TAUBERZELL

Stuart Pigott macht Wein im „Hasennestle“

Unter denen, die über Wein schreiben, ist Stuart Pigott der Paradiesvogel. Der Engländer liebt auffällig bunte Hosen, und auch als Autor fällt er aus dem üblichen Rahmen. Der deutsche Wein hat es Stuart Pigott angetan. In seinem Buch „Wein spricht deutsch“ schwärmt er von Traditionsbewusstsein und atemberaubendem Wandel und einem nie da gewesenen Geschmacksreichtum. In Franken ist der 48-Jährige gerne gesehen, wie er umgekehrt den Aufschwung der Frankenweine zu würdigen weiß. Franken hat sich Pigott auch für seinen ersten eigenen Wein ausgesucht.
Der Weinautor Stuart Pigott (vorne mit Kappe) in „seinem“ Weinberg bei Tauberzell, flankiert von fränkischen Jungwinzern. Foto: FOTO Herbert Kriener

Angetan ist Pigott von der Dynamik, die die Winzer in den Mainlanden in den letzten Jahren gezeigt hätten. Im Weinführer Gault Millau schneide keine anderes deutsches Weinbaugebiet bezogen auf die Fläche so gut ab. Nun ist Pigott selbst fränkischer Winzer geworden. Der Ort seines Experimentes liegt am südlichen Rand des fränkischen Weinbaugebietes, in Tauberzell zwischen Creglingen und Rothenburg. Tief eingebettet ins Taubertal wird der romantische Ort von der steilen Weinlage „Hasennestle“ überragt. Hier hat sich Pigott „seinen“ Weinberg ausgeguckt.

Dort kam es jetzt zu einem bemerkenswerten Treffen: Pigott verkostet mit fränkischen Jungwinzern mitten im Weinberg deren Silvaner-Kreationen. Unter ihnen Christian Stahl aus dem benachbarten Auernhofen, einer der Shootingstars des jungen Franken. Auf ihn war Pigott vor fünf Jahren durch einen Hinweis des Oenologen Hermann Mengler aufmerksam geworden. Er schätzt den Jungwinzer wegen seiner Leidenschaft und Entschlossenheit. So hat Pigott mit ihm vereinbart, zehn seiner Rebzeilen im Steilhang mit bis zu 68 Prozent Neigung für ein Jahr zu bearbeiten. Seit Anfang des Jahres fährt der Weinkritiker jede Woche von seinem Wohnsitz in Berlin für zwei, drei Tage an die Tauber. „Die Fahrt ist hammerhart und die Arbeit schwer, aber es macht einen Heidenspaß“, sagt er. Den letzten Rebschnitt im Hasennestle habe er bei zwanzig Zentimeter Neuschnee gemacht, erzählt er, und wie sich im Regen seine Handschuhe aufgelöst hätten. In den vergangenen Wochen hat er die Ruten zu Flachbogen niedergebunden, die Triebe auf Qualität hin ausgebrochen, mit dem Sitzpflug im Seilzug den Boden bearbeitet. Herbizide kommen für ihn nicht in Frage. Wie in alten Zeiten wird mit der Hacke gearbeitet. Die Praxis hat sein Bild vom Weinbau verändert: „Es ist viel härter, als ich gedacht habe, aber ich habe auch wunderbare Stunden erlebt“, sagt er.

Sein Fachwissen möbelt Pigott derzeit als Gasthörer an der Forschungsanstalt für Weinbau in Geisenheim auf. Als berühmter Weinautor hat er sein Ziel hochgesteckt. Sein Müller-Thurgau soll einer der Spitzenklasse werden. Er will die Trauben lange hängen lassen und selektiv nach Vollreife lesen. Auch die Arbeiten im Stahl'schen Weinkeller will er selbst in die Hand nehmen. Zu kaufen wird der Pigott-Wein nicht sein. Er soll einmal eingesetzt werden für seine Aids-Stiftung „Wein hilft“.

„Austauschbares wird

ausgetauscht“

Weinautor Stuart Pigott

An diesem sonnigen Tag steht erst einmal der Silvaner der Jungwinzer im Mittelpunkt. Pigott ist begeistert von der großen Bandbreite: Matthias Stumpf vom Weingut Bickel-Stumpf (Frickenhausen) etwa hat einen aus der Reihe fallenden, schlanken Silvaner Kabinett vom Thüngersheimer Buntsandstein mitgebracht, Sandra Sauer (Escherndorf) eine spontan vergorene Spätlese vom Muschelkalk des Escherndorfer Lump, Paul Weltner (Rödelsee) einen stark mineralischen Silvaner Alte Reben vom Keuper-Boden der Lage Rödelseer Schwanleite am Schwanberg.

Die Runde diskutiert über unterschiedliche Hefen, Behandlungsstoffe, Maischestandzeiten mit Trockeneis, über kühle Gärung und Aromen. Stuart Pigott plädiert dafür, die Vielfalt zu pflegen: „Austauschbares wird vom Verbraucher ausgetauscht durch Billigeres“, so sein Credo.

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