GRAFENRHEINFELD

Schluss mit den Atom-Millionen

Energie: Ende Mai 2015 wird das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld seinen letzten Strom produzieren. Die Kommune fühlt sich für das Ende gewappnet, auch wenn sie ihren Sonderstatus als wohlhabender Kraftwerksstandort verliert.
Atomkraftwerk aus, Windräder an: Wenn der Atommeiler Grafenrheinfeld (im Bild) Ende Mai 2015 seinen Betrieb einstellt, ist das eine Zäsur für die Region Schweinfurt. Dort bereitet man sich schon jetzt darauf vor. Das Foto ist keine Montage, sondern mit einer extremen Zoomeinstellung, die Distanzen auf dem Bild schrumpfen lässt, von einer Anhöhe bei Hausen (Lkr. Würzburg) aus aufgenommen. Vorne ist eines der Windräder bei Eßleben (Lkr. Schweinfurt) zu sehen, das etwa vier Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt steht. Im Hintergrund Windräder zwischen Gädheim (Lkr. Haßberge) und Schonungen (Lkr. Schweinfurt). Foto: Anand Anders

In jedem Frühjahr das gleiche Bild: Wer in Schweinfurts Süden ein Pensions-oder Privatzimmer anmieten will, hat meistens Pech: ausgebucht. Dort wohnen stets Arbeiter und Ingenieure, die bei der alljährlichen Revision im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld (KKG) beschäftigt sind. Bis zu 1000 Menschen mehr als gewöhnlich wuseln dann auf der Anlage herum. Doch im nächsten Jahr dürfte kein Engpass mehr entstehen: Die Mieter mit KKG-Zutrittsausweis werden ausbleiben. Als Folge der Energiewende. Grafenrheinfeld wird als erster der in Deutschland noch laufenden Atommeiler abgeschaltet. Für immer.

Das wird das Leben in der Schweinfurter Region dauerhaft verändern. So wie im August 1969 ein Beschluss des Gemeinderats von Grafenrheinfeld: Damals wollte eine Mehrheit solch eine einmalige Gelegenheit für die landwirtschaftlich geprägte Gemeinde nicht verpassen. Kernkraft ist zu dieser Zeit technisch en vogue; sie soll den Strombedarf für den Industriestandort Deutschland sichern. Die Grafenrheinfelder Ratsherren plädierten daher für den Bau des Kernkraftwerks am Main, das knapp zwölf Jahre später seinen Betrieb aufnahm. Der 31. Mai 2015 wird eine neue Zäsur bilden: Vor Mitternacht wird die Anlage die letzte Kilowattstunde Strom ins Netz einspeisen. Dann ist Schluss. Aller Voraussicht nach werden in zehn bis 15 Jahren auch die meisten Gebäude des Kraftwerks von der Bildfläche verschwunden sein – samt ihren markanten und bei klarer Luft selbst von der Rhön aus zu sehenden Kühltürmen.

Der technische Werkleiter Reinhold Scheuring tut sich mit dieser Perspektive sichtlich schwer. Im Gespräch kommt er immer wieder darauf zurück, dass man doch 30 Jahre leistungsfähig und verlässlich gearbeitet habe. 600 Millionen Euro haben E.ON und seine Rechtsvorgänger in die Nachrüstung der Anlage investiert. Heute sei Grafenrheinfeld wichtig, um Netzschwankungen auszugleichen: mittlerweile an 330 Tagen im Jahr. „Die Anlage läuft hervorragend.“ Und Scheuring gibt zu, dass die politische Entscheidung für das Aus schmerzt: „Aber wir akzeptieren sie.“

„Wir müssen einen Plan machen, wie die Gemeinde 2030 aussehen soll.“
Sabine Lutz Bürgermeisterin von Grafenrheinfeld

Deswegen bereitet sich die Leitung und Belegschaft auf die Phase danach vor. Auch auf einen sofortigen Rückbau, wenngleich dieser von der E.ON-Konzernleitung noch nicht offiziell verkündet worden ist. In den nächsten Wochen und Monaten will Scheuring in Abstimmung mit dem Betriebsrat ein Profil erarbeiten, welche Qualifikationen für die sogenannte Nachbetriebsphase gebraucht werden. Denn am Tag nach dem 31. Mai 2015 kann man das Werk nicht einfach zusperren. Zum Beispiel müssen die letzten Brennelemente für etwa fünf Jahre im Abklingbecken gekühlt werden, bis sie eine Temperatur erreicht haben, um sie im Zwischenlager zu deponieren.

