne nach

Einkehrmöglichkeit: muss nicht sein

Parkmöglichkeit: nicht nötig

ÖPNV: wird nicht gebraucht

Touristeninfo: unwichtig

Aussichtspunkt: ergibt sich mit Glück

Sehenswürdigkeiten: unendlich viele kleine am Wegesrand

Lesetipps: Wandern ist Naturerlebnis, Spaß, Sport. Aber Wandern ist auch ein Bild für das Leben, das in Philosophie, Theologie, Literatur gerne genutzt wird. Was ist es, das Wandern so besonders macht? Dem gingen wir nach bei einer literarischen Spurensuche gleich hinter der Haustür. Geistige Wandergenossen finden sich viele. Wir nahmen Gedanken von Gottfried Benn, Hermann Hesse, Janosch, Johann Gottfried Seume und Leo Tolstoi mit auf den Weg: Hermann Hesse, Gedichte „Im Nebel“, „Stufen“; Gottfried Benn, Gedicht „Reisen“

Leo Tolstoi, Erzählung „Wieviel Erde braucht der Mensch?“; Johann Gottfried Seume, Reisebericht „Der Spaziergang nach Syrakus“; Janosch: „Oh, wie schön ist Panama“ Das Buch zur Serie:

„Wandern in Mainfranken“ ist zum Preis von 9,95 Euro in allen Geschäftsstellen der Mediengruppe Main-Post erhältlich.

Rückblick

  1. Unterwegs mit Seelenruhe
  2. Milseburg: Zwischen Himmel und Erde
  3. Zwischen Birken und Basalt
  4. Wein, Wein, überall Wein
  5. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  6. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  7. Auf dem letzten Weg der Toten
  8. Per Rad hinein ins Himmelreich
  9. Wilde Schönheiten jahrtausendealt
  10. Leidenschaftliche Pfadfinder
  11. Liebliches Tal im dunklen Spessart
  12. Radel-Tipp 1: Entspannter Feierabend
  13. Radel-Tipp 2: Holprig um Hofheim
  14. Radel-Tipp 3: Mit Rennrad im Spessart
  15. Radel-Tipp 4: In Würzburgs Wäldern
  16. Da geht's lang! Die besten Radwege Unterfrankens
  17. Wanderwochenende dieser Zeitung: Spaß, Flair, Spannung
  18. Ritterburgen und sagenhafte Felsen
  19. Literarische Suche nach dem Sinn des Wanderns
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  22. Wandern mit Redakteuren Ihrer Tageszeitung
  23. Ein Gedicht von einem Weg
  24. Wandern mit Hallo-Wach-Effekt
  25. Schwing die Hufe!
  26. Westumgehung: Natur in Gefahr
  27. Der Wasser-Marsch
  28. Mit dem Wanderstock über die Reichsautobahn
  29. Beweg dich wie eine Spinne
  30. Hinauf zu den Adonisröschen
  31. Hüttengaudi am Himmeldunk
  32. Auf den Pfaden der Karolinger
  33. Ein Wald für die Seele
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  35. Kultur auf Schritt und Tritt
  36. Trendsport Wandern lässt die Kassen klingeln
  37. Wunderbares Wanderwetter - auch auf vier Rädern
  38. Auf den Spuren Bechsteins
  39. Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen
  40. Wandern in Unterfranken
  41. Rohrleitung aus 220 Bäumen
  42. Kompetente Führer bei Rhön-Touren
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