Mit Leidenschaft Kabarettist: Urban Priols Kopfsalat

Mit der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ hat sich für Urban Priol ein Kreis geschlossen. Und der Hype um ihn hat sich noch gesteigert.
Mit Leidenschaft Kabarettist: Urban Priols Kopfsalat

Auf seinen „Bergfloh“ ist er stolz. Das merkt man alleine schon daran, wie entspannt seine Stimme klingt, die so oft nur das Stakkato kennt, wie ruhig sein Tonfall wird, wenn er über ihn plaudert. Gut marschiert sei er, selbst durch Schnee, „alles wunderbar“. 39 PS, 998 Kubik, Baujahr 1968 – Urban Priols „Bergfloh“ ist ein Riley.

Mit dem 41 Jahre alten englischen Sportwagen ist er erst im Februar wieder die AvD-Histo-Monte gefahren, eine Oldtimer-Rallye von Hanau nach Monte Carlo. „Von der ersten Minute an ist das wie Urlaub“, sagt Oldtimer-Fetischist Priol, der 15 Stück sein Eigen nennt. „Ich hab' sofort den Kopf frei.“

Das ist wichtig für einen, der rastlos arbeitet mit seinem Kopf. Es gab eine Zeit, da hatte der Mann mit der Kopfsalatfrisur 300 Auftritte im Jahr – ein Irrsinn für einen Kabarettisten. „Das musste ich damals machen, als ich den Hofgarten in Aschaffenburg geschultert habe.“ 1998 eröffnete Priol nach der Kochsmühle in Obernburg seine zweite Bühne, in einem ehemaligen Kino, das er renovieren ließ. Fast zwei Millionen Mark hat er investiert, das Gebäude in der Innenstadt gehört ihm 40 Jahre lang in Erbpacht.

Als der Kreditrahmen erschöpft war, die Handwerker aber Geld brauchten, „da musste ich zum Teil auch mehrmals am Tag spielen. Es war damals ja noch nicht so, dass jeder ein Rettungsschirmchen aufgespannt bekam, wenn er sagte: ,Oh, die Bank gibt mir nix mehr. Staat, hilf!' Aber dafür wären wir natürlich auch zu klein. Da muss man schon ein gewisses Erpressungspotenzial an Belegschaft haben, damit man der Regierung die Pistole auf die Brust setzen kann wie Frau Schaeffler.“

Natürlich kann man sich mit Urban Priol nicht über ihn und das Kabarett an sich, über seine Politisierung und seinen Werdegang unterhalten, ohne dass...
 

 

... er ständig aktuelle Bezüge herstellt. „Das, was politisch um mich rum passiert, regt mich sehr auf, und es regt mich an. Das muss raus, da kann ich net anders.“

Frank-Markus Barwasser, Priols Würzburger Kollege, hat bei der Verleihung des Deutschen Kabarettpreises in der Laudatio auf Priol gesagt: „Den Kopf vollgepumpt mit Informationen und Assoziationen legen sich die Pointen auf seine Zunge und drängen schnell hinaus, ob er will oder nicht, sie müssen raus, weil ihm sonst wahrscheinlich irgendwann der Kopf platzen würde.“ Kopfsalat – auf und im Kopf. Priol nannte mal ein Bühnenprogramm und seine Sendung in 3sat „Alles muss raus“.

Und weil immer alles raus muss, ging es sogar schon mal soweit, dass Unterschriften-Listen herumgereicht wurden, mit dem Ziel, ihn von Bord zu schmeißen. 1997 war das, Priol war engagiert vom SPD-Reiseservice, um auf einer Kreuzfahrt „die wackeren Genossen, meist Rentner“ zu unterhalten. In der Nacht zuvor war Lady Diana in Paris gegen einen Tunnel-Pfosten gerast, auf der MS Dalmacija stand der bunte Abend an, und Urban Priol hatte die Aufgabe, den Tod der Prinzessin der Herzen zu vermelden.

„Ich war schon geübt in so was, auf einer der Kreuzfahrten vorher musste ich das Ableben Honeckers verkünden.“ Also fing er an: „Sehr geehrte Damen und Herren, wer vor ein paar Jahren schon mal mitgefahren ist, weiß ja: Ich bin der apokalyptische Reiter.“ Dann erklärte er, dass pro Tag auf Frankreichs Straßen acht Menschen sterben – „und heute Nacht war eine Ausländerin dabei. Lady Diana ist tot...
 


... so, und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei unserem Programm.“

„Wer mich engagiert, muss wissen, was ihn erwartet.“ Dass der gebürtige Aschaffenburger Talent im Überfluss besitzt, um mit despektierlichen Sichtweisen, mit abstrusen Geistesblitzen, mit sezierendem Wortwitz Politik und Gesellschaft aufs Korn zu nehmen, das hat Mathias Repiscus früh erkannt, wenngleich: „Kabarett konnte man das nicht nennen, was er damals gemacht hat.“ Damals, das war Mitte der Achtziger, seitdem tüfteln Priol und Repiscus, der Impresario der Kleinkunstbühne Bockshorn in Würzburg, der bei ihm stets Regie führt, gemeinsam. Priol meint, dass „wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten – wir sind ja beide nicht sehr groß.“

Auch wenn der Hochgeschwindigkeitskomiker mit seinen hochtoupierten Fusselhaaren, der fast runden Brille und den quietschbunten Hemden von erlesener Scheußlichkeit noch immer daherkommt wie eine Mischung aus Struwwelpeter, Woody Allen und Detektiv Magnum – seine früher teils recht volkstümlichen Nummern haben dem Politkabarett viel mehr Platz gegeben, ohne ganz zu verschwinden.

