Malerische Landschaft

Die Terrasse: Balustrade und Vasen.

Wie die Kleidermode, unterliegt auch die Gartenkunst Trends. Nach dem französischen Barockgarten setzte sich in Mitteleuropa ab dem 18. Jahrhundert der englische Landschaftsgarten durch. Er war schick und modern. Wer es sich leisten konnte, ließ seinen Garten oder Park umgestalten. Statt geometrisch angelegter Wege, Rabatten und Blumenbeeten dominierte nun die Ästhetik der idealen Landschaftsmalerei: naturbelassenes oder der Natur nachempfundenes Gelände, Baum- und Strauchgruppen, wenig Blüten, Teiche, die sich ins Terrain einbetten. Im Schlosspark von Untermerzbach (Lkr. Haßberge) harmonieren beide Stilrichtungen – Barock- und Landschaftsgarten – miteinander. Dies ist ein Verdienst von Eduard Petzold (1815-1891), einem der bedeutendsten deutschen Gartenkünstler seiner Zeit.

Petzold lernte in der Gärtnerei des bekannten Fürsten Hermann von Pückler-Muskau. Rund 170 öffentliche und private Gärten und Parks in Deutschland, Schlesien, den Niederlanden, Böhmen, Österreich und Polen hat er entworfen, umgestaltet, erneuert oder betreut. Daneben verfasste er rund 30 Schriften über Landschafts- und Gartenbau. Der Schlosspark Untermerzbach ist der einzige erhaltene Garten Petzolds in Bayern. An überregionaler Bedeutung gewinnt er dadurch, dass seine Anlage im Vergleich zu vielen historischen Landschaftsgärten, von denen nur Reste der Ausstattung, wie Skulpturen oder Brunnen, vorhanden sind, weitgehend erhalten blieb, meint Christian Schmidt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in Schloss Seehof bei Bamberg. Der ummauerte Park in Untermerzbach hat seinen historischen Umfang bewahrt.

Als Karl Julius Graf von Rottenhan (1791-1847) Petzold im Jahr 1838 beauftragte, den Schlosspark neu zu gestalten, existierte dort bereits ein englischer Landschaftsgarten, über dessen Art und Güte nichts überliefert ist. Ende des 18. Jahrhunderts war der Garten unterhalb der Terrasse, auf der das Schloss (Baujahr 1534) steht, so weit umgestaltet worden, dass dort vom vormals barocken Garten nichts mehr zu sehen war. Der junge, begabte Gartenkünstler hatte wohl die Aufgabe, dem Park die Qualität eines klassischen Landschaftsparks zu verleihen. Zu diesem Ergebnis kommt die Bamberger Gartenarchitektin Marion Dubler, die den Schlosspark denkmalpflegerisch analysiert und bewertet hat.

Umso größer ist der historische Wert der verbliebenen barocken Gartenelemente, stellt Dubler fest: die Terrassenanlage aus dem 18. Jahrhundert mit den kunstvollen Balustraden und den 55 erhaltenen Vasen in moderner klassizistischer Form sowie die im Quartier gepflanzten Lindenbäume (Lindensaal). Solche zurechtgeschnittenen Bäume gehörten als Schattenspender und Gestaltungselement zum Grundrepertoire barocker Gärten. In Untermerzbach gab es zwei symmetrisch angeordnete Lindensäle, einer grenzte nördlich ans Schloss, einer südlich. Der nördliche Lindensaal fiel in den 1960er Jahren einem Anbau weitgehend zum Opfer, vom südlichen stehen trotz des Baus einer Kapelle noch etwa 25 Linden, von denen einzelne Exemplare möglicherweise aus dem 18. Jahrhundert stammen.

Der weitaus größere Teil des Parks liegt am Fuß der Terrasse, in dem Bereich, den sich Gartengestalter Petzold vorgenommen hat. Um eine möglichst sanfte Verbindung von der Terrasse zum Landschaftsgarten zu schaffen, wurde wohl, so vermutet es Gartenarchitektin Dubler, der nördliche Teil der unteren Terrassenmauer abgebrochen und das Gelände angeböscht. Am Petzold-Garten in Untermerzbach lässt sich ablesen, worauf es Landschaftsgärtnern englischen Stils ankam: ein ausgewogenes Raumkonzept. Das Wegesystem erschließt den Park in harmonischer, in sich logischer Art. Kein Weg weist eine unmotivierte Biegung auf. Vielmehr entspricht die Wegführung der Art, wie sie ein Spaziergänger in Muße von sich aus einschlagen würde.

