WÜRZBURG

Pelzig und die Tüffeltoffel in den Dödel-Reihen

Pelzig stellt sich: Der Würzburger Kabarettist Frank-Markus Barwasser im Würzburger Mainfranken Theater.
Pelzig stellt sich: Der Würzburger Kabarettist Frank-Markus Barwasser im Würzburger Mainfranken Theater. Foto: chris weiss

Frank-Markus Barwasser, demnächst 53, wäre kein echter Würzburger, würde er, nach fünf Jahren wieder einmal im – ausverkauften – Mainfranken Theater, seinen unterfränkischen Landsleuten, vor allem den „Tüffeltoffeln“ in den ersten fünf „Dödel-Reihen“ (darunter viel Verwandtschaft), nicht kräftig einschenken. In seinem Programm „Pelzig stellt sich“, das am 1. Mai vorigen Jahres in Bamberg Premiere hatte und seitdem immer straffer wird, geht es aber um viel mehr: um den Zustand des Führungspersonals in unserer Gesellschaft – und der lässt nach Pelzigs Ansicht sehr zu wünschen übrig.

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Erwin Pelzig

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Stichworte sind die Eckpfeiler, um die Pelzig in hohem Tempo und mit intensiver schauspielerischer Präsenz seine kleinen und großen Geschichten baut, seine Schimpftiraden und, jawohl, auch seine Kalauer. Es sind: kognitive Dissonanz, Transparenz, Grundgesetz, Betrug, Neid, Drecksfernsehen, Zufall, Krise, Internet-Hausidiot und anderes.

Eine Mappe mit Fundstücken

Für alles hat er eine Mappe mit Fundstücken. Der Zuschauer muss beim aktuellen Geschehen auf dem Laufenden sein, so bei den vielen Ideen von Ursula von der Leyen zu Hartz IV, die den Betroffenen eine Laufbahn vom Hundescheiße-Aufheber zum Altenpfleger zumutet.

Dazwischen immer wieder Sätze, die sich wie Brandzeichen ins Gehirn sengen: „Der Volkstrauertag ist das Erntedankfest der Rüstungsindustrie.“ Oder: „Die Krise ist ein einziger Raubüberfall auf den europäischen Steuerzahler.“ Oder: „Das Scheißgeld der Banken hurt sich durch die Welt.“ Oder: „Was brauchen wir das Grundgesetz. In China geht's auch ohne.“ Und über die vielen selbst ernannten Fachleute in aller Welt macht Pelzig sich so lustig: „Eine US-Studie hat herausgefunden: Wer barfuß läfft, hat ke Schuh a!“ Zur Freude des Publikums hat Pelzig auch seine alten Kumpels mitgebracht, den konservativen Doktor Göbel, der Bio-Gemüse kauft, damit die nachfolgenden Generationen auch noch etwas von der Welt haben (er darf Rotwein trinken). Dazu den Proleten Hartmut (trinkt Weißbier), der die Rentner-Pyramide so abreißen will: „Die Alte müsse wech. Nä! Net alle! Jeder Zwette vielleicht, und die könnt mer auslos!“

Damit sind wir auch bei dem Gag, den Barwasser sich diesmal ausgedacht hat. Vor Beginn hat er 500 Lose unter den 800 Besuchern verteilen lassen. Aus einer drehbaren Trommel zieht er eine Nummer – und der Losbesitzer ist für die nächsten zwei Stunden Bundespräsident. Es trifft keinen komplett Ungeeigneten: Der Würzburger Philosophie-Professor Dag Nikolaus Hasse hat den Mut, sich zu melden, bekommt per Umschlag sein Eintrittsgeld zurück (a la Wulff) und muss bis zur 149. Minute (Barwassers Techniker stoppt die Zeit mit) mit dem Spott Pelzigs rechnen.

In der Schlussviertelstunde hält Pelzig eine immer lauter werdende, großartige Philippika über das, was er von denen da oben gerne wissen würde, zum Beispiel, wo die 4000 Milliarden US-Dollar sind, die der Irak-Krieg gekostet hat, und da bleibt vielen das Lachen im Halse stecken. Vielleicht hat aber die allerletzte Pointe eine lockernde Wirkung. Pelzig empfiehlt den Armen dieser Gesellschaft die von ihm in einer Zeitschrift entdeckte Sparmaßnahme: „Holen Sie altes Brot beim Bäcker für Ihr Pferd!“

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