STAMMHEIM

Stammheim stemmt sich gegen rechts

Protest: Der Einzug der Extremisten von „Die Rechte“ bringt ein ganzes Dorf auf die Beine. Bei einer Pfingstandacht protestieren über 1000 Menschen. Als die Nazis am Abend durch die Straßen ziehen, bleiben die meisten Rollos unten.
Kehraus zu später Stunde: Am Ende des Neonazi-Umzugs reinigen die Stammheimer ihre Dorfstraßen. Foto: Martina Müller

Der Einzug der Extremisten von "Die Rechte" bringt ein ganzes Dorf auf die Beine. Bei einer Pfingstandacht protestieren über 1000 Menschen. Als die Nazis am Abend durch die Straßen ziehen, bleiben die meisten Rollos unten.

Zum Ende haben die Stammheimer noch eine gute Idee. Als sich der Demonstrationszug der Rechtsextremisten kurz vor 22 Uhr wieder in Richtung Dorfmitte bewegt, stürmen plötzlich aus einer Einfahrt gut zwei Dutzend Bewohner, ausgestattet mit Besen, auf die Straße und kehren was das Zeug hält den Neonazis hinterher. „Wir machen unser Dorf wieder sauber“, lautete das Motto der Aktion zum Abschluss des Tages.

So schnell werden die 850 Einwohner des Winzerdorfs an der Mainschleife die Aktivisten der Partei „Die Rechte“ gleichwohl nicht los werden. In einem ehemaligen Gasthof, mitten im Zentrum, haben sie zu Pfingsten unter massiver Polizeibewachung ihre Landeszentrale eröffnet und einen Parteitag abgehalten. 70 Männer und einige wenige Frauen waren laut Erkenntnissen der Beamten dabei, darunter deutschlandweit bekannte „Rechte“ wie der Bundesvorsitzende Christian Worch, den das Internet-Lexikon Wikipedia einen der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Szene nennt, aber auch Extremisten aus der Region, die man unter anderem als Mitstreiter von Wügida oder als Anmelder der rechten März-Demo in Würzburg kennt.

In Sichtweite der Parteizentrale sind trotz optimalen Ausflugswetters am Nachmittag weit über 1000 Menschen zusammengekommen, um bei einer ökumenischen Andacht für Toleranz und Weltoffenheit zu werben. Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung dürften in der Gesellschaft keinen Platz haben, sind sich die Redner einig. Andreas Engert auf katholischer und Georg Salzbrenner auf evangelischer Seite zelebrieren den knapp zweistündigen Gottesdienst unter freiem Himmel, für festliche Töne sorgen Posaunenbläser aus der Region. Besonders eindrucksvoll die Szenerie, als Jugendliche aus Stammheim ihre Fürbitten der Nächstenliebe an bunte Luftballons heften und diese dann gen Himmel steigen lassen.

Die zahlreich erschienenen Politiker aus der Region spielen an diesem Nachmittag lediglich eine Nebenrolle. So haben es sich Bürgermeister Horst Herbert und die Initiative „Stammheim ist bunt“ gewünscht. Lieber haben sie anlässlich des 66. Jahrestags der Verabschiedung des Grundgesetzes im Dorf noch einen „Lehrpfad für Rechte“ aufgebaut, der vor allem die Menschenwürde im Blick hat. An anderer Stelle malen Kinder das bunte Stammheim mit Pinsel und Farben, an vielen Häusern hängen schon seit Tagen Banner mit der Botschaft „Stammheim ist bunt“, die T-Shirts mit dem Schriftzug verkaufen sich ebenfalls gut. „Wir haben schon mehrfach nachbestellt“, so der Verkäufer.

Den Rechten gefällt das nicht. Kaum hat die Andacht begonnen, drehen sie ihre Lautsprecher auf, so dass Parolen und Musik Richtung Dorfplatz dröhnen. Eine Provokation, die die drei Dutzend jungen Antifa-Aktivisten und ihre Unterstützer aus linken und Gewerkschaftskreisen aus Schweinfurt und Würzburg auf den Plan ruft. Sie pfeifen und skandieren „Nazis raus“. Nun sieht sich die Polizei gefordert, sie will Störungen des nahen Gottesdienstes verhindern. Als die Beamten Platzverweise gegen die Demonstranten androhen, machen Vorwürfe die Runde, die Ordnungshüter stünden auf der falschen Seite. Nach einem kurzen verbalen Scharmützel beruhigt sich die Lage wieder. Zumal die Polizei auch den Rechten klar macht, sie hätten ihre Störungen zu unterlassen. „Zu Straftaten ist es nicht gekommen“, heißt es später.

