GEMÜNDEN

Missbraucht: Opfer leidet ein Leben lang

Die Hilfe für Opfer von Gewalttaten ist in Deutschland immer noch unzulänglich geregelt. Eine Mutter aus dem Landkreis Main-Spessart wendet sich mit ihrem Fall – dem drastischen Fall der sexuellen Misshandlung ihrer Tochter – an die Öffentlichkeit und bittet um Geldspenden. Das gemeinnützige Erthal Sozialwerk in Eisingen hat ein Konto für sie eingerichtet.

Der Missbrauchsfall in einem Dorf im Landkreis Main-Spessart liegt lang zurück. Er zeigt, wie schrecklich und womöglich nie endend die Folgen sein können. 1998: Neuneinhalb Jahre alt war das Mädchen, als sich ein 23-jähriger verheirateter Wohnungsnachbar an das Kind heranmachte und das Vertrauen der alleinerziehenden Mutter erschlich. Was als Betreuung während der Abwesenheit der Mutter und als Hausaufgabenhilfe begann, weitete sich zu massiven sexuellen Misshandlungen aus. Über mindestens 15 Monate ging das „Martyrium“ des Kindes, wie es der Verteidiger des Täters 2009 in der Gerichtsverhandlung nannte.

Zehn Jahre zuvor war die Mutter misstrauisch geworden und mit ihrer Tochter fortgezogen, das wahre Ausmaß der „Liebesbeziehung“, wie es der Täter später nannte, aber hatte sie nicht geahnt. Beharrlich schwieg das Kind all die Jahre, eingeschüchtert durch Drohungen des Mannes, bis die psychischen Beeinträchtigungen immer auffälliger wurden: Ablehnung alles Weiblichen an sich, Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung, panische Angst vor Männern, vor Dunkelheit, vor Messern, vor dem fotografiert Werden . . .

Über Untaten Buch geführt

Erst als 19-Jährige, nach der mit vielen Fehlzeiten und eigenartigen Problemen durchgestandenen und dennoch mit guten Noten abgeschlossenen Schulzeit, offenbarte die junge Frau die Misshandlung in ihrer Kindheit. 43 Fälle des sexuellen Missbrauchs und vier Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs führte 2009 die Anklageschrift gegen den mittlerweile 34-jährigen ehemaligen Nachbarn an. Ein oftmals die Opfer quälendes Glaubwürdigkeitsgutachten war unnötig, denn der Mann – inzwischen Vater eines Sohnes – hatte über seine Widerwärtigkeiten akribisch mit Datum und Uhrzeit Buch geführt. Die Polizei fand die Bücher bei ihm, dazu eine Unterhose des Mädchens und Fotos von den Untaten. Diese Bilder sind der Grund dafür, dass sich die junge Frau bis heute nicht fotografieren lässt; das Anfertigen von Passfotos gelingt nur unter größten Anstrengungen in Automatenkabinen.

Das Geschehen wirkt nach, Therapie reiht sich an Therapie, mittlerweile auch bei der von Schuldgefühlen geplagten Mutter. Da ihre Tochter nahezu eine Rundumbetreuung braucht, hat sie ihren Beruf aufgegeben und ist mittlerweile frühverrentet. Ihr Ziel: Der heute 25-jährigen Tochter einmal ein weitgehend eigenständiges Leben zu ermöglichen. Dazu soll sie die Ausbildung abschließen, die ihr einen Beruf ohne viel persönliche Kontakte ermöglicht, denn die Scheu, ja Angst vor Fremden, vor allem Männern wird sie vielleicht nie ablegen können. Wenn der Postbote an der Haustür klingelt, versteckt sich die junge Frau im Schrank . . .

Täter zahlte Schmerzensgeld nicht

Aufgearbeitet ist das Kindheitstrauma nicht, nur strafrechtlich geahndet. Für zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter schickte das Gericht den bis dahin nicht vorbestraften Täter, der nach Aussage des Staatsanwalts „ein Leben zerstört hat“. Zivilrechtlich wurden dem Opfer 10 000 Euro zugesprochen. Das Geld hat der Täter bis heute nicht gezahlt.

An Geld mangelt es aber Mutter und Tochter permanent. Zwar bekommt die 25-Jährige zurzeit eine Opferrente von 170 Euro monatlich von der Landesbehörde „Zentrum Bayern Familie und Soziales“, darüber hinaus aber gibt es keine Stelle, die in einem solchen Fall einspringt und zum Beispiel das ausstehende Schmerzensgeld vorschießt. Erst 2012 wurde die staatliche „Stiftung Opferhilfe Bayern“ gegründet, um „bestehende Schutzlücken im Entschädigungsrecht“ zu schließen. Sie greift aber nicht für Altfälle. Einmalzahlungen von bis zu 10 000 Euro gewährt die Stiftung, wenn „der Zeitpunkt der Straftat nach dem 1. Januar 2010 liegt“. Lediglich der Weiße Ring, der Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, gewährte 2011 auf Vermittlung dieser Zeitung 1000 Euro. Damit ließ die Mutter unter anderem überall im Haus Lichtschalter einbauen, denn im Dunkeln bekommt die Tochter Angstzustände; sie kann auch nur bei Licht schlafen.

Prekär ist die Lage aktuell mit der Einstellung der Kindergeldzahlung geworden. Der Opferrente von 170 Euro, dem Bafög-Zuschuss zur Ausbildung und der Rente der Mutter von 600 Euro stehen für die Tochter das Schulgeld, die Fahrtkosten zur Fachschule und zur Therapie und die nunmehr nötige Krankenversicherung von 80 Euro sowie die üblichen Lebenshaltungskosten gegenüber. Eine Beratungsstelle im Landkreis versucht derzeit, von privaten Stiftungen Zuschüsse für verschiedene dringend nötige Anschaffungen wie eine neue Brille zu erhalten.

Die Mutter will nun ihr Haus verkaufen und für die Tochter einen betreuten Wohnplatz finden. Momentan aber weiß sie sich keinen anderen Rat mehr, als die Öffentlichkeit um Hilfe zu bitten. „Die staatlichen Stellen haben überhaupt kein Verständnis“, klagt sie. Die Kindergeldstelle beispielsweise habe eine Weiterzahlung (möglich im Fall einer Behinderung) abgelehnt mit der Begründung, die Tochter könne schließlich arbeiten gehen. Auf die Schilderung all der psychischen Beeinträchtigungen, die der Tochter derzeit ein einigermaßen normales Leben unmöglich machen, komme oft als Antwort, sie solle sich nicht so anstellen. Dass es an Langzeithilfe für die Opfer sexueller Misshandlung trotz Verbesserungen fehlt, bestätigt das Büro des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung in Berlin gegenüber dieser Zeitung.

Das Erthal Sozialwerk in Eisingen hat für den oben geschilderten Fall ein Spendenkonto eingerichtet, kann allerdings hierfür keine Spendenbescheinigungen ausstellen. Die Bankverbindung: Erthal-Sozialwerk gemeinnützige GmbH, Konto 303 009 300, Liga Bank Würzburg, Bankleitzahl 750 903 00

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