BERLIN/WÜRZBURG

Missbrauch: Kritik an Aufarbeitung

Vor fünf Jahren kam hierzulande der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche hoch. Opfer haben jetzt eine vernichtende Zwischenbilanz gezogen.
Übergriff: Rund 100 000 Mädchen und Jungen werden in Deutschland jedes Jahr sexuell missbraucht.
Übergriff: Rund 100 000 Mädchen und Jungen werden in Deutschland jedes Jahr sexuell missbraucht. Foto: patrick pleul, dpa

Es passierte in renommierten Einrichtungen wie der hessischen Odenwaldschule oder dem Berliner Canisius-Kolleg. Die Opfer waren Kinder, die Täter ihre Bezugspersonen oder Lehrer.

Vor fünf Jahren sorgte die Bekanntgabe zahlreicher Fällen sexuellen Missbrauchs an Schulen und kirchlichen Einrichtungen für einen Skandal. Im gleichen Jahr begannen auch in der Diözese Würzburg die Aufarbeitungsarbeiten. Am Montag zogen Betroffene in einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin eine vernichtende Zwischenbilanz.

„Deutsche Bischöfe weigern sich bis heute, sich mit Missbrauchsopfern an einen Tisch zu setzen“, beklagte Pater Klaus Mertes. Er war es, der am 28. Januar 2010 als Rektor des Canisius-Kollegs durch seine Briefe an 600 ehemalige Schüler den Skandal ins Rollen brachte.

In dem Schreiben thematisierte Mertes mögliche Missbrauchsfälle am Kolleg in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Nachdem Dutzende weitere Verdachtsfälle bekannt worden waren, bekam die Thematik eine neue Dimension – und die Aufarbeitung der Geschehnisse oberste Priorität. Doch die Betroffenen zeigen sich mit der bislang geleisteten Arbeit alles andere als glücklich.

„Es wird nur das eingestanden, was nachgewiesen ist“, sagte etwa der Sprecher der Initiative Missbrauch der evangelischen Kirche in Ahrensburg, Anselm Kohn. Das lange Vertuschen des Skandals durch die katholische Kirche nannte Matthias Katsch, Betroffener am Berliner Canisius-Kolleg, das „zweite Verbrechen“ des Skandals.

Auch der unabhängige Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig bemängelte, dass die Aufarbeitung nur schleppend vorankäme. Hoffnungen richtet Rörig auf eine Kommission, die 2016 tätig werden soll. Ein entsprechender Vorschlag von Union und SPD wird am Freitag im Bundestag beraten.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die finanziellen Entschädigungsleistungen: Die Betroffenen bezeichneten die von der katholischen Kirche angebotene „Anerkennungsleistung“ von bis zu 5000 Euro als völlig unzureichend. In anderen Ländern wie den Niederlanden oder Portugal habe man bis zu 60 000 Euro gezahlt.

„Wenn man das Leid der Opfer kennt, sind diese geringen Zahlungen in Deutschland wirklich nicht angemessen“, bestätigt Professor Klaus Laubenthal, Ansprechpartner in der Diözese Würzburg für Opfer sexuellen Missbrauchs. Man könne zwar mit Geld nie das erfahrene Leid gutmachen, doch sei es eine symbolische Anerkennung für die Opfer. Bis März vergangenen Jahres hatte die Diözese Würzburg insgesamt 50 000 Euro an elf Personen gezahlt, die als Minderjährige von Priestern oder kirchlichen Mitarbeitern missbraucht worden sind.

„Es war am Anfang viel nachzuholen“, resümiert Laubenthal. Von März 2010 bis 2014 beschäftigte sich der Lehrstuhlinhaber für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Würzburg mit 89 Vorwürfen, wovon 62 im ersten Jahr an ihn getragen wurden. Seither ist die Quote stark rückläufig.

„Die Kirche ist im Bistum Würzburg, was die Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch angeht, den Vereinen voraus“, sagt Laubenthal. In der Priesterausbildung sei das Thema mittlerweile ebenso fester Bestandteil wie bei Mitarbeiterschulungen. Man könne allerdings auch hier noch mehr Präventionsarbeit leisten.

In Deutschland werden Schätzungen zufolge rund 100 000 Kinder pro Jahr sexuell missbraucht. Als Haupttatort gilt die Familie.



(Mit Informationen von dpa.)

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