WÜRZBURG

Preis für Forschung: Würzburger Kinderarzt gewinnt wichtige Auszeichnung

Renommierter Preis: Seit 15 Jahren ist Professor Christian Speer Direktor der Kinderklinik der Universität in Würzburg. Für seine Forschung in der Frühgeborenenmedizin ist er ausgezeichnet worden.
Chefvisite: Jeden Morgen besucht Professor Christian Speer die Früh- und Neugeborenenstation. Foto: Thomas Obermeier

Eine junge Frau, 23 Jahre alt, öffnet die Tür zum Büro von Professor Christian Speer im ersten Stock der Würzburger Universitäts-Kinderklinik. Sie stürmt vorbei an seiner Sekretärin, umarmt den Klinikdirektor und bedankt sich bei ihm. „Ich habe die junge Frau nicht erkannt“, gesteht Speer. Erst als er die Mutter sieht, weiß er, dass die heute 23-Jährige eines seiner Frühchen war, die er noch als Oberarzt in Göttingen erfolgreich behandelt hat.

Visite auf der Frühchen-Intensivstation „Wolkennest“ im September 2014. In dem Zimmer stehen drei durchsichtige Plastikbettchen mit Deckeln und bullaugenähnlichen Türen. Dazwischen sitzt eine Frau von etwa 30 Jahren auf einem bequemen Lehnsessel. Hinter jedem Bett aufgereiht an der Wand: Beatmungsgeräte und Monitore, die Atmung, Herzschlag und Sauerstoffsättigung kontrollieren. Es blinkt und leuchtet, doch völlig lautlos. Die Frau hat vor drei Wochen Drillinge geboren: zwei Jungs und ein Mädchen. Alle drei Kinder sind zu früh auf die Welt gekommen.

Seit über 30 Jahren forscht Christian Speer in der Frühgeborenenmedizin an der klinischen Entwicklung und Optimierung des Lungenfaktors, des Surfactants, der vielen Frühgeborenen bei der Geburt fehlt. Weil die Lungen noch nicht richtig reif sind, verstarben früher viele Frühgeborene an dem sogenannten Atemnotsyndrom. Mit der Gabe des Surfactant, das aus Tierlungen gewonnen wird, konnte seither schon über einer Million Frühgeborenen das Leben gerettet werden. Für seine Forschung erhielt Speer den mit 5000 Euro dotierten europäischen „Maternité Prize 2014“. Der Preis ist die wichtigste Auszeichnung in der Frühgeborenenmedizin. Laut „Focus Gesundheit“ zählt der Klinikchef auch im Jahr 2014 zu Deutschlands Top-Medizinern in diesem Bereich.

Unter Speer hat sich die Neonatologie, die Frühgeborenenmedizin, in Würzburg immer weiter entwickelt. Die kurzen Wege von der Entbindungsstation zur Frühchen-Intensivstation erleichtert Ärzten und Eltern die Zusammenarbeit. Etwa 60 000 Kinder im Jahr kommen in Deutschland vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt und gelten als Frühgeborene. Rund 8000 werden noch vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren, oft wiegen sie weniger als 1000 Gramm. „Wenn Babys in der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, haben viele heute eine gute Chance, diesen Frühstart gesund zu überleben.“

Mit der Universitäts-Kinderklinik leitet Speer seit 15 Jahren eine der großen Kinderkliniken in Bayern. In seiner Amtszeit hat er viel bewegt: Das Perinatalzentrum zur Versorgung von Frühgeborenen gilt als einzigartig in Süddeutschland, der Bereich Onkologie wurde durch die Eröffnung des Stammzellenzentrums gestärkt, die Infektionsstation mitsamt Elternbereich modernisiert. „Die Kindermedizin muss das gesamte Spektrum der Medizin abdecken.“ Pro Jahr werden an der Klinik 6000 Kinder stationär und mehr als 15 000 ambulant behandelt. 18 Oberärzte arbeiten dort, vom Herzspezialisten bis zum Rheumaarzt.

Die Arbeitstage des Klinikdirektors sind lang. Zuerst Visite auf der Früh- und Neugeborenenstation der Kinderklinik und Frauenklinik, dann Besuche auf den Allgemeinpädiatrischen Stationen und der Onkologie. „Ich kenne fast alle Krankengeschichten unserer Patienten“, sagt Speer. Schwer kranke Kinder besucht er regelmäßig, begleitet ihre Behandlung und unterstützt seine Oberärzte bei medizinischen Entscheidungen.

Behutsam beugt sich Speer über den Glaskasten, der dem winzig kleinen Jungen für die nächste Zeit den Mutterleib ersetzen soll. Tom ist wie seine beiden Geschwister neun Wochen zu früh zur Welt gekommen. Seine Atmung wird durch einen Sensor überwacht, der an der Brust des Kindes befestigt ist. Speer untersucht den kleinen zarten Körper durch die Türöffnungen und spricht währenddessen beruhigend auf den Jungen ein. Der Klinikchef ist mit der Entwicklung der Drillinge zufrieden. „Den Kindern geht es gut“, sagt er.

