MAINFRANKEN

Neue Bestrebungen zum Erhalt von Streuobstwiesen in Mainfranken

Jahrzehntelang wichtig, in den 1970er Jahren gerodet, heute häufig vernachlässigt: Den Streuobstbeständen geht es schlecht. Doch es gibt Hoffnung.
Es wächst was in der Rhön: Auf einer Streuobstwiese bei Bischofsheim genießt die fünfjährige Mila den Frühling.
Es wächst was in der Rhön: Auf einer Streuobstwiese bei Bischofsheim genießt die fünfjährige Mila den Frühling. Foto: Ivo Knahn

Keiner hat den Wert alter Streuobstbestände treffender beschrieben als der Lehrer und Hobby-Pomologe (Apfelforscher) Edwin Balling, der 2013 in Margetshöchheim (Lkr. Würzburg) starb. Im Nachwort seines Büchleins „Die Kulturgeschichte des Obstbaus“ heißt es: „Die Streuobstbäume sind Obstgarten, Bienenweide, Futterwiese, Vogelwelt. Reichtum von natürlichen Lebensgemeinschaften, Reservoir und Rückzugsgebiet. Es sind individuell geprägte, auffallende Persönlichkeiten.“ Nicht zuletzt findet sich auf Streuobstwiesen eine Vielzahl von seltenen Obstsorten, die besonders gut an die jeweiligen Klima- und Standortverhältnisse angepasst sind – ein enormes Genpotenzial und ein Bestandteil der Kulturgeschichte.

Und trotzdem sind in den vergangenen Jahrzehnten unendlich viele dieser so wertvollen Streuobstbestände aus der Landschaft verschwunden. Andere sind in einem bemitleidenswert schlechten Zustand, sind mangelhaft gepflegt, vor allem die in steilen Hanglagen. Nun soll sich das ändern. Die Regierungen der Länder Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern möchten sich „zukünftig noch intensiver um die Streuobstwiesen bemühen“ heißt es in einer Pressemitteilung.

Erstmals wollen die vier Länder gemeinsame Streuobsttage veranstalten, vom 25. April bis 10. Mai. Deren zentrales Element ist die neu geschaffene Homepage www.streuobsttage.de. Unter dieser Adresse können Streuobstakteure ihre Veranstaltungen, Produkte, Ideen und Konzepte der Öffentlichkeit bekannt machen. Und Verbraucher können regional nach Produkten, Events, Märkten, Festen oder Fachinformationen suchen.

Auch in Mainfranken gibt es neue Bestrebungen zum Erhalt von Streuobstflächen. Im Februar hat sich die Genossenschaft „Main-Streuobst-Bienen-eG“ (www.streuobst-mainfranken.de) gegründet, angeführt von zwei Experten für Streuobstanbau: Hubert Marquart vom Landschaftspflegeverband Würzburg und Martin Degenbeck von der Landesanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau (LWG). Mitglied können werden Privatpersonen, Grundstückseigentümer, Kommunen, Landwirte, Landschaftspflegeverbände, Obst- und Gartenbauverein, Naturschutzverbände, Obstbrenner, Baumschulen, Keltereien und Abfüllbetriebe.

Die neue Genossenschaft möchte die Streuobstaktivitäten in der Region bündeln und die Lücke zwischen den bereits aktiven Streuobstverwertern in Mittelfranken und am Untermain schließen. Jeder Besitzer von Streuobst kann sein Obst bei der Genossenschaft abliefern, das ist der Plan. Die Sammelstellen sollen in Reichweite der Kunden liegen und mit fairen Preisen rechnen. Denn ohne wirtschaftliche Nutzung hat Streuobst keine Zukunft, das hat man erkannt.

Zukunft? LWG-Experte Degenbeck hat die Vergangenheit unter die Lupe genommen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Obstanbau für die Versorgung der Bevölkerung unverzichtbar und wurde sorgsam gepflegt für unterschiedlichste Zwecke vom Tafelobst über Saft, Most und Brand bis hin zum Backobst. Ab 1950 gab es eine Trendwende hin zum monokulturellen Plantagenanbau. Er erinnert an den „verhängnisvollen“ Beschluss des Bundesernährungsministeriums vom Oktober 1953, nach dem „für Hoch- und Halbstämme kein Platz mehr sein wird. Streuanbau, Straßenanbau und Mischkultur sind zu verwerfen.“

Die Folgen waren fatal, die Landschaft veränderte ihr Gesicht. Von den 1,5 Millionen Hektar Streuobstbeständen, die es noch 1951 in Deutschland gab, wurden 70 bis 75 Prozent gerodet. Noch bis 1974 zahlte die Europäische Gemeinschaft Rodungsprämien für jeden Obstbaum-Hochstamm, um, so Degenbeck, unliebsame Konkurrenz für die Erwerbsanbauer auszuschalten. Massenweise Baumfällungen wie etwa in Hettstadt (Lkr. Würzburg) waren die Folge. Dort wurden bei der Flurbereinigung 1977/78 nachweislich 8000 Obstbäume gerodet.

