SCHWEINFURT

Pathologe klagt auf Befreiung vom Bereitschaftsdienst

Rund 2500 Mediziner in Bayern, die aufgrund ihres Spezialisierungsgrades bisher dienstbefreit waren, sollen in Zukunft Bereitschaftsdienst schieben. Ein Schweinfurter Arzt klagt dagegen.

Ein Mediziner, der nicht gelernt hat, Patienten eigenständig zu behandeln und dies in seinem ganzen Leben auch noch nie getan hat, soll gezwungenermaßen über zwanzig Jahre nach Studienende damit anfangen. Was wie ein schlechter Witz klingt, wird für den Schweinfurter Mediziner Dr. Bernhard Heine ab April Wirklichkeit: Er soll im Zuge der Reform der Ärztlichen Bereitschaftsdienstordnung an Wochenenden oder in Nächten als Bereitschaftsarzt Dienst tun. Rund 2500 weiteren Medizinern in Bayern, die aufgrund ihres Spezialisierungsgrades bisher dienstbefreit waren, blüht das gleiche Schicksal.

Der Schweinfurter Mediziner hat gegen den „Dienstbefehl“ der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns Klage eingereicht; er will einen Befreiungsanspruch vom Bereitschaftsdienst erreichen. Große Hoffnungen, dass seine Klage Erfolg hat, macht er sich nicht. Ähnliche Klagen seien schon höchstrichterlich abgewiesen worden. Dennoch will Heine mit der Klage ein Zeichen setzen – aus ärztlicher Verantwortung heraus.

Denn es ist ja nun nicht so, dass Dr. Heine sich nicht als ein höchst verantwortungsvoller Arzt verstünde. Der Schweinfurter Mediziner hat sich, den Fußstapfen seines Vaters, Professor Wolf-Dieter Heine folgend, viele Jahre lang fachärztlich weitergebildet – und zwar als Pathologe. Zur Obduktion von Leichen wird er sehr selten gebeten; den Löwenanteil seiner Arbeit macht die Untersuchung von Gewebeproben aus. Auf diesem Gebiet, der Histopathologie, ist Heine ein angesehener Spezialist.

Als Hausarzt indes wäre er ein blutiger Anfänger. Käme im Rahmen der nun zu leistenden Bereitschaftsdienste in der Nacht, an den Wochenenden, ein Kranker zu ihm – vielleicht mit problematischen Zuckerwerten, mit zu hohem Blutdruck, Herzbeschwerden oder auch nur schlimmem Husten – würde Dr. Heine, Ende Vierzig, ihm vielleicht sagen: „Schön, Sie kennenzulernen. Ich werde Sie immer in Erinnerung behalten. Sie sind nämlich mein allererster Patient.“

Hippokratischer Eid: Schaden von Kranken abwenden

Er halte es für extrem unprofessionell, Ärzte zu einer Arbeit zu verpflichten, in der sie keine Routine hätten und haben könnten, sagt Heine. „Ich will und kann das nicht verantworten.“ Bestandteil des Hippokratischen Eids sei auch, Schaden vom Kranken abzuwenden; darauf berufe er sich in seiner Klage.

Wie groß aber ist die Gefahr für Bayerns Patienten, wenn ab April bislang vom Bereitschaftsdienst befreite und in der Allgemeinmedizin unerfahrene Fachärzte Erkrankte behandeln? „Die Gefahr halte ich für gering, denn verantwortungsbewusste Kollegen weisen dann eben im Zweifelsfall in die Kliniken ein“, sagt der Kitzinger Neurologe Dr. Thomas Krichenbauer, in dessen großer Praxisgemeinschaft für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie etliche Kollegen arbeiten, die trotz fehlender Erfahrung in der Allgemeinmedizin demnächst Bereitschaftsdienste leisten müssen. Dass unerfahrene Kollegen zu ihrer und der Patienten Sicherheit vorsorglich einweisen, hält auch der erfahrene Würzburger Allgemeinarzt Dr. Christian Potrawa für wahrscheinlich.

Ein Szenario, das Dr. Michael Kraus, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst bei der Integrierten Rettungsleitstelle Würzburg, nicht glücklich stimmt: „Schon jetzt haben wir Probleme, unsere internistischen Notfälle in den Kliniken unterzubringen“, sagt Kraus. Er befürchtet, dass durch die Reform des Bereitschaftsdienstes noch mehr Patienten in Kliniken eingewiesen werden und der Notstand in den Notaufnahmen (wir berichteten) noch wächst.

Mit Blick auf den April, für den die ersten unerfahrenen Bereitschaftsärzte Einsatztermine haben, hat unterdessen in Unterfranken ein reges Geschachere um kompetente Allgemeinärzte eingesetzt, die bereit sind, ihre unerfahrenen Facharztkollegen zu vertreten. Dem Vernehmen nach bieten manche Fachärzte willigen Vertretern für den Fall, dass sie auch nur einen Wochenend-Dienst übernehmen, pro Einsatztag über 500 Euro. „Ich würde sofort zahlen“, sagt der Schweinfurter Pathologe Heine. „Leider habe ich noch niemanden gefunden, der grundsätzlich bereit wäre, meine Dienste zu übernehmen.“

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