BAD KISSINGEN

Tagung: „Der Journalismus ist nicht am Ende“

Locker: Würzblogger Ralf Thees.
Locker: Würzblogger Ralf Thees. Foto: ROLAND PLEIER

Matthias Schonder, Twitter-Name „MatzeLoCal“, verkündete noch am Freitagabend sein Fazit, kaum war die Veranstaltung vorbei: „Es floss kein Blut. Die Kluft zwischen Bloggern und Journalisten ist also noch nicht so groß.“ Zugegeben, dafür braucht die Tageszeitung, die sonntags nicht erscheint, zwei Tage länger. Und das auf Papier gedruckte Resümee lautet beinahe so wie beim Diskussionszuhörer auf Twitter: Sooo schlecht ist das Verhältnis zwischen Online-Schreibern und traditionellen Journalisten offenbar nun nicht.

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Die Kunst des Zeitungsmachens im Web 2.0-Zeitalter - Vertreter der Medienbranche setzten sich am 11.06.2010 in Bad Kissingen mit der Zukunft der Zeitung auseinander. Anlass war die Veranstaltungsreihe "Kunst des Wirtschaftens" der Akademie Heiligenfeld Bad Kissingen in Zusammenarbeit mit der Main-Post-Akademie (Würzburg).


Zumindest verstanden sich die Diskutanten im Bad Kissinger Regentenbau nicht schlecht: Die Mediengruppe Main-Post hatte beim diesjährigen Wirtschaftskongress der Akademie Heiligenfeld zur Podiumsdiskussion geladen – es ging um die „Kunst des Zeitungsmachens im Web 2.0-Zeitalter“. Wo jeder „Bürgerjournalismus“ betreiben kann und das Weltgeschehen mehr und mehr im Internet gedeutet und kommentiert wird – hat da die Zeitung noch Zukunft? Oder, so spitzte der Moderator des Abends, Main-Post-Chefredakteur Michael Reinhard, die Frage zu: „Funktioniert die Welt sehr wohl auch ohne Journalisten? Wie lange wird es wohl noch professionellen Journalismus geben?“

„Etablierte Medien stehen mit ihrem Namen für Glaubwürdigkeit.“

Bernd Ziesemer, Chefredakteur des Handelsblatts

„Noch lange!“, sagt Bernd Ziesemer. „Und ich glaube, dass es ihn auch noch lange geben muss.“ Jeder, der sich als aufgeklärter Bürger versteht, müsse daran Interesse haben, ist der Chefredakteur des Handelsblatts überzeugt. Ob Fernsehen, Gedrucktes, Internet – wo dieser professionelle Journalismus stattfindet, sei „nicht entscheidend“. Doch er sei skeptisch, „ob sich im Internet ein Geschäftsmodell entwickelt, das das möglich macht“. Blogs, also von Jedermann geschriebene Tagebücher oder Journale im Internet, findet Ziesemer zwar gut. Aber: „Ich glaube nicht an die Weisheit der Vielen.“

Da war es an Ralf Thees, freiberuflicher Webdesigner aus Würzburg, das Bloggen zu rühmen. Thees ist Gründer und Macher des „wuerzblog“, der das Leben und Treiben in und um Würzburg im Internet begleitet. Am Freitag war er kurzfristig als Diskutant eingesprungen. Weil Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier am Morgen abgesagt hatte – ein Auftrag der FAZ war ihm wichtiger.

Dafür also der kreative Würzblogger: „Ich kann vieles schreiben, was in der Main-Post nicht auftaucht“, sagt Thees, studierter Informatiker und Theologe. Kein Chefredakteur, keine Festlegung auf Sparten – „da habe ich die große Freiheit“. Und selbstbewusst fügte der Blogger an: „Wenn es hart auf hart kommt, war ich immer schneller.“ Beispiel bitte? „Den Verkauf des Hotelturms hatte ich nachts drin.“ Jedoch, und das glättete die Debatte bevor eine Woge aufkommen konnte, gestand Thees lächelnd: „Ich bin bekennender und auch zahlender Online-Abonnent der Main-Post.“

„Persönlich zweifle ich nicht an der Zukunft des Journalismus. Das bestehende Geschäftsmodell der Verlage ist es, das sich auflöst“, twitterte derweil aus dem Saal der Würzburger Tilman Hampl. Und auf dem Podium formulierte es Claus Eurich, Professor für Kommunikationswissenschaft und Ethik der Uni Dortmund, so: „Journalismus ist nicht am Ende, ganz und gar nicht.“ Aber man müsse sich darauf einrichten, dass die Zahl der Nutzer und Bezahler immer kleiner werde. Das sieht auch der Geschäftsführer der Mediengruppe Main-Post, David Brandstätter: Die Konkurrenz von Branchen-Fremden – beispielsweise bei den Immobilien-Anzeigen – sei „lange nicht ernst genommen worden.“ Nun gefährde das Internet das klassische (Anzeigen-)Geschäftsmodell der Verlage, das den Qualitätsjournalismus finanziert. Da hat es Ralf Thees gut, der mit Bloggen kein Geld verdienen muss: „Ich habe keine Kunden, ich habe Leute, die meinen Blog gerne lesen.“

Medienprofessor Eurich mahnte: „Die Presse hat einen Dienst zu erweisen.“ Und zählte die „Grundfunktion des Journalismus“ auf: Neben der Information seien das die Förderung der Meinungsbildung, Kritik und Kontrolle, die Integration gesellschaftlicher Gruppen und – „ganz wichtig“ – die Forums- und Artikulationsfunktion. Schließlich diene der Journalismus „grundsätzlich“ der Demokratie – und dem Frieden.

Wie sah es mit dem Frieden unter den Referenten aus? Vom Würzburger Lokalteil der Main-Post „könnte ich die Hälfte der Inhalte locker schreiben“, meinte weiter selbstbewusst Ralf Thees. „Das sind Banalitäten, und ganz schlimm ist es in der Faschingszeit.“ Zuhörer Matthias Schonder twitterte die Nachricht aus dem Regentenbau sogleich in die Welt: „breaking news: @wuerzblog übernimmt den Würzburger lokalteil der mainpost!“.

Die augenzwinkernde Eilmeldung kam zu eilig, und David Brandstätter verteidigte die ausführliche Prunksitzungsberichterstattung in der närrischen Zeit: Da werde das Engagement der Vereine gewürdigt, die Leser wollten sich schließlich in der Zeitung auch bestätigt sehen.

In einem Punkt waren sich alle einig: Es geht nichts ohne gründliche Recherche! „Derjenige, der keine Zeitung liest, ist in der Regel schlechter informiert als der Zeitungsleser“, sagt Bernd Ziesemer. Und auch Ralf Thees hat die gedruckten Blätter nicht abgeschrieben: „Ich glaube nicht, dass der wuerzblog ein Ersatz für die Tageszeitung ist.“

 

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