WÜRZBURG

Streit um Nitrat im Main

Rund 70 Prozent der Stickstoffbelastungen in Flüssen kommen aus der Landwirtschaft.
Rund 70 Prozent der Stickstoffbelastungen in Flüssen kommen aus der Landwirtschaft. Foto: DPA

Im Main ist viel Nitrat. Zu viel, sagen Umweltschützer vom „Verein zum Schutz des Rheins und seiner Nebengewässer (VSR-Gewässerschutz e.V.)“ nach umfangreichen Messungen. Sie sehen „dringenden Handlungsbedarf“. Der Main unterschreitet die Nitratvorgaben um mehr als 50 Prozent, antwortet der Gewässerbiologe der Regierung von Unterfranken, der den Autoren der Nitrat-Hiobsbotschaft bei der Bewertung der Messergebnisse einen „massiven Fehler“ ankreidet. Was die Sache noch spannender macht: Binnen weniger Tage machte die Pressemitteilung von VSR-Gewässerschutz in Presse und Funk die Runde, ohne dass die Überbringer der Botschaft deren Inhalt hinterfragten.

„Zu viel Nitrat im Main“, „Viel zu hohe Nitratwerte“: So und ähnlich waren die Nachrichten betitelt, die im Mai über verschiedene Kanäle auf die Menschen in der Region einsickerten. Die Meldungen basierten auf eine VSR-Pressemitteilung, die wiederum auf einer Fahrt des Laborschiffs „Reinwasser“ vom Zusammenfluss des Roten und des Weißen Mains bis zur Mündung des Mains in den Rhein beruhten.

Diplom-Physiker Harald Gülzow hatte die Wasserproben genommen. Die Analysen ergaben Nitratwerte zwischen 13,7 und 25,4 Milligramm Nitrat pro Liter. Der höchste Wert stammt vom Main bei Miltenberg und ist nach VSR-Angaben auf die hohe Belastung des Wassers der Tauber mit Nitrat zurückzuführen (34,9 mg/l). VSR-Vorsitzende Susanne Bareiß-Gülzow fasst die Ergebnisse der Messfahrt zusammen: Nach den Vorgaben der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) dürfe das Mainwasser höchstens elf Milligramm Nitrat pro Liter erreichen. Dieser Wert werde auf dem gesamten Main stark überschritten, am Untermain müsse der Zustand des Flusses als „stark verschmutzt“ klassifiziert werden.

Die Messwerte sind korrekt, ihre Interpretation nicht, erklärt Wolf-Dieter Schmidt, Gewässerbiologe bei der Regierung von Unterfranken. Der Richtwert von elf Milligramm beziehe sich nicht auf Nitrat, sondern auf Nitrat-Stickstoff und entspreche 50 Milligramm Nitrat pro Liter. Schmidts Fazit: Der Main unterschreitet diese Vorgaben um mehr als 50 Prozent. Zudem seien die zitierten Richtlinien und die Schlüsse daraus überholt. „Man weiß heute, dass Nitrat für die Bewertung des guten Zustands (eines Flusses) nicht mehr relevant ist.“ Seit vielen Jahren lobt die Behörde in Pressemitteilungen die „sichtbar bessere“ Wasserqualität im Fluss und behauptet: Alles klar im Main!

Alles klar? Mitnichten, zieht man Veröffentlichungen des Umweltbundesamts (UBA) zur Stickstoff- beziehungsweise Nitratbelastung deutscher Flüsse zu Rate. Das Amt kritisiert sehr deutlich, dass nach wie vor zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft in die Flüsse gelange – und vorher ins Grundwasser, also auch in unser Trinkwasser. Rund 70 Prozent der Stickstoffbelastungen in Flüssen kommen demnach aus der Landwirtschaft, die Fracht deutscher Flüsse summiert sich auf rund 565 000 Tonnen pro Jahr (Angaben 2002 bis 2005). Laut Umweltbundesamt sind das „circa 22 Prozent der Menge (Stickstoffdünger), die in Deutschland auf die Ackerfläche aufgebracht wird“.

Gülle und Mineraldünger werden „in so großen Mengen auf den Feldern ausgebracht, dass sie von den Pflanzen nur zum Teil genutzt werden“, verdeutlicht das Umweltbundesamt. Die Wirkung der Düngeverordnung von 1996 wird bei der Behörde in Dessau (Sachsen-Anhalt) als „sehr gering“ beurteilt. Was nur so interpretiert werden kann, dass viele Bauern dem Grundsatz treu bleiben: Viel düngen hilft viel.

Da bleibt also noch viel zu tun, um den „Zielwert“ für die Nitratbelastung in deutschen Flüssen öfter zu erreichen als in gerade mal 17 Prozent der Fälle. Dieser Wert des UBA liegt für Nitrat weder bei 50 noch bei elf Milligramm pro Liter, sondern gerade mal bei 2,5 Milligramm. Gewässerreinhaltungsmaßnahmen müssten zukünftig im Bereich der Landwirtschaft erfolgen. Das klingt ambitionierter als das, was dieser Tage aus der Regierung von Unterfranken verlautbart: „Am Main besteht bezüglich des Nitrates realistisch gesehen wirklich kein Handlungsbedarf.“

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