Der Trend hat sich erheblich verlangsamt, aber er setzt sich fort. Die traditionell am Rand der relativ dicht bebauten fränkischen Orte befindlichen Streuobstgürtel sind vielerorts neuen Baugebieten zum Opfer gefallen. In den Orten, wo das Streuobst auf steileren Hanglagen steht, ist nur ein geringer Anteil der Bestände gut gepflegt. Eine Untersuchung im Umkreis von Würzburg kommt zu dem Ergebnis, dass die Pflege in den Gemeinden besonders schlecht ist, in denen die Landwirtschaft kaum mehr eine Rolle spielt.

Neben der Ausweisung neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen trägt der Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft zum Obstbaumsterben bei. Oma und Opa sind vielfach die einzigen, die für die Pflege der Bäume überhaupt Zeit haben. Außerdem sind Monokulturen wesentlich rationeller zu bearbeiten, Tafelobst wird daher meist nur noch für den Eigenbedarf geerntet.

Schließlich ist im Rahmen der Globalisierung über relativ billige Transportwege Obst aus aller Herren Länder in die Regale der Supermärkte und Discounter gelangt. Und auch das Versaften von Apfel und Birne – früher einmal wesentliches Standbein des Streuobstbaus – rentiert sich unter rein ökonomischen Aspekten kaum. Gegen Säfte aus Polen, der Ukraine oder gar China kann Direktsaft aus heimischer Produktion preislich einfach nicht mithalten.

Dabei geht es doch um so viel mehr als den Preis, wissen Fachleute: Es geht auch um Qualität, Geschmack, Lebensmittel aus der Region, Artenvielfalt, geringe Transportkosten, Klimaschutz. Seit Jahren kämpfen Naturschutzverbände und Streuobst-Initiativen gegen die Ignoranz der Verbraucher bezüglich des billigen Apfelsaftes an – mit nur bescheidenem Erfolg. Es mangelt vielerorts an einer konsequenten Marketing-Strategie für das Streuobst.

Doch es gibt auch ermutigende Nachrichten. Mancherorts haben sich Streuobstinitiativen gebildet und wurden Lehrpfade eingerichtet wie im Streuobstdorf Hausen in der Rhön oder in Tiefenthal im Landkreis Main-Spessart. Auch um Markt Herrnsheim im Landkreis Kitzingen führt ein Erlebnisweg zum Thema Streuobst. Kindergruppen, Schulklassen und Familien können hier aktiv ihre Umgebung entdecken und erforschen. Das Freilandmuseum Fladungen (Lkr. Rhön-Grabfeld) zeigt Interessenten im 1860 in Rothausen erbauten Dörrhäuschen, wie man die Zwetschgen, Äpfel und Birnen aus den üppig bestückten Streuobstwiesen des Museums haltbar macht.

Bewusstsein für den Wert der Streuobstwiesen ist wichtig, und es gibt auch Erfolge, was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. Mittlerweile stehen Geräte für das Abschütteln des Mostobstes und das Auflesen der Früchte zur Verfügung, die einen wirtschaftlichen Streuobstbau möglich machen. Durch den Anbau moderner Erntetechnik können wesentlich größere Mengen auf einmal angeliefert werden, was den Aufwand der Kelterei gegenüber sackweiser Anlieferung verringert und dem Lieferanten höhere Mostobstpreise sichert.

Der Markenpionier Bionade aus Ostheim vor der Rhön bietet seit einem Jahr „Bionade Streuobst“ an – in limitierter Auflage und ausschließlich im Biofachhandel. Am Untermain („Schlaraffenburger“) und in Mittelfranken („Hesselberger“) gibt es neue Streuobstprodukte wie Schorlen und Secco. Und im oberfränkischen Altenkunststadt ist ein „Saftmobil“ des Kreisverbandes für Gartenbau und Landespflege unterwegs. Beim Bag-in-Box-Verfahren wird der Saft aus Streuobst sterilisiert und bleibt im stabilen Karton mit Kunststoffbeutel über ein Jahr haltbar.

