KÜTZBERG

Lotte liebt den „Papa-Tag“

Karosseriebauer Andreas Neeb aus Kützberg hat sich entschieden, einen Tag in der Woche weniger zu arbeiten, um mehr Zeit mit seiner einjährigen Tochter zu verbringen. Er ist froh, dass sein Arbeitgeber mitspielt.
Ein eingeschworenes Team: Das Glück strahlt der kleinen Lotte und ihrem Papa Andreas Neeb aus Kützberg (Lkr. Schweinfurt) aus dem Gesicht. Freitags ist Papa-Tag. Foto: Katja Glatzer

Freitags ist Papa-Tag. Das weiß Lotte ganz genau. Dann steht die Eineinhalbjährige morgens in ihrem Bettchen und ruft „Papaaa“. Wie sie ihren Vater um den Finger wickeln kann, hat sie schnell rausgefunden. Manchmal genügt da schon ihr spitzbübisches Lächeln. „Man kann fast sagen, dass wir den Freitag ein wenig zelebrieren“, erzählt Andreas Neeb aus Kützberg (Landkreis Schweinfurt).

Die Reaktionen von Freunden und Bekannten auf die Entscheidung der Neebs war überwiegend gut. „Ich finde super, wie sich Andi um seine Tochter kümmert“, findet beispielsweise Kerstin Neebs Bruder Christian, der auch Lottes Patenonkel ist. Trotzdem ist die Situation für Männer noch eher ungewöhnlich. Zwar nutzen inzwischen viele Väter die Elternzeit, aber nur wenige sind bereit, für eine längere Zeit beruflich kürzer zu treten.

Laut einer aktuellen Forsa-Studie kümmern sich mittlerweile 71 Prozent der Väter von Anfang an mit um die Babypflege. Doch die Bereitschaft für das Kind im Job kürzerzutreten, ist nach wie vor sehr schwach ausgeprägt. Nur vier Prozent arbeiten wie Andreas Neeb in Teilzeit. Häufig wird Angst und Sorge um den Job und die Karriere angegeben.

Andreas Neebs Fall zeigt aber, dass diese Ängste nicht begründet sein müssen. „Das hat uns gefreut, vor allem weil mein Mann ja auch noch in einem klassischen Männerberuf arbeitet“, sagt Kerstin Neeb. Teilzeit arbeiten – in einem Beruf als Karosserie- und Fahrzeugbauer ist ein mutiges Unterfangen, zumal auf dem Land wohnend. „Ich kannte niemanden, der das vor mir gemacht hat“, sagt Neeb.

Seit einem halben Jahr freut sich Neeb jede Woche neu auf den gemeinsamen Tag mit Lotte. Erst wird gefrühstückt, mal zuhause, mal beim Bäcker. Dann geht es entweder auf den Spielplatz oder zum Tiere gucken ins Dorf. „Manchmal machen wir auch eine Shopping-Tour nach Schweinfurt.“

Oder der 36-Jährige schaut mit Lotte Bilderbücher an, tobt mir ihr herum oder kitzelt sie, bis sie sich vor Lachen kaum halten kann. Immer ist es ein besonderer Tag. Eben der, den Neeb ganz allein mit seiner Tochter verbringt. „Wenn Lotte weint, dann schreit sie eben nicht wie viele andere Kinder nur nach der Mama. Sondern auch nach mir“, sagt er stolz.

Souverän meistert er jeden Freitag den Alltag mit Kind und Haushalt und allem was dazugehört, „auch wenn ich mit Sicherheit einiges anders mache als meine Frau“. Die sieht das gelassen. „Ich freue mich, dass mein Mann Zeit mit unserer Tochter verbringt und sehe ihn als gleichberechtigten Erziehungspartner.“ Sie selbst profitiere davon, denn „ich kann meiner Arbeit nachgehen und auch abends mal zum Sport“. Sie habe von Anfang an nicht nur „die Vollzeit-Mama“ sein wollen. Schon die Elternzeit gefiel dem damals frisch gebackenen Vater sehr. Zweimal vier Wochen blieb er zuhause, einmal direkt nach der Geburt, das andere Mal, als Lotte dreizehn Monate alt war. „Ich finde es toll, dass durch die Elternzeit auch Väter die Möglichkeit haben, ihren Kindern näher zu sein“, sagt der 36-Jährige. Nur so habe er live miterleben können, wie seine Tochter die ersten Schritte machte. Im normalen Arbeitsalltag bleibe oft nicht genügend Zeit und „man verpasst vieles“.

