WÜRZBURG

Mein Leben als Sandwichkind

Ein Sandwichkind: Meike Rost fühlt sich in ihrer Rolle als mittlere von drei Schwestern durchaus wohl, weiß um die Vorte...

Hey, ich bin's! Die Milch in der Schnitte. Der Hebel an der Waage. Die Frikadelle zwischen den Brothälften. Hört sich doch ganz gut an. Oder nicht? Ich bin etwas Besonderes – wie jeder andere auch. Nur habe ich weniger Probleme. Zumindest, wenn man diversen entfernten Verwandten glauben mag: „Deine arme große Schwester muss so viel arbeiten“ und „die Kleinste hat es ja immer schwer“. Und ich?

Mir geht es gut. Natürlich. Muss es ja auch. Ich bin mittendrin, verantwortlich für oben und unten. Wenn sich die Kleine mit der Großen streitet, kommt sie zu mir. Wenn sich die Große mit der Kleinen streitet, kommt sie zu mir. Wenn sich die Eltern mit einer von beiden streiten, kommt irgendeiner zu mir. Und wenn ich mich mit jemandem streite? Na, am besten komme ich dann selbst wieder zu mir.

Aber kein Grund zu jammern, ich bin ja selbst schuld. Als harmoniesüchtiges Mittelkind war ich noch nie gut im Zanken, umso besser im Vermitteln. Klar, dass sich die anderen das merken. Was ich dagegen tue? Öfters mal selbst jammern. Oder mich freuen. Denn die einzige Frikadelle zwischen zwei Brothälften zu sein, hat doch auch etwas für sich, oder?

Es gibt viele Sandwichkinder. Einige sind richtige Berühmtheiten geworden. Till Schweiger gehört dazu, jemand, der nicht unbedingt den Eindruck macht, er sei in irgendeiner Form vom Leben benachteiligt worden. Genauso wie Donald Trump, John F. Kennedy, Madonna, Jennifer Lopez, Bill Gates, Britney Spears oder Lisa Simpson. Wahnsinn, oder?

Wir Sandwichkinder sollten uns nicht immer so kleinreden. Uns nicht platt drücken lassen. Die meisten von uns wollen ja gar kein Mitleid. Aber es gibt eben auch Menschen, die leiden wirklich sehr unter der Situation. „Ich kann mich nicht entscheiden, weil ich früher nie gefragt wurde“ oder „Ich bin nur so laut, weil mich sonst keiner hört“. Natürlich haben es mittlere Kinder in der Familie nicht einfach. Sie sind weder Vorreiter noch Nesthäkchen. Aber ob das nun Nachteil oder Privileg ist, kann niemand so genau sagen.

Die in Würzburg geborene Buchautorin Root Leeb (58), verheiratet mit dem bekannten Schriftsteller Rafik Schami, ist selbst mit fünf Geschwistern aufgewachsen und kennt die Stärken und Schwächen der sogenannten Sandwichkinder.

In ihrem Roman „Hero“ beschreibt sie die Rollenverteilung in einer Großfamilie – und bricht eine Lanze für die mittleren Kinder. Ich habe mit ihr gesprochen.

Frage: Frau Leeb, ich bin ein Sandwichkind und – was in der Psychologie als noch komplizierter gilt – mit zwei Schwestern aufgewachsen. Darf ich jetzt verhaltensauffällig sein?

Root Leeb: Nein, ich wehre mich gegen so definitive Zuweisungen. Wenn wir beispielsweise einen kleinen Mann sehen, denkt die Mehrheit sofort, dass er Komplexe hat. Mit solchen Vorurteilen geben wir den anderen keine andere Wahl, als sich dementsprechend zu verhalten. Wenn jeder sagt „Du Arme bist ein Sandwichkind“ wird ja fast erwartet, dass man verhaltensauffällig ist. Dabei ist Sandwichkind nicht gleich Sandwichkind.

Wer ist denn Ihrer Meinung nach ein klassisches Sandwichkind?

Leeb: Jedes Kind, das innerhalb der Familie wenig oder gar nicht beachtet wird; das kann das größte genauso wie das kleinste sein. Wenn beispielsweise nach dem ersten ein behindertes Kind zur Welt kommt, fällt das älteste aus seiner umsorgten Rolle heraus und wird zum Sandwichkind. In einer großen Familie kann sich das auch mehrmals verschieben.

Welche positiven Eigenschaften kann man Sandwichkindern denn Ihrer Erfahrung nach zuordnen?

Leeb: Sie knüpfen schnell Kontakte nach außen, weil sie dort nach der Anerkennung suchen, die ihnen zu Hause verwehrt wird. Sie sind offen und oft sehr fantasievoll. Das liegt daran, dass sie weniger im Fokus stehen und sich so freier entfalten können. Außerdem sind die mittleren Kinder wegen ihrer Position häufig gute Vermittler.

Und womit haben sie Schwierigkeiten?

Leeb: Manche Sandwichkinder verharren lebenslang in ihrer Rolle der Benachteiligten und sehen ihr Schicksal als festgeschrieben an. Diese Menschen trauen sich auch nicht, ihre Wünsche und Bedürfnisse klar zu artikulieren. Gleichzeitig leiden sie dann genau darunter.

Wie kann man diesem Sandwichkind-Syndrom entgegenwirken?

Leeb: Indem man seine Position reflektiert und seine Freiheit aktiv nutzt. Ich kenne Erstgeborene, die an dem hohen Erwartungsdruck ihrer Eltern zerbrochen sind. Bei den mittleren Kindern kommt das viel seltener vor. Das „Leben mit einer Tarnkappe“, wie ich es in meinem Buch „Hero“ beschreibe, hat eben auch viele Vorteile.

In dem angesprochenen Buch „Hero“ skizzieren sie die verschiedenen Charaktere einer Großfamilie. Bleiben wir unserer Familienrolle ein Leben lang treu?

Leeb: Unsere Position in der Familie wirkt sich sicher auf unser Leben aus – egal wie alt wir sind. Allerdings hat jeder die Möglichkeit aus einer vorgegebenen Rolle in seiner Familie auszubrechen. Das ist sicherlich ein schwieriger Weg, doch was andere immer als „typisch“ für einen sehen, muss man ja nicht bestätigen. Es ist wichtig, sich immer wieder aufs Neue klarzumachen, dass das eigene Verhalten nicht unabänderlich festgeschrieben ist.

Root Leeb

In Würzburg studierte Root Leeb, geboren 1955, Germanistik, Philosophie und Sozialpädagogik. Sie war zwei Jahre als Lehrerin tätig, danach arbeitete sie als Straßenbahnfahrerin in München. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin, Illustratorin und Zeichnerin in der Nähe von Mainz. Root Leeb illustriert auch die Bücher ihres Mannes Rafik Schami, der zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache zählt.

In Root Leebs Roman „Hero“ ist Nele die Außenseiterin einer Großfamilie, das „Sandwichkind“, unbeachtet und ungeliebt. Als ihr Vater erfährt, dass er bald sterben muss, gibt es eine Annäherung zwischen ihm und ihr. „Hero“ ist ein Roman über Familie und Freundschaft, über Einsamkeit, Liebe und Tod.

Rückblick

Schlagworte

  • Meike Schmid
  • Behinderte
  • Bill Gates
  • Britney Spears
  • Buchautorinnen und Buchautoren
  • Donald Trump
  • Familien-Serie 2014
  • Jennifer Lopez
  • Verhaltensauffälligkeiten
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!