WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Sehnsucht nach Trauschein und Kindern

Die Familienserie beginnt: Wie definiert sich Familie im Jahr 2030? Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski hat Antworten und sagt unter anderem voraus, dass Großeltern in der künftigen Generationenfamilie wieder aufleben werden.
Horst W.Opaschowski

Die junge Generation hat Lust auf Zukunft, der Wunsch nach Familie wächst. So jedenfalls sieht das der international bekannte Zukunftsforscher und Berater für Politik und Wirtschaft, Professor Horst W. Opaschowski. Der 74-Jährige hat sich im In- und Ausland einen Namen als „Mr. Zukunft“ gemacht und gilt als Vordenker und leidenschaftlicher Anwalt für eine neue Generationengerechtigkeit. Weil seine Forschungen laut internationaler Presse „vorausschauend, objektiv und glaubwürdig“ sind und er auch unbequeme Wahrheiten zutage fördert, ist er ein gefragter Ansprechpartner. 2010 bekam er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Horst W. Opaschowski hat Familie: Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder.

Frage: Für drei Viertel der Deutschen ist nach einer Befragung des Ipsos-Instituts die Ehe mit Trauschein und Kindern aktuell die erstrebenswerteste Lebensform – warum sind wir darüber so erstaunt?

Horst W. Opaschowski: Wir sind ein Opfer von Mainstream und Political Correctness geworden. Beide haben uns glauben gemacht, dass alle Lebensformen gleich und gleichwertig seien und man das klassische Familienleben nicht mehr nötig habe. Durch den Klick im Netz könne man viel schneller Freunde gewinnen, die nicht binden. Doch diese neue Unverbindlichkeit hat die Menschen nicht glücklicher gemacht. Die vielen Freunde sind oft nichts anderes als Links und digitale Wolken. Am Ende sehnen sich die Menschen wieder nach der Verbindlichkeit einer festen Beziehung – am besten mit Trauschein und Kindern.

Wird diese Sehnsucht nach Geborgenheit im Kreis der Familie Bestand haben?

Opaschowski: Es ist empirisch und repräsentativ nachweisbar: Die Suche nach Sinn, Halt und Heimat wächst, wozu auch die soziale Geborgenheit gehört. Was früher die Gottesgläubigen waren, sind heute die Sinnsucher im Nahmilieu geworden. Feststellbar durch mehr Familiensinn, mehr Gemeinsinn und mehr Bürgersinn.

Gerade ist Ihr Standardwerk der Zukunftsforschung „Deutschland 2030 – Wie wir in Zukunft leben“ aktualisiert worden. Wie wird das Familienleben denn im Jahr 2030 aussehen?

Opaschowski: Nähe durch Distanz heißt die Zauberformel für ein gelingendes Familienleben der Zukunft. Die berufliche Mobilität setzt der familiären Nähe enge Grenzen. Aus dem früheren Zusammenleben unter einem Dach wird künftig ein beziehungsreiches Aufeinander-Angewiesensein und Füreinander-Da-Sein trotz räumlicher Distanz. Im Zeitalter von Handy und Skype sind Familienkontakte kein Problem mehr. Familie ist da, wo Generationen füreinander sorgen und Verantwortung tragen.

Wäre die Ipsos-Befragung anders ausgegangen, wenn Europa wirtschaftlich krisenfrei wäre?

Opaschowski: Der gemeinsam mit dem Ipsos-Institut entwickelte Nationale Wohlstandsindex für Deutschland weist nach: Es wächst eine „Generation Krise“ heran, für die Krise zur Normalität geworden ist. Sie kennt nichts anderes als Krisen: Eurokrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Umweltkrise, Bildungskrise. Krisenresistenz macht sich breit in dauerhaft unsicheren Zeiten. Wohlstand wird immer mehr zu einer Frage persönlichen und sozialen Wohlergehens. Nach unserem Index ist der größte Wohlstand für die Deutschen, dass sie gut und sorgenfrei leben können – vom sicheren Arbeitsplatz über das sichere Einkommen bis zur sicheren Rente.

Wächst also der Wunsch nach Familie und Geborgenheit proportional zu unseren Sorgen?

Opaschowski: Das kann man wohl sagen. Die Familie wird existenziell immer wichtiger. Sie gibt das Gefühl, nicht allein dazustehen. Viel bedeutsamer als materielle Unterstützung, Krankenpflege und andere familiäre Leistungen in Notsituationen ist der Rückhalt der Familie als verlässliche Begleiterin des Lebens, die fördert und fordert. Die Familie sorgt zum Beispiel dafür, dass Achtzigjährige nicht nur gepflegt, sondern auch gebraucht, um Rat gefragt und bei wichtigen Entscheidungen beteiligt werden. Das wirkt stabilisierend und vermittelt soziale Geborgenheit. Und das heißt zu Hause sein im Vertrauten.