Wenn der 61-Jährige, der selbst Vater einer Tochter ist, durch die Klinikflure läuft, wirkt er wie ein sympathischer Onkel. Mit den kleinen Patienten spreche er auf Augenhöhe, erzählt eine Mutter. Er interessiert sich für die Kinder, fragt bei der Visite nach, welches Buch sie gerade lesen und unterhält sich mit ihnen. Montags ist die Kinderklinik immer voll. „Wir nehmen über das Wochenende viele Patienten zur Abklärung ihrer Symptome auf.“ Glücklicherweise könnten die meisten Kinder Mittwoch oder Donnerstag wieder entlassen werden. Am Freitag sind meist nur die schwer kranken Patienten da. „Für viele Kinder beträgt die Verweildauer in der Kinderklinik oft nur ein bis drei Tage.“

Die Kinderheilkunde entwickelt sich in vielen Bereichen in Richtung tagesklinischer und ambulanter Medizin. Kinder kommen zur Therapie, bekommen ihre Medikamente, „aber wann immer es geht, dürfen sie wieder nach Hause“, sagt Speer. Die Behandlungen sind auch weniger schmerzhaft als früher. „Statt immer neue Zugänge zu stechen, erleichtern heute Portsysteme die Gabe von Infusionen und Medikamenten.“

Die Zahl der Frühgeborenen in Deutschland liege seit Jahren konstant bei circa sieben Prozent. „Wir legen heute viel Wert darauf, dass auch sehr unreife Frühgeborene – wenn möglich – spontan geboren werden und dass die Mütter stillen“, erklärt Speer. Die Frauen pumpen dazu so lange Milch ab, bis die Kleinen selbst trinken können. Der direkte Körperkontakt zu Mutter und Vater sei für die Frühgeborenen sehr wichtig.

Zwei der Drillingsbabys schlafen jetzt an der Brust ihrer Mutter. Der kleine Junge liegt wieder in seinem Wärmebettchen. Er strampelt mit seinen noch viel zu dünnen Beinchen. Seine Augen sind geschlossen, in seiner Nase hängen kleine Schläuche. Bald wird sein Vater kommen und ihn für ein paar Stunden aus dem Inkubator nehmen.

Mit einer solchen Situation umzugehen, fordert viel Kraft von den Eltern. „Unsere Ärzte müssen einfühlsam auf Eltern und Kinder zugehen“, sagt der Klinikchef. Mehr als in anderen Berufen sind hier Wärme und soziale Kompetenz gefragt. „Glücklicherweise habe ich fachlich und menschlich hervorragende und engagierte Mitarbeiter.“

Seit Jahren kämpft Speer für eine bessere räumliche Situation in der Kinderklinik. Nun träumt er von einem Klinikneubau – einem Mutter-Kind-Zentrum – das möglichst noch in seiner Amtszeit fertiggestellt wird. Die Planungen haben bereits begonnen. „Wir wünschen uns integrierte Elternzimmer für die Frühgeborenen-Intensivstation.“

Die Neonatologie hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt. Professor Christian Speer erinnert sich an die Frühgeburt der jungen Frau, die vor einigen Wochen bei ihm im Büro stand. „Das Baby musste ich damals in einer auswärtigen Klinik mit der Hand intubieren“, erzählt er. Umso mehr hat er sich gefreut, seine ehemalige Patientin Jahre später gesund zu sehen. „Solche Momente machen mich glücklich.“

Symposium in Würzburg

Neueste Entwicklungen in der Behandlung von Früh- und Neugeborenen und aktuelle Forschungsergebnisse aus diesem Gebiet stehen im Mittelpunkt eines großen internationalen Kongresses, der vom 5. bis 7. Oktober in Würzburg stattfindet. Mit mehr als 700 Teilnehmern aus 65 Nationen ist das Treffen die größte Veranstaltung dieser Art außerhalb der USA. Organisiert hat den Kongress der Leiter der Würzburger Universitätskinderklinik, Professor Christian Speer.

In Workshops und Vorträgen stellen Wissenschaftler neueste Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neugeborenenmedizin vor. Dabei geht es unter anderem um neueste Erkenntnisse bei der Behandlung der unreifen Lunge, um den bestmöglichen Schutz des Gehirns und der Netzhaut von Frühgeborenen und um deren optimale Ernährung. Ein Workshop beschäftigt sich mit den Problemen der Neugeborenenmedizin in Entwicklungsländern.

Der Kongress „Recent Advances in Neonatal Medicine” findet seit 1996 alle drei Jahre statt. Nach dem Start in Tübingen ist Würzburg bereits zum sechsten Mal Austragungsort. Der Kongress ist damit eines der wichtigsten Treffen weltweit für Wissenschaftler sowohl aus dem Bereich der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung.

Besuch vom Klinikchef: Professor Christian Speer erkundigt sich bei der neunjährigen Julia nach ihrem Befinden. Foto: Ivana Biscan

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