WÜRZBURG

Scientology-
Unterorganisation demonstriert gegen ADHS-Kongress

Schwarze Luftballons, Totenkopfmasken und das Skandieren vom Bahnhof quer durch die Innenstadt zum Congress Centrum: "Psychiatrie, Scharlatanerie, Psychiatrie, Killerindustrie". Rund 100 Demonstranten protestierten am Montagmittag in Würzburg gegen den ersten internationalen Kongress zu Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität (ADHS).

Demo gegen Psychiatrie
Demo gegen Psychiatrie Foto: Natter
Was hinter dem Protestzug der Psychiatrie-Gegner steckte, war im Kleingedruckten auf den Flugblättern zu lesen: Scientology.

Der Verein "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM) hatte Aktivisten aus Ungarn, Frankreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern zusammen getrommelt, um vor dem Congress Centrum, dem Ort der Wissenschaftlertagung, aufzumarschieren. Während drinnen über 1000 Psychiater, Psychotherapeuten, Ärzte und Forscher über Grundlagen und neue Erkenntnisse zum "Zappelphilipp-Syndrom" diskutierten, versammelten sich draußen Ritalin-Gegner zur Kundgebung: "ADHS ist eine erfundene Diagnose, der jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt", so Bundesvorstand Bernd Trepping.

Kinder würden damit als psychisch Kranke abgestempelt und mit Psychopharmaka vollgestopft. Dass bei dem Kongress ADHS als lebenslange Krankheit neu definiert werden soll, hält Trepping für einen Skandal: "Das ist eine Hokuspokus-Diagnose, bezahlt von der Pharmaindustrie". Auf Flugblättern und in Broschüren wehrt sich die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" gegen "Massenstigmatisierung von Kindern", gegen "Dealer in Weiß" und "Pillen statt Pausenbrot".

Über Ritalin und das Ausmaß seiner Anwendung könne man sicherlich streiten, sagt Michael Fragner, der Sektenbeauftragte im evangelischen Dekanatsbezirk Würzburg. Der KVPM aber arbeite seiner Meinung nach gezielt "mit Desinformation und Verunsicherung der Patienten". Deutlich werde das beim Blick ins Internet und auf die von dem Verein empfohlenen Seiten: "Die Inhalte sind Ideologie-bestimmt und nicht seriös, das ist in meinen Augen keine differenzierte Wahrnehmung mehr."

Der Hintergrund sei klar, sagt Alfred Singer, der Referent für Weltanschauungs-, Religions- und Sektenfragen der Diözese Würzburg: "Bei der KVPM sind wir mitten in der Scientology-Szene drin". Anfang der 70er Jahre wurde der Verein als eine der vielen Unter- und Tarnorganisationen der Scientology-Organisation gegründet. Deren Gründer L. Ron Hubbard sah seine Theorien zur "modernen Wissenschaft der geistigen Gesundheit" als Konkurrenz zur Psychiatrie, die er als "Quelle allen Übels in der Welt" bezeichnete. Entsprechend hat sich die KVPM zum Ziel gesetzt, Missbräuche und Menschenrechtsverletzungen der Psychiatrie aufzudecken.

"Die Ablehnung der Psychiatrie, das Wüten gegen Ritalin _ das wird alles mit Schauergeschichten unterfüttert", sagt Singer. Wer sich vom aggressiven Ton leicht beeinflussen lasse, könne so schnell in den Sog von Scientology geraten: Für gefährlich hält Singer vor allem die Unterlassungserklärungen, die die KVPM anbietet. Wenn man ein solches "Psychiatrisches Testament zum Schutz vor der Willkür der Psychiatrie" unterschreibe, gerate man letztlich in die Hand von Scientology.

Im jüngsten Bericht des Bayerischen Verfassungsschutzes ist detailliert dargelegt, dass das "öffentlichkeitswirksame Aushängeschild zur Bekämpfung der Psychiatrie" dem "Office of Special Affairs" (OSA) von Scientology zugeordnet ist. Gerade in den vergangenen Monaten habe Scientology in Deutschland wieder verstärkt Aktionen entfaltet, sagt Alfred Singer. Und der ADHS-Kongress in Würzburg, so Michael Fragner, sei für die Psychiatrie-Gegner natürlich "ein willkommener Angriffspunkt".

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