Wenn man sich im persönlichen Umfeld umschaut, ist es eine gefühlte Mehrheit, die geschieden, getrennt, alleinerziehend lebt. Haben wir die Scheidung salonfähig gemacht? Ist die Ehe ein Auslaufmodell?

Opaschowski: Die gefühlte Mehrheit ist keine reale Mehrheit. Nur knapp ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland lebt allein, ist ledig, verwitwet oder geschieden. Zwei Drittel aber leben in Partnerschaft – mit oder ohne Trauschein.

Welche Rolle spielen die Großeltern heute – welche werden sie 2030 spielen?

Opaschowski: Eine Renaissance und Bedeutungsaufwertung der Großelternrolle steht unmittelbar bevor. Anders als heute und gestern leben Großeltern morgen in der Generationenfamilie wieder auf. Mehr als bisher werden die Großeltern in Zukunft dafür sorgen, dass die Familie zusammenhält und zusammenbleibt. Großeltern helfen sozial und auch materiell. Nachweislich fließen in großem Umfang Ströme an Geld, Sachmitteln und persönlichen Hilfen wie zum Beispiel Enkelbetreuung von den Großeltern zu den Eltern und Kindern. Großeltern leisten dabei keinen Konsumverzicht, sondern finden darin einen Großteil ihrer persönlichen Erfüllung. Im Übrigen zeigt die Erfahrung: Großeltern, die sich um Kinder kümmern, verlängern ihre Lebenszeit.

Muss Familienpolitik anders gestaltet werden, um jungen Leuten Mut zu machen?

Opaschowski: Das Vorleben von Eltern und Großeltern erweist sich als das beste Leitbild für die nächste Generation. Eine Familie zu haben kostet zwar Zeit und Geld. Aber die Familie bietet eine Lebensbereicherung, die unbezahlbar ist. Auch ein Grund dafür, warum ich die Familien die neuen Reichen nenne. Sie sind sicher und wertbeständig. Vor dem Hintergrund der Diskussion um Mindestrente und Altersarmut sollten Politik und Gesellschaft deutlicher machen, dass familiäre Bindungen so wertvoll wie Geldanlagen und so sicher wie Lebensversicherungen sind. Sie halten das, was sie versprechen. Oder ökonomisch formuliert: Sie tragen zur Gewinnmaximierung des Lebens bei.

Müssen wir aus demografischer Sicht Angst vor einem Leben 2030 haben?

Opaschowski: Familienpolitik ist Zukunftspolitik. Familien mit Kindern sind die Grundbausteine der Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Kinder und Familie hat keine Zukunft. Der Wert von Familie muss neu bestimmt werden, der Wert von Kindern auch. Vor allem brauchen wir mehr familienfreundliche Leitbilder, insbesondere in der Arbeitswelt. Das Leben im Jahr 2030 macht neugierig und nicht Angst. Die Menschen werden nicht in der besten aller Welten leben, wohl aber das Beste aus ihrem Leben machen wollen. In der persönlichen Einstellung dominiert der Optimismus der jungen Generation. Sie hat Lust auf Zukunft und will von No-Future-Zeiten nichts wissen.

Was ist eine Familie?

Der moderne Familienbegriff umfasst viele Lebensformen. Ab wann ist man denn eine Familie? Ab der Hochzeit? Ab dem ersten Kind? Sind Alleinerziehende mit Kind eine Familie? Um dem Wandel in der Gesellschaft gerecht zu werden, hat das Statistische Bundesamt seinen Familienbegriff im Jahr 2005 geändert. Als Familien bezeichnet man seither alle Eltern-Kind-Gemeinschaften. Dazu gehören Ehepaare, nicht-eheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften oder alleinerziehende Mütter und Väter, die alle mit ledigen Kindern in einem Haushalt zusammenleben. Keinen Unterschied in dieser sogenannten Kernfamilie macht es, ob es sich dabei um leibliche Kinder, Stief-, Pflege- oder Adoptivkinder von beiden oder von einem Elternteil handelt. Gehört einem Haushalt nur ein Elternteil an, so spricht man von einer Ein-Eltern-Familie. Die Kernfamilie ist also eine Zwei-Generationen-Familie, die nur aus der Eltern- und Kindergeneration besteht. Werden noch Großeltern oder Urgroßeltern miteinbezogen, spricht man von einer Drei- oder Vier-Generationen-Familie.

Rückblick

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  • Melanie Jäger
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