„Man darf das Publikum net unterfordern“, sagt Priol, und im gleichen Atemzug: „Ich hab' auch gern Klamottiges im Programm.“ Priols Stärken sind das Tempo und die Fähigkeit, aus Unzusammenhängendem aberwitzige Fäden zu spinnen, die er zu einer bisweilen absurden, manchmal traurigen, oft brüllend komischen Logik verdichtet, und beim Reagieren auf die Tagesaktualität schlägt ihn sowieso keiner.

Mit einer Unterscheidung von Comedy und Kabarett kann er nichts anfangen: „Wenn Du auf der Bühne stehst, musst Du die Leut' zwei, zweieinhalb Stunden unterhalten. Wie sich das dann nennt, is' mir letztlich worscht.“ Er sagt tatsächlich „worscht“. Sein Hochdeutsch bemüht er eher selten, ...



... Priol mag diesen Aschebercher Dialekt – nicht mehr Fränkisch, noch nicht ganz Hessisch –, der, anders als bei Barwassers Pelzig, keine Kunstsprache ist, sondern mitten aus dem Leben kommt. Priol mag das Schnoddrige daran, weil er so schön Kontraste herstellen und damit das Dampfgeplauder von Politikern und Managern entlarven kann.

Man darf vermuten, dass er nicht das täte, was er tut, wenn er nicht zumindest die vage Illusion hätte, irgendwas bei irgendwem zu bewegen. Er will, dass die Leute den „Respekt verlieren, immer weiter den Respekt verlieren vor den Nasen, die sich so wichtig aufplustern und so viel Schmarrn erzählen“. Meint er tatsächlich, dass er die Leute beeinflussen kann? „Ich weiß es nicht. Aber ich gebe die Hoffnung nie auf.“

Im November werden es 27 Jahre sein, dass Urban Priol auf der Bühne steht, er begann „mit dem Amtsantritt vom Dicken“. Er nennt Helmut Kohl nie beim Namen, bei Priol ist Kohl immer nur „der Dicke“, Merkel war lange nur „der Hosenanzug“, wahlweise „unsere Volkskanzlerin“, auch die „Jeanne d'Arc des Ozonlochs“.

„Mit dem Dicken begann so langsam, dass sich dieser Mehltau der Bräsigkeit übers Land gelegt hat“, und wenn er dann ins Plaudern kommt, erzählt, dass es früher „noch Politiker gab, die Politik machten aus Leidenschaft“, und wenn er sich die meisten heute anschaut, die „nur ihre Funktion erfüllen, blutleer, leidenschaftslos und arm an Emotionen“, und wenn er beklagt, dass es „der Politik heute vor allem an Streitkultur fehlt“, dann kann man eine Ahnung davon bekommen, wie sehr dieser Staat, die Gesellschaft und deren politische Gestalter ihn beschäftigen. Nach Jahrzehnten Grün hat er zuletzt „taktisch SPD gewählt“.

Politisiert wurde Priol, der im Mai 48 wird, im Elternhaus, vor allem durch die ältere Schwester, die noch „richtige Politdebatten geführt hat“. Bei ihm ging's mit 15 los, als Initialzündung nennt Priol Dieter Hildebrandts ZDF-Sendung „Notizen aus der Provinz“. Er ist „glühender Bewunderer von Hildebrandt“, und deshalb ist es für ihn auch was Besonderes, dass sich ein Kreis geschlossen hat, sozusagen. Die „Notizen aus der Provinz“ wurden eingestellt, da begann Priol gerade, sich zu orientieren auf der Bühne. Seit zwei Jahren, nach einem Vierteljahrhundert Pause, gönnt sich das Zweite wieder Satire: „Neues aus der Anstalt“ präsentieren Priol und Georg Schramm, knapp drei Millionen schauen jeden Monat zu, wenn Patient Deutschland in der psychiatrischen Tagesklinik satirisch behandelt wird.

Spätestens mit der „Anstalt“ hat sich der Hype um Priol nochmal gesteigert. Für einen, der sich „alle Regionen Deutschlands mit der Tour über die Ackerbühnen erspielt“ hat und der sagt, auch schon mal vor acht Leuten aufgetreten zu sein, müssen sich die letzten Jahre doch wie ein Märchen anfühlen. „Ich versuch', immer mal wieder innezuhalten.“ Es klingt, als meine er es ernst. „Man muss schon aufpassen, dass einem da net schwindlig wird.“ Diese lakonische, nie überhebliche Art, dieser süffisante, nie arrogante Tonfall – vielleicht macht auch das einen Teil seines Erfolgs aus. Außerdem „ist ja auch immer ma wieder was an 'nem Oldtimer, da bleibste automatisch aufm Boden. Abheben gibt's net bei mir.“ Kein Wunder: Der mit Worten so Mutige hat Flugangst.

 

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