WÜRZBURG

Rufmord 2.0: Gerücht im Netz

Cyber-Mobbing: Das Internet vergisst nichts – im Fall von Gerüchten kann das für die Betroffenen verheerende Folgen haben. Insbesondere Jugendliche fühlen sich Psycho-Attacken hilflos ausgeliefert.

Ein YouTube-Video als Hilfeschrei in der weiten Welt des Internets: Neun Minuten lang hält eine 15-Jährige handgeschriebene Zettel in die Kamera, auf denen sie, Blatt für Blatt, ihre Leidensgeschichte erzählt: „Ich habe niemanden, ich brauche jemanden“ – mit diesen Worten endet die Aufnahme. Doch ihr verzweifelter Ruf nach Hilfe wird nicht gehört: Wenige Wochen später, im Oktober dieses Jahres, ist das Mädchen tot, es hat sich das Leben genommen. Der Fall der Kanadierin Amanda Todd hat die Öffentlichkeit weltweit geschockt und den Blick auf ein Phänomen gelenkt, das nicht völlig neu, aber erst in Ansätzen erforscht ist: Cyber-Mobbing.

Wiederholtes und regelmäßiges Schikanieren einer Person – das ist es, was Mobbing ausmacht. Von Cyber-Mobbing, dem Mobbing im Internet, sind vor allem Jugendliche betroffen. Die Psycho-Attacken greifen sie in einer Lebensphase an, in der sie besonders verletzlich sind. 32 Prozent wurden laut einer Forsa-Umfrage bereits online gemobbt, 71 Prozent kennen ein Opfer.

Der Fall von Amanda Todd beginnt mit einem Foto: In der siebten Klasse fängt sie an, im Netz zu chatten. Als ein Chat-Bekannter sie um ein Oben-ohne-Foto bittet, mailt sie es ihm. Dieser schickt es an ihre Schule und lädt es bei Facebook hoch. Ein einziges Bild als Ausgangspunkt für eine jahrelange Leidensgeschichte – mit pausenlosen Quälereien bis hin zu gewalttätigen Angriffen von Mitschülern und sogar Freunden, in der Schule und online. „Ich kann das Foto nie zurückholen. Es wird immer irgendwo da draußen sein“, so die bittere Erkenntnis Todds. Hintergrund: Was in sozialen Netzwerken hochgeladen wird, kann von anderen über die „Teilen“-Funktion per Smartphone und PC schnell weiterverbreitet werden. Für das Opfer gibt es somit keinen Rückzugsort mehr, die Bloßstellungen sind für jeden und überall einsehbar.

Todd bekommt Panikattacken und Depressionen, die sie mit Drogen und Selbstverletzungen zu betäuben versucht. Selbst mehrfache Schulwechsel bringen nichts: Das Foto holt sie immer wieder ein. Todd trinkt Bleichmittel – und überlebt schwer verletzt. Ein zweiter Selbstmordversuch Anfang Oktober gelingt. Ihr YouTube-Video, das sie mit den Worten „Ich tue dies nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich tue es, um (. . .) zu zeigen, dass ich stark sein kann“ hochlädt, wird nach ihrem Tod zum weltweiten Symbol gegen Cyber-Mobbing.

„Ein paar Wochen lang geht das Thema durch die Medien, doch dann verschwindet es wieder aus dem allgemeinen Bewusstsein“, stellt Slawomir Siewior, Cyber-Mobbing-Experte und Referendar an einer Karlstadter Realschule, ernüchtert fest. In der Tat gab es auch vor Amanda Todd Fälle von Cyber-Mobbing mit tödlichem Ausgang, die vielen nicht mehr präsent sein dürften: 2003 brachte sich der 13-jährige Ryan Halligan aus dem US-Staat Vermont um, nachdem er jahrelang in der Schule und im Netz gequält worden war. Das erste weltweit bekannte Opfer war Megan Meier aus dem US-Staat Missouri. Sie erhängte sich 2006 kurz vor ihrem 14. Geburtstag nach Kommentaren auf ihrem MySpace-Account. In Holland löste 2012 der sogenannte „Facebook-Mord“ Entsetzen aus: Die 15-jährige Winsie aus Arnheim soll auf Facebook Gerüchte über sexuelle Eskapaden ihrer Freundin Polly verbreitet haben. Diese stiftete daraufhin mit ihrem damaligen Freund einen 14-Jährigen dazu an, Winsie zu ermorden. Am 14. Januar erstach der Junge Winsie.

„In Deutschland gibt es glücklicherweise bisher keinen tödlichen Fall von Cyber-Mobbing“, so Siewior. Schockierende Meldungen aber dennoch: Im März 2011 wurde eine 18-Jährige in Berlin von Mitschülerinnen auf der inzwischen indizierten Internetplattform Isharegossip über längere Zeit schwer beleidigt. Ihr Freund wollte helfen und organisierte ein Schlichtungsgespräch. Am Treffpunkt tauchten etwa 20 Jugendliche auf, die den 17-Jährigen krankenhausreif prügelten.

„Das Problem Mobbing an sich ist alt“, sagt Gunnar Leuner, Lehrer am Gymnasium Veitshöchheim (Lkr. Würzburg). „Die Qualität der Demütigung ist seit dem Aufkommen sozialer Netzwerke aber größer geworden.“ Diese spielen für viele eine große Rolle: Laut Allensbacher Computer- und Technikanalyse 2012 ist für jeden zweiten 14- bis 19-Jährigen das Leben ohne soziale Netzwerke nicht vorstellbar. An Schulen versucht man, dem Problem unter anderem mit Persönlichkeitsbildungsprojekten zu begegnen: „Die Kinder sollen lernen, Zivilcourage zu zeigen und Grenzen zu wahren“, so Leuner. Grenzen, die im Fall Amanda Todds mit Füßen getreten wurden.

Definitionen

Cyber-Mobbing: Beleidigen, Bedrohen oder Diffamieren einer Person (meist über einen längeren Zeitraum) mithilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet.

Cyber-Bullying: Findet ausschließlich unter Schülern oder in der Konstellation „Schüler gegen Lehrer“ statt. Sechs Unterscheidungen:

  1. Flaming: Leute beschimpfen sich im Internet.
  2. Belästigung: Wiederholtes Senden von aggressiven Nachrichten an eine Person.
  3. Gerüchte verbreiten: Bewusstes Streuen unwahrer Infos über eine Person. Häufig der Fall bei „Schüler mobbt Lehrer“. Ziel: Rufschädigung.
  4. Auftreten unter falscher Identität: Täter hat Passwort von Opfer und verbreitet in dessen Namen falsche Aussagen und Beleidigungen.
  5. Bloßstellung: Verbreiten von privaten Infos oder Sex-Bildern (z. B. am Ende einer Beziehung).
  6. Ausschließen: Bewusstes Schneiden des Opfers auf Online-Plattformen wie z. B. Facebook.
Happy Slapping: Jugendliche schlagen Opfer, filmen dies (meist per Handy) und veröffentlichen und verbreiten es anschließend im Internet.

Cyber-Grooming: Sexuelle Belästigung von unter 16-Jährigen durch Erwachsene. Ziel: Vertrauensverhältnis für sexuellen Kontakt herstellen.

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