WÜRZBURG

Mediziner Stich: "Flüchtlinge werden entmündigt"

Der Suizid eines Bewohners der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg (wir berichteten) rückt die Situation der Menschen, die dort leben müssen, wieder in den Blickpunkt. Dr. August Stich von der Missionsärztlichen Klinik, der mit einem Team und zusammen mit Ehrenamtlichen und Wohlfahrtsverbänden die Flüchtlinge betreut, formuliert seine Kritik deutlich. Sein Ziel ist eine andere Asylpolitik und die Abschaffung der Gemeinschaftsunterkünfte.

Frage: Herr Stich, Sie gelten als unbequemer Streiter, der deutliche Worte für das politisch gewollte System Gemeinschaftsunterkunft (GU) findet. Sie sagen, das Leben dort macht krank.

August Stich: Viele Bewohner, die in unsere Sprechstunde kommen, leiden unter psychischen Störungen. Sie sagen jedoch nicht: Ich bin depressiv, äußern vielmehr körperliche Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen oder sie erzählen, sie können nicht schlafen. Die Diagnose geht häufig in Richtung Posttraumatische Belastungsstörung.

Sind viele Menschen nicht schon krank, bevor sie in Deutschland ankommen?

Stich: Es gibt drei große Komplexe: Krankheiten, die Flüchtlinge aus ihrem Heimatland mitbringen; Krankheiten, die auf der Flucht erworben werden wie Traumatisierungen, etwa durch Vergewaltigung; und Krankheiten, die erst im Gastland entstehen oder dort verstärkt werden. Psychiater sprechen dann von einer Retraumatisierung. Diese geschieht oft schon bei den Erstgesprächen durch Mitarbeiter des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge, in denen die Menschen nachweisen müssen, dass sie politisch Verfolgte sind, dass in ihrem Heimatland ihr Leben in Gefahr ist oder dass sie dort gefoltert wurden. Sie werden immer wieder ohne therapeutische Hilfe an diese Situationen herangeführt. Das führt dann häufig zu sogenannten Flashbacks, in denen sie sich plötzlich und unvermittelt an die bedrohliche Gewaltsituation von einst erinnern.

Wird in diesen Gesprächen nicht auf diese gesundheitlichen Belastungen geachtet?

Stich: Diese Gespräche werden nicht von einem Arzt oder Psychologen geführt. Und neben den sprachlichen Barrieren gibt es auch kulturelle. Ein Beispiel: Eine Frau hat im Erstgespräch erzählt, die Überfahrt auf dem Mittelmeer sei ein einziger Sturm gewesen. Daraufhin wurde die meteorologische Datenlage geprüft und festgestellt, dass zu dieser Zeit eine stabile Wetterlage war. Es hieß, die Frau lügt. Was sie sagen wollte, war aber, dass sie auf dem Schiff mehrfach vergewaltigt worden sei. Für sie war das wie ein Sturm. Diese kulturellen Unterschiede erkennt jedoch keiner ohne entsprechende Schulung.

Und weil ohnehin mehr auf den politischen Hintergrund geachtet wird?

Stich: Sicher. Zudem ist die Zielführung des Asylverfahrens, die Zahl der Flüchtlinge so niedrig wie möglich zu halten. Das wird jedoch von politischer Seite so nie zugegeben. Auch das Leben in den GU soll zermürben, sodass sie möglichst bald freiwillig zurückkehren. Zum anderen gewährt das Asylbewerberleistungsgesetz nur einen reduzierten Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung.

Wie sieht die medizinische Versorgung der GU-Bewohner aus?

Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht eine ärztliche Behandlung nur bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen vor; also zum Beispiel bei Suizidgefahr. Wenn jemand sagt, er hat Albträume, weil er zum Beispiel seine Familie zurücklassen musste und diese sich weiterhin in Gefahr befindet, dann fällt das formal nicht unter dieses Gesetz. Dann stellen wir bei Sozialbehörden einen Antrag auf eine psychologische und psychiatrische Betreuung. Häufig wird er abgelehnt. Dieser Prozess zieht sich oft über viele Wochen hin.

Was wäre Ihrer Meinung nach dringend vonnöten?

Stich: Besonders gefährdete Gruppen in unserer Gesellschaft brauchen ein niederschwelliges Angebot bei der Gesundheitsversorgung, wo man frühzeitig auf Vertrauensbasis versucht, die Leute zu erfassen und sie in Therapien einzubinden. Nur so können Eskalationen bei psychischen Problemen verhindert werden.

Wie war im aktuellen Fall des depressiven Mannes, der Suizid beging, die Zusammenarbeit Ihres Teams mit anderen medizinischen Einrichtungen?

Stich: In diesem Fall war sie gut, ich kenne jedoch auch Negativbeispiele. Die Uniklinik aber hat genau das gemacht, was richtig und professionell war. Die Unterbringung des Mannes hätte dringend verändert werden müssen.

Sie würden am liebsten die Gemeinschaftsunterkünfte abschaffen.

Stich: Das System ist menschenverachtend. Die Menschen werden entmündigt. Alles wird vorgegeben, seien es Hygieneartikel oder Nahrungspakete. Die freie Entfaltung wird extrem beschnitten. Und das ist so gewollt. Deswegen geht meine Kritik in Richtung Staatsregierung nach München, wo an diesem System festgehalten wird. Und das, obwohl der Bayerische Flüchtlingsrat errechnet hat, dass jeder GU-Platz teurer ist als die Unterbringung in kleinen Gruppen. Aber man belässt die Menschen in Perspektivlosigkeit. Sie sitzen tagein tagaus in der GU, und es geschieht nichts. Wären da nicht die Ehrenamtlichen und Wohlfahrtsverbände, wäre alles noch viel schlimmer.

Das Modell der medizinischen Versorgung durch Ihr Team gilt als einzigartig in Bayern.

Stich: Ich würde mir wünschen, dass das nicht so bleibt. Wir brauchen keine GU, sondern vielmehr eine sehr gute Erstaufnahmeeinrichtung, in der auch ein medizinisches Team dabei ist, das nicht nur nach ansteckenden Krankheiten fahndet, sondern die Menschen individualmedizinisch betreuen kann. Anschließend sollten die Menschen möglichst schnell in die Gesellschaft integriert werden, das heißt: raus aus den Gemeinschaftsunterkünften.

Dr. August Stich

Der Chefarzt der Tropenmedizinischen Abteilung der Missionsärztlichen Klinik und Vorstand des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg wurde 1960 geboren. 2004 habilitierte sich August Stich in Innerer Medizin mit Schwerpunkt Tropenmedizin. Auslandseinsätze führten ihn nach Somalia, Tansania und Kambodscha. Seit 2006 engagiert er sich mit Gesundheitsprojekten in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU), seit 2008 besteht ein Vertrag mit der Bezirksregierung zur Sicherstellung der medizinischen Betreuung der GU-Bewohner. Er sieht es als seine Aufgabe an, ihnen beizustehen, wenn und solange sie Hilfe brauchen. FOTO: Archiv Missio

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