Zwei Drittel der derzeit 370 Mitarbeiter werden im Nachbetrieb benötigt. Scheuring will vor allem hoch qualifizierte Jobs halten. 60 Ingenieure, 110 Technikermeister und 100 Fachhandwerker gehören heute zum Stamm. Betriebsratsvorsitzender Franz-Josef Klinger hat in der Belegschaft Unsicherheit ausgemacht: „Wir brauchen möglichst schnell Klarheit, wer künftig welche Aufgaben hat“, sagt er. Denn er rechnet auch mit Umschulungsmaßnahmen, die für den Nachbetrieb nötig sind. Wie Scheuring plädiert auch Klinger für den sofortigen Rückbau: So könne man möglichst viel Personal halten und das Know-how nutzen. 180 Leute sollen weitermachen, wenn das Werk abgewickelt wird.

Von alldem nicht betroffen ist das atomare Zwischenlager: Bis 2046 läuft die Betriebsgenehmigung; doch niemand geht ernsthaft davon aus, dass bis dahin ein Endlager in Deutschland fertiggestellt ist. Berufliche Perspektiven bietet das Zwischenlager in Grafenrheinfeld aber kaum, weil es nicht personalintensiv betrieben werden muss: Abgesehen vom Wachpersonal werden sich drei bis vier Mitarbeiter um die abgestellten Castoren kümmern.

Im Amtszimmer der Grafenrheinfelder Bürgermeisterin Sabine Lutz könnte der Wandel kaum auffälliger sein: Auf der Fensterbank rotiert ein solarbetriebener Spielzeug-Hubschrauber. Die Gewerbesteuer aus dem Kraftwerk hat über Jahrzehnte die Kasse der 3500-Seelen-Gemeinde aufgebläht wie einen Hefezopf. Schon seit drei Jahren ist das aber vorbei: E.ON verrechnet die Gewinne aus Grafenrheinfeld konzernintern, erklärt Lutz. Mehr noch: Die Gemeinde muss mehrere Millionen Euro zurückzahlen. Doch Lutz ist sehr gelassen: „Es war lange klar, dass das KKG abgeschaltet wird.“ Nur die Jahreszahl eben nicht. Dennoch hat sich die Kommune vorbereitet und Rücklagen gebildet.

Die Atom-Millionen haben für eine beeindruckende Infrastruktur gesorgt: Die Gemeinde hat sich eine erstklassige Kulturhalle und eine moderne Sporthalle geleistet mit jährlichen Fixkosten von 700 000 Euro. Vereine durften sich pauschal auf einen 45-prozentigen Baukostenzuschuss freuen. Letzteres ist schon abgeschafft. „Wir sind mitten im Wandel“, sagt Lutz: „Wir sind jetzt eine ganz normale Gemeinde.“ Allerdings eine mit extrem günstigen Kindergartengebühren (95 Euro), und eine, in der die Anwohner nichts zahlen müssen, wenn die Straße vor ihrer Türe saniert wird. Auch das wird sich ändern, ist sich Lutz sicher. In kleinen Schritten will sie die Bürger an den Wandel gewöhnen: Gebühren sollen schrittweise „ohne Hammermethode“ angehoben werden. „Der Gemeinderat muss einen Zukunftsplan machen, wie die Gemeinde 2030 aussehen soll“, blickt sie nach vorn.

Sie und ihre Vorgänger haben bereits Weitblick bewiesen und sich nicht auf den E.ON-Geldstrom alleine verlassen. In langfristiger Strategie haben sie Firmen angesiedelt: vor allem aus der IT-Branche. 700 Menschen finden im Gewerbegebiet Arbeit. Auch das ist ein Grund, warum die Einwohnerzahl ansteigt. Die Infrastruktur und die Stadtbusanbindung nach Schweinfurt sind weitere Faktoren. Deswegen geht die parteilose Bürgermeisterin Lutz nicht davon aus, dass das Ende des Atommeilers die Kommune in Schieflage bringen wird.