Ausdrücklich dankt den Beamten ihr Dienstherr, Bayerns Innenstaatssekretär Gerhard Eck (CSU), für ihr „besonnenes Auftreten“. Die Idee, mit einem Gottesdienst gegen die Extremisten zu protestieren, findet Eck auf Nachfrage „großartig“. Die „Rechte“ sollte man nicht weiter beachten. Auch Vertreter der anderen Parteien stehen hinter der Entscheidung der Dorfgemeinschaft, an diesem Tag auf eine politische Demonstration zu verzichten. Auf Dauer könne dies aber nicht die einzige Protestform bleiben, sind sich im Gespräch mit der Redaktion die Landtagsabgeordneten Günther Felbinger (FW) und Kathi Petersen (SPD) einig.

Petersens Parteifreund Markus Rinderspacher plädiert derweil schon mal per Presseerklärung aus München für ein Verbot der Partei „Die Rechte“. Grünen-Landeschef Eike Hallitzky, der eigens nach Stammheim gekommen ist, sieht die Staatsregierung gefordert, mehr gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen in Bayern zu tun. So werde die Zivilgesellschaft unterstützt. Frank Firsching, DGB-Regionalchef und Linken-Politiker, warnt via Facebook davor, unterschiedliche Formen des Widerstands gegen rechts gegeneinander auszuspielen. Andacht und Antifa-Pfiffe hätten beide ihre Berechtigung.

Bürgermeister Herbert schickt seine Stammheimer nach dem Gottesdienst zum Feiern. Am Sportplatz findet das traditionelle Fußballturnier mit Mannschaften aus allen sieben deutschen und schweizerischen Stammheims statt. Dort sollen sich die Menschen aufhalten und den Rechten beim angekündigten „Marsch des nationalen Widerstands“ die kalte Schulter zeigen.

Ganz klappt das nicht. Zwei Stunden später, mittlerweile ist es 20 Uhr, starten die Rechten ihren Umzug. Zum einen haben die 40 Antifa-Leute und ihre Unterstützer durchgehalten, um sich zumindest symbolisch den Nazis noch einmal kurz in den Weg zu stellen. Schnell lösen Polizisten die Blockade auf. Zum zweiten sind einzelne Stammheimer doch geblieben – „aus Neugierde“ wie sie offen bekennen. Ihre Meinungen gehen durchaus auseinander. Während zwei ältere Herren behaupten, „ohne linke Gegendemonstrationen“ hätte man sich den ganzen Sicherheitsaufwand sparen können, sind die Jugendlichen eine Straßenecke weiter froh, dass es diese Form des Widerstands gibt. „Gegen die Rechten müssen wir uns wehren, nicht gegen die Linken.“

Über weite Strecken präsentiert sich Stammheim tatsächlich als Geisterdorf. An jedem zweitem Haus sind die Rollos herunter gelassen, die Bewohner lassen sich nicht blicken. Begleitet von rund hundert Polizisten ziehen 60 Neonazis durch den Altort und ein Neubaugebiet, einige in einschlägig rechten Markenklamotten, viele mit Parteifahnen. Durch ein Megafon hetzen sie gegen die Demokratie, gegen Merkel, gegen Ausländer, gegen den Euro, gegen die Nato, gegen die USA und – immer wieder – gegen Israel. Ob auch verbotene Parolen darunter sind, will die Polizei im Nachhinein noch einmal genau untersuchen. „Auf den ersten Blick nicht“, so eine Sprecherin.

Als die Rechten am Ende auch noch „Stammheim ist braun“ skandieren, wird es einigen Einheimischen zu bunt. Sie stürmen mit den Besen hervor. Stammheim muss schließlich bunt bleiben.

Unter Polizeischutz: 60 „Rechte“ ziehen durch Stammheim. Foto: Josef Lamber

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