WÜRZBURG

Suizid im Asyl: Attest reichte nicht für Auszug

Suizid in Würzburger GU
Mitbewohner der Würzburger GU trauern um Mohammad Rahsepar - und klagen an. Foto: Jungbauer

Eine Woche nach dem Suizid des iranischen Asylbewerbers Mohammad Rahsepar in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg wird die Tragik des Falles immer deutlicher. Recherchen unserer Zeitung haben neue Details erbracht, warum der 29-Jährige trotz psychischer Probleme nicht zu seiner Schwester nach Köln umziehen durfte. Unverständnis darüber hatte im Interview mit unserer Zeitung auch Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann geäußert.

Zwar hatte bereits ein Arzt in der Zirndorfer Erstaufnahme-Einrichtung dem Iraner im Juli 2011 – aufgrund seiner Leidensgeschichte – gesundheitliche und psychische Belastungen bescheinigt. Ein Transfer zur Schwester sei aus ärztlicher Sicht „dringend angeraten“. Doch dieses Attest reichte, wie nun die Bezirksregierung in Arnsberg (Nordrhein-Westfalen) bestätigt, für eine Verlegung nicht aus. „Es war kein Beleg vorhanden für ein akutes psychiatrisches Krankheitsbild und eine entsprechende Gefährdung“, sagte auf Anfrage Regierungssprecher Christoph Söbbeler. Außer gravierenden gesundheitlichen Gründen sei eine sogenannte Umverteilung von Asylbewerbern nur für die Zusammenführung von Eheleuten oder zwischen Eltern und Kindern möglich – nicht aber unter Geschwistern.

Verlegung ärztlich angeraten

Mit dem neuen psychiatrischen Attest der Würzburger Uniklinik – Mohammad Rahsepar war dort im Dezember stationär behandelt worden – hätte er offenbar gute Chancen für einen Wechsel und den Auszug aus der Würzburger Ex-Kaserne gehabt. In der Bescheinigung der Uniklinik ist von Suizidgedanken die Rede, eine Verlegung wird auch hier ärztlich angeraten. Nur: Rahsepar hätte dafür einen neuerlichen Antrag auf Umverteilung stellen müssen. Diese wichtige Information aber blieb im Januar – dies belegen Recherchen des evangelischen Pressedienstes – im Behördengeflecht zwischen Arnsberg, Zirndorf und Würzburg hängen. Man war sich zunächst nicht im Klaren über den „Status“ des Iraners. So ging Zeit verloren. Der Hinweis kam nicht mehr bei dem Asylbewerber an, der sich zu dieser Zeit auf Besuch bei seiner Schwester in Köln aufhielt und erst am Tag vor dem Suizid zurückkehrte.

Am 13. Februar (12 Uhr) wollen Asylbewerber und andere Gruppen in Würzburg am Sternplatz mit einer Kundgebung an Mohammad Rahsepar erinnern und gegen die Flüchtlingspolitik demonstrieren. In einer Erklärung mahnt die SPD Verbesserungen bei der Unterbringung und Betreuung von Asylbewerbern an.

SPD fordert Verbesserungen

Würzburgs SPD-Chef Eberhard Grötsch und der SPD-Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib (Ochsenfurt) warnen zwar vor übereilten Schuldzuweisungen. Aber wenn man wie die Staatsregierung eisern am System der Massenunterkünfte festhalte, müsse man „endlich die Zusage für eine durchgreifende Verbesserung der Verhältnisse für die Asylbewerber in der Gemeinschaftsunterkunft einlösen.“ Grötsch hält ein grundlegendes Umdenken bei der Unterbringung von Asylbewerbern für erforderlich: „Zahlreiche bayerische Sondervorschriften enthalten soziale und psychologische Härten für Asylbewerber, die nicht sein müssten und die die ohnehin schwierige Lage verschärfen“, heißt es in der Stellungnahme.

Zuvor hatte der Erlenbacher Landtagsabgeordnete Hans Jürgen Fahn (Freie Wähler) Verbesserungen gefordert: „Gemeinschaftsunterkünfte können krank machen“, ist der Landespolitiker überzeugt. Die Versorgung der Flüchtlinge mit Essenspaketen hält er für „menschenunwürdig“, sie sollten sofort abgeschafft werden. Ferner kritisiert er die Stacheldrähte um die Gemeinschaftsunterkünfte in Würzburg und Aschaffenburg.

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