NÜRNBERG/MÜNCHEN

Politikum um ein Dürer-Bild

Albrecht Dürer
Albrecht Dürer Foto: Pinakothek

Unter dem Titel „Der frühe Dürer“ will das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg dem bekanntesten Maler Frankens ab 24. Mai eine weltweit beachtete Ausstellung widmen. Nicht weniger als 120 Frühwerke des Meisters sollen gezeigt werden. Museen aus London, Paris, Washington und Florenz haben Bilder Dürers aus ihrem Bestand leihweise beigesteuert – doch ausgerechnet aus München kommt eine Absage: Die Staatsgemäldesammlung und die Wittelsbacher Landesstiftung als Eigentümer weigern sich offenbar beharrlich, Dürers berühmtes „Selbstbildnis im Pelzrock“ aus der Alten Pinakothek ins Fränkische zu transportieren.

Inzwischen ist das Ringen um das 512 Jahre alte Bild ein Politikum ersten Ranges geworden: Lässt es doch den Streit zwischen Franken und Bayern um fränkische Kunstwerke wieder aufleben, die nach 1805 auf verschiedenen Wegen nach München gelangt sind. Immer wieder flammt dieser Konflikt um die vermeintliche „Beutekunst“ auf – auch, weil sich die Münchner Kunstbürokratie immer wieder ziert, fränkische Kulturgüter wie das Würzburger Herzogsschwert oder die Bamberger Heinrichskrone herauszugeben – und sei es nur auf Zeit und zu besonderen Ereignissen.

Auch im aktuellen Fall geht es – wie Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) schon im September Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) per Brief versicherte – nur um eine Leihgabe des Dürer-Werkes: „Wir geben ihn auch wieder her“, beteuert der SPD-Politiker.

In dem Schreiben bat Maly den Ministerpräsidenten um Unterstützung für den Ausleihewunsch aus Nürnberg, wie die Staatskanzlei auf Nachfrage bestätigte. Dass Maly bisher noch keine Antwort erhalten hat, habe zudem nichts mit Desinteresse oder Unverständnis zu tun, beteuert sein Sprecher. Im Gegenteil: Selbstredend komme der Regierungschef dem Hilfeersuchen aus Franken nach. Allerdings wolle er „eine Ausleihe im Konsens“. Der Ministerpräsident werde deshalb „in Kürze Gespräche führen“ – wohl auch mit dem Hause Wittelsbach.

Doch Seehofer, der die Kulturförderung in Bayerns Regionen bekanntlich zur Chefsache erklärt hat, wird schwere Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn laut Eingeweihten sind es keine sachlichen Gründe wie etwa der Zustand des Gemäldes, die gegen einen Transport sprechen. „Man will hier keinen Präzedenzfall schaffen“, heißt es unter Kennern des Münchner Kulturapparates. Sprich: Der Dürer soll nicht nach Nürnberg, um vergleichbaren Wünschen aus Franken ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben.

Die staatlich finanzierte Staatsgemäldesammlung sah sich trotz beharrlicher Nachfrage am Mittwoch nicht in der Lage, die Verweigerung der Leihgabe zu erklären. Offiziell beruft man sich dort aber wohl auf eine 2009 aufgestellte „Sperrliste“ von 114 Kunstwerken, die die Pinakotheken grundsätzlich nicht verlassen dürfen – darunter der Dürer.

„Ich halte diese Begründung für nicht haltbar“, zürnt Nürnbergs OB Maly auf Nachfrage dieser Zeitung. „Diese Liste hat doch nicht den Rang von Gesetzestafeln“, schimpft er: „Schließlich ist das Germanische Nationalmuseum auch keine Hinterhofgalerie.“ Würden sich alle Museen so verhalten wie die staatlichen in München, wären große Künstlermonografien weltweit nicht mehr möglich, findet Maly: „Denn manchmal darf auch ein Bild in die Welt kommen.“ Selbst wenn es sich nur um die kleine Nürnberger Welt handle – und nicht um die große in München, kokettiert der OB.

Denn die Nürnberger Dürer-Ausstellung ist alles andere als eine Regionalschau: Es ist die größte Ausstellung des weltberühmten Künstlers seit Jahrzehnten. Es gehe darum, nach jahrelanger Forschungsarbeit den kometenhaften Aufstieg Dürers anhand seines Frühwerks allgemein verständlich zu erklären, so Ausstellungsleiter Dr. Daniel Hess. Aus dem politischen Streit um das „Selbstbildnis im Pelzrock“ will er sich zwar heraushalten. Dass das Gemälde für die Ausstellung wichtig wäre, will Hess aber nicht leugnen: „Wenn das nicht so wäre, hätten wir nicht angefragt.“

Noch scheint das letzte Wort nicht gesprochen: „Ich werbe sehr dafür, dass für eine weltweit beachtete Ausstellung alle bayerischen Exponate zusammengebracht werden“, sagt etwa der Würzburger CSU-Kulturexperte Oliver Jörg. Auch Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) kann sich eine Leihgabe „grundsätzlich vorstellen“, verweist aber auf das Vetorecht der Wittelsbacher: „Wir müssen sowohl die fachliche Seite als auch die Eigentümer überzeugen.“

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