Bislang hat die gesamte Region wirtschaftlich vom Kraftwerk profitiert. Landrat Florian Töpper (SPD) nennt dazu Zahlen: Über die Kreisumlage sind alleine aus der E.ON-Gewerbesteurer in den vergangenen 22 Jahren 45,5 Millionen Euro in der Kasse des Landkreises Schweinfurt gelandet; knapp die Hälfte hat er weitergeleitet an den Bezirk, womit aber der Landkreis immer noch eine Million Euro pro Jahr als sichere Einnahme verbuchen konnte, die ursprünglich von E.ON stammte. Die fehlt nun. Vor allem weil sich der Landkreis ein umfangreiches Schulsanierungsprogramm auferlegt hat, das es zu finanzieren gilt. „Für Alarmismus besteht aber kein Anlass“, sagt Töpper. Die Finanzpolitik soll so umgestaltet werden, dass keine der 29 Gemeinden überfordert werden soll, erklärt der Landrat.

Auch Unternehmen aus der Region müssen sich zum Teil nach neuen Auftraggebern umsehen. Nicht nur Pensionen und Hotels. E.ON gibt an, bei der vorletzten Revision 2013 einheimische Handwerker und mittelständische Firmen für sechs Millionen Euro engagiert zu haben. Wie sehr der Wegfall dieser Aufträge die regionale Wirtschaft treffen wird, ist nicht ganz klar: „Zahlen gibt es nicht“, sagt Landrat Töpper. Zudem: Derzeit sind die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe gut gefüllt. Und die Arbeitslosenquote liegt im Raum Schweinfurt mit 3,4 Prozent sehr niedrig.

E.ON selbst hat vor einigen Jahren veröffentlicht, dass die Gehälter der Beschäftigten und des saisonalen Revisionspersonals Kaufkraft im Wert von 13 Millionen Euro in den Raum Schweinfurt spülen. Zum Vergleich: Die IHK hat in einer Studie als einzelhandelsrelevante Kaufkraft für Stadt und Landkreis Schweinfurt 890 Millionen Euro ausgemacht. Wirtschaftlich betrachtet wird also das Ende des Kraftwerks zwar spürbar sein, aber die Region nicht aus der Bahn werfen.

Atomkraftwerk Grafenrheinfeld

Der heute einzige fränkische Atommeiler nimmt am 30. Dezember 1981 seinen kommerziellen Betrieb auf, speist an diesem Tag erstmals Strom ins Netz ein – 43 Monate später als ursprünglich anvisiert. Der Bau startete zu Jahresbeginn 1975. Bis zur Fertigstellung sind insgesamt 14 000 Personen am Projekt auf der größten Baustelle Süddeutschlands beteiligt. Heute arbeiten auf der Anlage 370 Menschen; wenn einmal im Jahr der Meiler für Wartungsarbeiten (Revision) abgeschaltet ist, kommen 1000 weitere Fachkräfte dazu.

Proteste haben – gemessen an den zum Teil heftigen Auseinandersetzungen an anderen AKW-Standorten – im geringen Umfang und in den allermeisten Fällen friedlich stattgefunden. Gleichwohl ist der Widerstand in und um Schweinfurt nie verstummt. In der Betriebsphase hat er sich besonders auf die Atommülltransporte konzentriert, weil das AKW keinen Gleisanschluss hat, die Castoren erst per Lkw von Grafenrheinfeld ins benachbarte Gochsheim gebracht und dort in der Nähe zu Wohnhäusern auf die Bahn verladen worden sind.

Das Zwischenlager hat die Atomtransporte vorerst überflüssig gemacht. Die Lagerhalle auf dem AKW-Gelände, die in den nächsten Jahren mit zusätzlichen Mauern gegen Anschläge geschützt werden soll, besitzt insgesamt 88 Stellplätze für Castoren, in denen jeweils 19 verbrauchte Brennelemente untergebracht werden. Der erste Castor ist 2006 eingelagert worden; heute stehen dort 21. In den nächsten fünf bis sechs Jahren werden circa 20 dazukommen, bis das Lagerbecken im Reaktorgebäude ausgeräumt ist. Die Betriebsgenehmigung des Zwischenlagers läuft bis 2046.

Die Stromproduktion hat eine schwer vorstellbare Menge erreicht: Bis heute sind in Grafenrheinfeld über 323 Milliarden Kilowattstunden erzeugt worden. Damit liegt die Anlage weltweit auf dem zweiten Platz der produktivsten Atomkraftwerke.

232 Zwischenfälle, sogenannte meldepflichtige Ereignisse, aus Grafenrheinfeld sind bis heute beim Bundesamt für Strahlenschutz registriert. Bis auf einen liegen sie alle unterhalb der siebenstufigen Gefahrenskala für nukleare Ereignisse. Betreiber E.ON verweist daher auf den stets sicheren Betrieb der Anlage und auf einen hohen technischen Standard. Für bundesweite Schlagzeilen hat 2011 ein Haarriss an einem Rohr im Primärkreislauf gesorgt und für einen Expertenstreit, ob das Bauteil nicht sofort hätte ausgetauscht werden müssen oder – wie geschehen – erst bei der regulären Revision einige Monate später.

