KARLSTADT

Paul lernt langsam, aber gut

Praktizierte Inklusion: Wenn es in Mathe zu schwierig wird, nimmt Schulbegleiterin Ramona Kratochvil Paul aus der Klasse und hilft ihm in einem eigenen Klassenraum, seine Aufgaben zu lösen. Foto: Pat christ

Paul nimmt seinen gelben Holzstift aus dem Mäppchen und beginnt, ein tropfenförmiges Feld mit der Zahl „30“ auf dem Arbeitsblatt auszumalen – als Belohnung dafür, dass er „90“ minus „60“ richtig gerechnet hat. „Du bist heute richtig gut!“, lobt ihn Ramona Kratochvil. Die gelernte Kinderpflegerin begleitet Paul, der vor allem in Mathe Schwierigkeiten hat, seit eineinhalb Jahren in der Grundschule des Karlstadter Ortsteils Wiesenfeld (Lkr. Main-Spessart).

Ramona Kratochvil ist eine von 104 Integrationshelfern und Schulbegleitern in Unterfranken, die beim Integrationsfachdienst der Malteser angestellt sind. Der Bedarf nach Assistenz in Kindertagesstätten oder Schulen ist riesig, berichtet Fachdienstmitarbeiterin Josephine Ersfeld. Insgesamt 90 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 3 und 20 Jahren werden derzeit von den Helfern der Malteser betreut.

Seit Paul, ein Junge mit Autismus, von Ramona Kratochvil unterstützt wird, machte er große Fortschritte. Vor allem im sozialen Verhalten. Als der heute Zwölfjährige neu an die Wiesenfelder Grundschule kam, hatte er wegen seiner Beeinträchtigung Probleme, mit den anderen Kindern in Kontakt zu treten. Er fasste sie einfach an und merkte nicht, wie distanzlos er war. Inzwischen weiß Paul gut, wie man sich anderen Kindern und Erwachsenen gegenüber verhält.

Für Klassenlehrerin Ellen Hüsam ist es ein großes Glück, dass Paul eine Schulbegleiterin hat. „Wir hätten ihn alleine nie so gut fördern können“, meint sie. Dass mit Ramona Kratochvil eine Kollegin in ihrem Klassenzimmer sitzt, die keine Ausbildung als Lehrerin hat, ist für sie kein Problem. Aufgabe von Schulbegleitern ist es ja nicht, Stoff didaktisch aufzubereiten und zu vermitteln. Schulbegleiter assistieren Kindern mit großen sozialen Problemen, mit einer schweren Körperbehinderung oder mit massiven Defiziten im Lernen, damit sie die Regelschule besuchen können.

„Wir hätten ihn alleine nie so gut fördern können.“
Ellen Hüsam, Klassenlehrerin an der Grundschule Wiesenfeld

Die Wege, wie Männer und Frauen mit Interesse am Thema „Inklusion“ zum Job des Schulbegleiters kommen, sind laut Fachdienstmitarbeiterin Josephine Ersfeld ganz unterschiedlich. Häufig interessieren sich Erzieherinnen für den Beruf: „Wir haben aber auch Heilerziehungspflegehelfer oder Quereinsteiger, die zuvor zum Beispiel Bürokauffrau oder Buchhändlerin waren.“

Damit sie weiß, was auf sie zukommt, bekommt Ramona Kratochvil von Klassenlehrerin Ellen Hüsam an jedem Montag einen Wochenplan. Darauf stehen alle Matheaufgaben, die sie mit Paul an jedem Tag dieser Woche im Einzelunterricht erledigen sollte. Während Paul in den anderen Fächern gut in der Klasse mitkommt, erhält er in Mathe täglich Einzelunterricht. Hüsam: „Wir sind gerade dabei, mit Zahlen bis zu einer Million zu rechnen. Paul erschließt sich parallel den Zahlenraum bis 100.“

Eine Schulbegleiterin zu sein, das ist gar nicht so einfach, sagt Ramona Kratochvil: „Man braucht sehr gute Nerven.“ Vor allem am Anfang, wenn sich Schulbegleiterin und Schüler zusammenraufen und noch gemeinsam sehr viel lernen müssen. Besonders herausfordernd war, dass Paul früher in „Streik“ ging, wenn etwas so schwierig war, dass er es nicht sofort wusste.

Dann war viel Motivationsarbeit zu leisten, damit sich der Junge wieder seinen Aufgaben widmete.

Weil ihre Tätigkeit sehr anspruchsvoll ist, erhalten die Schulbegleiter des Malteser Hilfsdienstes viermal im Jahr Supervision, erläutert Josephine Ersfeld: „Dabei tauschen sie sich untereinander aus.“ Das ist von großer Bedeutung, da Schulbegleiter vor Ort Einzelkämpfer sind. So hat auch Ramona Kratochvil an der Grundschule Wiesenfeld keine andere Kollegin zum Austausch: Paul ist der einzige der 59 Schüler, der eine Schulbegleitung hat.

Auch fachlich erhalten die Helfer bei den Maltesern Unterstützung. Drei- bis viermal im Jahr gibt es Fortbildungen zu Themen, welche die Mitarbeiter aktuell bewegen. So ist für Juni eine eintägige Fortbildung über soziale und emotionale Störungen im Kindergarten geplant, da dieses Phänomen derzeit zuzunehmen scheint.

Um die Qualität der Schulbegleitung und der Integrationshilfe in der Kita zu erhöhen, starten die Malteser auf Regionalebene am 1. April ein neues Projekt, das ganz Bayern und Thüringen im Blick hat. Wie Josephine Ersfeld berichtet, sollen von Würzburg aus Handreichungen für alle Integrationsfachdienste der Malteser in den beiden Bundesländern erarbeitet werden. Ziel sei es, ein Qualitätsmanagement in den Diensten zu etablieren.

Die Kostenträger stehen der wachsenden Nachfrage und dem Ausbau von Integrationshilfen aufgrund der immensen Ausgabensteigerungen zwiespältig gegenüber. So muss der Bezirk Unterfranken heuer für die Schulbegleitung von mehr als 400 Kindern und Jugendlichen aufkommen. Auf Unverständnis stößt die Tatsache, dass Schulbegleiter überhaupt bei der Sozialhilfe und nicht beim Kultusministerium angesiedelt sind.

Auch Vertreter unterfränkischer Lehrergewerkschaften bemängeln, dass der Freistaat Inklusion haben möchte, aber viel zu wenig tut, um gute Inklusionsbedingungen zu schaffen. Sie verweisen darauf, dass Kinder mit Handicap im Kindergarten 4,5-mal stärker staatlich gefördert werden als nichtbehinderte Kinder. Auch Schulen würden sich bei der Stundenzuweisung pro Schülerkopf eine 4,5-fache Erhöhung pro inkludiertes Kind wünschen.

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