Auf dem äußeren Rundweg ergeben sich für den Spaziergänger unterschiedlichste Sichtverbindungen zum Schloss, zum Parkinneren oder zu den angrenzenden Häusern der Ortschaft sowie zur Dorfkirche. Baum- und Strauchgruppen tragen dazu bei, spenden Schatten und geben dem Park durch unterschiedliche Farbnuancen – Nadelbäume wirken dunkler, Laubbäume heller – zum Rand hin einen sanften Rahmen. Verläuft der Weg in einer reinen Rasenfläche, blickt der Spaziergänger ungehindert auf die Parkabschnitte.

Wasser wird im Landschaftsgarten als wichtiger Stimmungsträger eingesetzt. Im Untermerzbacher Schlosspark ist der Teich ins Geländerelief eingebettet und rückt spät ins Blickfeld, was den Überraschungseffekt erhöht. Dass sich im Wasser Schloss und Bäume spiegeln, hat Petzold selbstverständlich kalkuliert, meint Marion Dubler. Die Schwäne, die Petzold in seinen Gartentheorien als i-Tüpfelchen auf einer ruhenden Wasseroberfläche nennt, fehlen dem Schlossteich. Rechnungen aus dem Jahr 1884 legen jedoch nahe, dass es damals zumindest ein Schwanenhäuschen gab.

Im Rahmen einer laufenden Rekonstruktion wurde auch das Luisenplätzchen in der südöstlichen Ecke des Parks neu konzipiert, benannt nach Luise Gräfin von Rottenhan, der Ehefrau von Petzolds Auftraggeber. Luise hatte den Anfangsbuchstabens ihres Vornamens als Schmuckbeet im Rasen anlegen lassen, wie es die Uraufnahme aus dem Jahr 1849 zeigt. Heute liegt das „L“ zwar spiegelverkehrt im Park, doch eine doppelseitige Bank lässt die ursprüngliche Hauptblickrichtung vom Plätzchen aufs Schloss weiter zu, das von hieraus majestätischer und weithin sichtbar über der massiven Terrasse thront.

Schlosspark Untermerzbach

Das Untermerzbacher Schloss entstand ab dem Jahr 1534 an Stelle eines 1525 zerstörten Vorgängerbaus. 1726 wird in einem Kirchenbuch bereits ein Schlossgärtner genannt. Im Jahr 1886 erlosch mit dem Tod Maximilians von Rottenhan der Mannesstamm der adeligen Schlossherrn in Untermerzbach. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1922 der Pallottinerorden Schloss und Park. 2009 kaufte ein Immobilienunternehmen das Anwesen. Nach einem Umbau betreibt die gesetzliche Unfallversicherung VBG dort seit September 2011 ein Seminarhotel mit 95 Plätzen. Der Schlosspark steht Interessierten laut VBG eingeschränkt zur Besichtigung offen. Auch Kulturveranstaltungen sind dort geplant. Die denkmalpflegerische Analyse des Schlossparks im Internet: www.gartenarchitektin.info

ONLINE-TIPP

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Der Lindensaal: Südlich vom Schloss.
Neu angelegt: Das Luisenplätzchen mit Blick aufs Schloss.
Eingebettet in den Landschaftsgarten: Das im klassizistischen Stil umgebaute Schloss beherbergt ein Seminarhotel. Foto: Michael Mösslein

Rückblick

  1. Ein Garten für Blinde
  2. Idealisierte Wald-Welt
  3. Malerische Landschaft
  4. Im Wald der Jahresbäume
  5. Ronkarzgarten: Aus tiefem Schlaf wachgeküsst
  6. Ein Park ohne Trubel
  7. Das grüne Herz der Kur
  8. Der Park der Domherren
  9. Wieder alles in Ordnung
  10. Ein Park zum Vergnügen
  11. Quer durch Katalonien
  12. Paradies für Pomeranzen
  13. Inspiriert durch Natur
  14. Gehobene Gartenkunst
  15. Botschaft an die Nachwelt
  16. Die Kunstsinnige
  17. Gruslige Geschichten
  18. Alles Wilde willkommen
  19. Eine Schule im Grünen
  20. Ins Reich der Mitte
  21. Der Name der Rose
  22. Gärtnern in der Stadt
  23. Der Main im Zentrum
  24. Oase mit viel Historie
  25. Viele grüne Daumen
  26. Reise durch die Welt
  27. Beim Adel im Garten
  28. Allerlei vom Apfel
  29. Den Boden füttern
  30. Wo Minze kuschelig ist
  31. Alte Bäume und viel Ruhe
  32. Ein Kraut gegen alles
  33. Kraut und Rosen
  34. Leben im Park
  35. Umkämpfte Schönheit
  36. Der Welt entrückt
  37. In Gottes Garten
  38. Gebändigte Natur
  39. Botanische Sinnbilder
  40. Die Stille als Kraftquelle

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