Nach der Fukushima-Katastrophe hat die Bundesregierung 2011 den Atomausstieg verkündet. Acht AKW haben sofort ihre Betriebserlaubnis verloren; seitdem laufen nur noch neun Werke weiter. Grafenrheinfeld ist das erste aus dieser Gruppe, das am Jahresende 2015 abgeschaltet werden soll. Betreiber E.ON hat angekündigt, aus wirtschaftlichen Gründen das Ende auf Mai 2015 vorzuziehen, weswegen die letzte umfangreiche Revision der Kraftwerksgeschichte vor wenigen Wochen abgeschlossen worden ist. Als letzte deutschen Kernkraftwerke sollen 2022 die Meiler Isar II, Neckarwestheim II und Emsland vom Netz genommen werden. Text: mjs

Rückblick

  1. So läuft der Abbau des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld
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  3. Monumente der Atomenergie
  4. KKW Grafenrheinfeld: Kritik an Abgabewerten der radioaktiven Belastung von Abwässern
  5. Rückbau im AKW Grafenrheinfeld: Die letzten Brennelemente
  6. Zwischenlager in Grafenrheinfeld: Betreiber will offen sein
  7. Brandschutz im AKW Grafenrheinfeld: Ehrenamtliche gefordert
  8. AKW: Kritik am Abbau der Werksfeuerwehr
  9. KKG Grafenrheinfeld: Zwischenlager ist jetzt in Bundeshand
  10. Aus für AKW-Andachten
  11. Knoblach will Werksfeuerwehr erhalten
  12. Jahresrückblick: Rückbau des AKW hat begonnen
  13. Schleierhaftes Plädoyer für die Atomkraft
  14. Mauerbau am Zwischenlager in Grafenrheinfeld
  15. Preussen-Elektra wirbt um Vertrauen
  16. Klage soll AKW-Rückbau sicherer machen
  17. Bund Naturschutz klagt gegen AKW-Abriss
  18. Energiesparen im AKW Grafenrheinfeld
  19. KKG-Rückbau: Die Kühltürme fallen erst nach 2033
  20. Rückbau im KKG: Was dieses Jahr konkret geplant ist
  21. BN klagt gegen Rückbau-Genehmigung für das KKG
  22. AKW-Rückbau: Kritiker warnen vor Niedrigstrahlung
  23. AKW-Rückbau: Kritiker sorgen sich um strahlenden Bauschutt
  24. Im AKW beginnt der Rückbau
  25. Unbehagen nach Abrissplänen für AKW–Türme
  26. Der Fall der Kühltürme weckt wenig Emotionen
  27. Werden Kühltürme schon 2019 gesprengt?
  28. Informieren statt Ignorieren
  29. Atomrisiko: Zwischenlager laut BUND vor Terrorangriffen nicht geschützt
  30. Rückblick 2017: AKW - Transparenz beim Rückbau
  31. Infotag zum Rückbau des KKW Grafenrheinfeld
  32. Atomkraftgegner: „Erlebnistag im Kindergarten“
  33. Erfahrungen der „Atomstadt“ Philippsburg mit dem Ausstieg
  34. Wie man ein AKW abbaut
  35. Grafenrheinfeld sagt nein zu „Beha“
  36. Opfern der Atomnutzung gedacht
  37. Scheuring nimmt Abschied vom Atomkraftwerk
  38. Scheuring nimmt Abschied vom Atomkraftwerk
  39. Atomkraftwerk: 2035 alles weg?
  40. Atomkraftwerk: Reinhold Scheuring gibt Leitung ab
  41. Atomkraftwerk Grafenrheinfeld nach Alarm geräumt
  42. Firma KL: Für und Wider des Atomausstiegs
  43. BA-BI will Klage unterstützen
  44. Atomkraftwerk: 330.000 Tonnen Material werden bewegt
  45. Atomkraftwerk-Rückbau: Betreiber sucht Gespräch
  46. Jahresrückblick: Massiver Streit um AKW-Rückbau
  47. Atommüll ist eine Generationenfrage
  48. Atommüll mitten in der Wüste von New Mexico
  49. Atommüll mitten in der Wüste von New Mexico
  50. Atomares Zwischenlager für 100 Jahre?

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