Die neu gegründete Genossenschaft „Main-Streuobst-Bienen eG“ will nun alle Aktivitäten im Bereich Streuobst koordinieren, unterstützt werden die Streuobstaktivisten von den Mainfränkischen Werkstätten, eine gemeinnützige Einrichtung der Lebenshilfe-Vereine Würzburg, Kitzingen, Main-Spessart, Marktheidenfeld und des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte Würzburg. Zu den vielfältigen Aktivitäten gehört auch eine verbesserte Qualifizierung. „Der Kurs für die Ausbildung zum zertifizierten Baumpfleger Streuobst war ruckzuck ausgebucht“, freut sich Hubert Marquart.

Aus der Geschichte des Obstbaus

Die Blütezeit der Pomologie (Obstbaukunde) beginnt im 19. Jahrhundert und endet etwa mit dem Ersten Weltkrieg. Es ist die Zeit nach der Französischen Revolution, die Zeit der Aufklärung. Vernunft. Kritik. Freiheit. Toleranz. Humanität. Diese Schlagworte erfassen alle Bereiche des Lebens. Auch die Obstkunde nimmt einen stürmischen Aufschwung. Wissenschaftlich beschäftigen sich die Menschen vielerorts mit Obst, mit Beschreibung und Klassifizierung, mit Physiologie und Systematik. In Triesdorf (Bayern), wo bereits 1792 eine Baumschule gegründet worden war, wird 1834 ein pomologischer Verein gegründet. Im Triesdorfer Verzeichnis werden damals 126 Apfelsorten und 117 Birnensorten gelistet. Laut einer Denkschrift von 1890 gab es 1878 in Bayern 4,7 Millionen Apfelbäume, 3 Millionen Birnbäume und mehr als 8 Millionen Zwetschgenbäume.

Durch das Königliche Staatsministerium des Innern und die oberste Baubehörde wird auf eine allmähliche Bepflanzung aller Straßen mit Bäumen hingewirkt, wobei auf die Anpflanzung von Obstbäumen besonders „Bedacht genommen“ wird. Zum Beispiel seien zwischen Ansbach und Nürnberg in den letzten Jahren entlang öffentlicher Straßen auf 85 Kilometer Obstbäume gepflanzt worden, heißt es. Noch einen Schub für den Obstbau gibt es gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wird die Mehrzahl der mitteleuropäischen Rebflächen aufgegeben. Vor allem wegen des starken Befalls mit dem Pilz Peronospera und Reblaus bleiben viele Weinberge brach liegen und werden in der Folge als Schafweiden genutzt und/oder mit Obstbäumen bepflanzt. Zu dieser neuen Situation drängen auch eine starke Nachfrage und der gute Preis für Obst.

Unsere heutigen Streuobstwiesen beziehungsweise ihre bezaubernden Reste sind also nicht, wie es den Anschein hat, eine uralte Kultur, sondern stammen vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie verdanken ihren Namen den locker über die Fläche „gestreuten“ großkronigen Obstbäumen. Im Unterschied zu den Streuobstäckern werden sie im „Untergeschoss“ als Mähwiesen oder Weiden genutzt.

Der Begriff Streuobstbau selbst taucht in der Literatur erstmals 1941 auf. Ein Schweizer Autor verwendete ihn für Obstbau in Streulage. Richtig in den Sprachgebrauch kommt er ab den 50er Jahren. Da wird er von Behörden und Erwerbsbauern mit negativem Unterton genutzt, um die Anbauweise auf Hochstämmen mit Sortenwirrwarr als umständlich, romantisch, rückständig und überlebt abzugrenzen gegenüber dem intensiven, ertragreichen Plantagenobstbau auf Niederstämmen mit wenigen Sorten. Als dann rationellere Produktionsverfahren aufkommen, billige Obsteinfuhren den Markt überschwemmen und sich die menschliche Arbeitskraft verteuert, wird die traditionelle Kultur vielerorts aufgegeben. Die Folgen sind bekannt. Da das Interesse an Früchten und Gras nachlässt, werden die Bäume nicht mehr gepflegt und überaltern.

Äpfel von der Streuobstwiese: Vielfalt in Farbe, Form und Geschmack.
Äpfel von der Streuobstwiese: Vielfalt in Farbe, Form und Geschmack. Foto: Wilma Wolf

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