Auslöser für den Gedanken an eine Vier-Tage-Woche war der Wunsch seiner Frau, wieder ein paar Stunden in der Woche zu arbeiten. Kerstin Neeb ist Logopädin mit einer Zusatzausbildung für Kinder mit Behinderung und arbeitet bei der Frühförderstelle der Lebenshilfe. „Da wurde ich gebraucht, und natürlich liegt mir meine Arbeit sehr am Herzen.“ Doch wohin mit Lotte in dieser Zeit? Für Andreas Neeb war sofort klar: „Ich freue mich auf die Zeit mit meinem Kind.“

Er sprach mit seinem Arbeitgeber, dem Autohaus Pfister in Schwebheim. „Nach längerem Überlegen haben wir uns für die Vier-Tage-Woche unseres Mitarbeiters entschieden, auch wenn es für unseren Betrieb nicht einfach ist“, sagt Geschäftsführerin Petra Heinlein auf Anfrage dieser Zeitung. Familienfreundlichkeit im Betrieb sei ihr und ihrem Mann wichtig. Als Kompromiss habe man sich mit Neeb darauf geeinigt, dass er einspringt, wenn Not am Mann ist. Außerdem bekam er die Zusage, wieder aufstocken zu können, wenn Lotte in die Kinderkrippe kommt.

Kommunikationsprobleme zwischen Papa und Lotte gab es kaum: Die Kleine konnte sich dank Mama schon mit elf Monaten über die Gebärdensprache verständigen. Wenn sie ein Buch lesen wollte, klappte sie die Hände auf, wenn sie einen Hund sah, klopfte sie sich mit der flachen Hand auf das Bein. Mittlerweile plappert Lotte munter drauf los und benutzt meistens die Gebärdensprache dazu. Lange wird die Situation bei den Neebs allerdings nicht so bleiben. Bald wird Lotte einen Platz in der Kinderkrippe haben. Diesem Tag sieht Neeb mit gemischten Gefühlen entgegen. „Natürlich ist es gut für Lotte, wenn sie mit anderen Kindern spielt, aber ich werde den Papa-Tochter-Tag sehr vermissen.“

Väter in Teilzeit

Nach einer Forsa-Studie, die das Magazin „Eltern“ Ende 2013 in Auftrag gegeben hat, macht der moderne Vater einiges anders als früher. Es wurden 1000 Väter und Stiefväter zwischen zwischen 20 und 55 Jahren befragt. Der Mann wolle nicht mehr nur Ernährer sein, sondern am Alltag des Kindes teilhaben, heißt es in der Studie. Laut dieser engagieren sich die Männer auch zu Hause: Demnach kümmerten sich 71 Prozent von Anfang an um die Babypflege. 58 Prozent gaben an, sie seien bei Babygeschrei nachts aufgestanden und 54 Prozent der Männer tobten nach eigener Aussage viel mit dem Kind herum. Jeder zweite Vater gab an, gern mit seinem Kind zu schmusen.

Trotz allem: Schaut man sich die Forsa-Studie genauer an, hat sich – was den Beruf angeht – nicht viel getan. 89 Prozent der Väter arbeiteten in Vollzeit, nur vier Prozent in Teilzeit. Zwar nehmen immer mehr Väter Elternzeit – bei den Vätern mit Kindern bis sechs Jahre sogar 44 Prozent. Doch die große Mehrheit von ihnen (80 Prozent) bleibe nur zwei Monate zuhause. Laut Studie nutzen nur elf Prozent die Möglichkeit, sich länger als sechs Monate ums Kind zu kümmern. Wahrscheinlich spielt hier auch die Sorge um den Job und die Karriere eine Rolle. 41 Prozent der abhängig beschäftigten Väter vermuteten nämlich, dass sich schon die Elternzeit „sehr oder eher negativ“ auf die Karriere auswirke. 43 Prozent der Väter hätten gerne mehr Zeit für die Familie. Trotzdem sei die Mehrheit nicht bereit, in Teilzeit zu arbeiten.

Auch von politischer Seite aus wird intensiv darüber nachgedacht, wie man Kindererziehung und Beruf besser miteinander verbinden kann. Die Schaffung familienfreundlicher Arbeitsplätze schwebt nicht nur Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vor, auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat Vorschläge eingebracht, wie man die Bundeswehr familientauglicher gestalten könnte.

Doch für Männer bleibt die Entscheidung, mehr Zeit zuhause als im Job zu verbringen, schwierig. Zwar ist Forschern zufolge das „Weichei-Image“ längst weg, doch geben Männer nach wie vor Vollzeit als liebstes Arbeitsmodell an. Und das ungeachtet dessen, was an Teilzeitarbeit für sie tatsächlich möglich wäre. Fest steht laut Soziologen, dass es nach dem ersten Kind in vielen Fällen noch immer einen Rückfall in alte Rollenbilder gibt. Insgesamt jedoch sei durchaus Bewegung auszumachen. Und, so trösten die Forscher, Veränderungen bräuchten eben Zeit. Text: KGH

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