SCHWEINFURT

Museum Otto Schäfer: Ministerium prüft Bücher

Das Museum Otto Schäfer in Schweinfurt: Fachleute befürchten die Zerschlagung eines Kerns der Sammlung. Foto: Martina Müller
„Spitzenstücke aus der Schweinfurter Bibliothek Otto Schäfer verscherbelt“ – ein Internetartikel mit dieser Überschrift sorgt derzeit in der Fachwelt für Furore, von der größeren Öffentlichkeit ist er bislang unbemerkt geblieben. Wer sich durch die Fülle an Dokumenten klickt, dem stellt sich folgendes Bild dar: Otto G. Schäfer, Sohn des Sammlers Otto Schäfer (1912-2000), hat offenbar ein größeres Konvolut an wertvollen Büchern aus dem 15.  und 16. Jahrhundert aus dem Bestand des Schweinfurter Museums Otto Schäfer an einen in der Schweiz ansässigen Händler verkauft, doch die Hamburger Behörden haben die Auslieferung gestoppt. Nach Prüfung des Ausfuhrantrags war das Konvolut in die Hamburger Liste national wertvollen Kulturguts aufgenommen worden und darf nun das Gebiet der EU nicht verlassen. Publik gemacht hat den Vorfall der Historiker und Archivar Klaus Graf auf mehreren Internetplattformen für Historiker und Bibliothekare. Graf ist Geschäftsführer des Archivs der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Er war auf einen neuen Eintrag im Portal „Kulturgutschutz Deutschland“ gestoßen. In dem Portal, das Bund und Länder betreiben, ist – sortiert nach Bundesländern – national wertvolles Kulturgut aufgelistet, das nicht aus der EU ausgeführt werden darf.

In diese Liste war im November 2014 ein Paket mit 194 Positionen – vorläufig – aufgenommen worden: „Handschriften und Drucke des 15.  und 16. Jahrhunderts mit z.T. kolorierten Holzschnitten und Kupferstichen illustriert, verschiedentlich reich in Holz oder Leder gebunden.“ Die Hamburger Liste hatte bis dato gerade einmal zehn Werke umfasst, da fiel ein neuer Eintrag dieses Umfangs auf.

Klaus Graf, hellhörig geworden, forschte weiter und bekam heraus, dass es sich um illustrierte Bücher aus der Sammlung Otto Schäfer handelte. Er machte außerdem die vollständige Liste ausfindig und kam zu folgendem Schluss: „Man darf durchaus von einem 'Ausverkauf' der Sammlung Otto Schäfer sprechen.“ Tatsächlich umfasst das verkaufte Konvolut nach Ansicht von Experten etliche Spitzenstücke, entstanden zwischen 1407 und 1605, deren Verlust den Wert der Sammlung erheblich schwächen würde.

Im Fokus der Fachleute stehen besonders die laut Graf knapp 70 Inkunabeln oder Wiegendrucke. Unter Inkunabeln (von lateinisch incunabula – Windeln, Wiege, Ursprung) versteht man Drucke aus der Frühzeit (der Wiege) dieser Technik, also Arbeiten, die in den ersten 50 Jahren nach der Gutenberg-Bibel von 1454 entstanden.

Diese Bücher gelten als Kernstück der Sammlung. Sie müssten „als einzigartiges Ensemble betrachtet werden, dessen geschlossene Bewahrung und Erhaltung in Deutschland aus meiner Sicht dringend erforderlich ist“, so Falk Eisermann, Referatsleiter der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und zuständig für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke, in dem sämtliche Drucke des 15. Jahrhunderts verzeichnet sind. Die Sammlung Otto Schäfer ist dort – noch – mit 234 Exemplaren vertreten.

Weder Otto G. Schäfer noch der Händler wollen die Vorgänge unter Verweis auf juristische Aspekte derzeit kommentieren. Nach Auskunft der Bayerischen Staatsbibliothek ist das Konvolut inzwischen aus Hamburg zurück in Schweinfurt. „Damit sind wieder wir zuständig“, sagt Ludwig Unger, Pressesprecher des Bayerischen Kultusministeriums. Das Ministerium lasse derzeit durch Experten prüfen, ob die Bücher aus Schweinfurt auch in die bayerische Kulturgut-Schutzliste aufgenommen werden. Er rechnet mit einer Entscheidung noch im Februar.

Der Verkauf als solcher wäre damit freilich nicht gestoppt.

 

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